Einsam sterben in Berlin mit der "Frau Luna"

Premierenkritik IST DIE WELT AUCH NOCH SO SCHÖN von Ulrike Schwab  und Juliane Stadelmann an der Neuköllner Oper uraufgeführt
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Berlin wird in naher Zukunft 4 Millionen Einwohner beherbergen. Als Behausungen stehen sowohl Miet- als auch Eigentumswohnungen resp. -häuser zur Verfügung (oder nicht); die wenigsten der HauptstädterInnen leben freilich auf der Straße, wohnungssuchend heißt ja nicht, dass es vorher dann keinerlei Beherbergung der Wohnungssuchenden gegeben hätte, meistens wohnten sie halt dann woanders oder anderswie, d.h. in einer für sie vielzu kleinen oder vielzu großen überdachten Einwandung, auch Gründe der verändernden Familiengröße oder plötzliche Familienlosigkeit waren/sind ausschlaggebend dafür, was für einen (neuen) Wohnraum wer sich wünschte.

Immerhin: Weit über 50 Prozent aller Berliner Haushalte wären angeblich Singelhaushalte, wo jeweils Eine oder Einer ganz allein eine Behausung mit sich teilt.

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Die sog. "Einsamkeitsstudie" von Ulrike Schwab und Juliane Stadelmann unter dem umständlichen Titel Ist die Welt auch noch so schön (frei nach dem gleichnamigen Schlager von Paul Lincke aus Frau Luna) beschäftigte sich nunmehr voller Empathie und Inbrunst mit fünf Leuten aus besagter Klientel der hauptstädtischen Singelhaushalte:

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Ein alter Mann (Herr K.) wäre vor ungefähr drei Monaten gestorben, und er würde erst danach in seiner Wohnung aufgefunden und - wahrscheinlich - in 'nem Sack oder in einer Kiste aus dem Haus entfernt. Fünf NachbarInnen konstatierten sein urplötzliches Verschwundensein und fingen an über den Weggestorbenen und über sich und ihre Restwertzeiten bis zum Selberwegsterben zu spintisieren...

Die Ausstatterin Jule Saworski baute ihnen hierfür eine Reihe schrankartiger Wohneinheiten gleich fünf hochkant aufgestellten, deckellosen Särgen. Hierin taten die AkteurInnen Angela Braun (als alleinerziehende junge Mutter), Martin Gerke (als Nachbar seiner Nachbarin, aber auch als sich nacherzählender Herr K.), Jörg Daniel Heinzmann (als Versicherungsvertreter), Maja Lange (als Kioskbetreiberin) und Vera Pulido (als "ausländische" Musikerin und Nachbarin ihres Nachbarn) von sich selbst und ihren Querverbindungen zu dem Hinweggeblichenen, der halt die Platte mit Frau Luna noch zu seinen Lebzeiten durchs Mietshaus hätte schallen lassen, sprechen und die eine oder andre Weise aus der Lincke-Operette vorsingen oder zitieren. Misha Cvijovic schuf die entsprechend für den Raum und die Besetzung kompatibelen Arrangements, und J. D. Heinzmann (am Klavier) und V. Pulido (am Computer) waren für die Einstudierung und das Sounddesign der Aufführung verantwortlich.

Man wunderte sich auf und vor der Bühne - und nicht erst am Schluss des Eineinviertelstündlers - , wie es überhaupt passieren kann, direkte Mit-und-Neben-Existenzen bloß als körperloses "Faktum" statt direkter Wahrnehmung von Ein- und Ausatmungen seines jeweiligen Gegenübers zu begreifen. So gesehen machte auch der Schluss-Imperativ, der von M. Gerke vor dem Black-Off hergesprochen wurde, einen tiefen Sinn: "Tot stellen oder Angriff".

Anonymes Großstadtleben.

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Anrührendes und zum Nachdenken zwingendes Stück.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 10.05.2019.]

IST DIE WELT AUCH NOCH SO SCHÖN (Neuköllner Oper)
Eine Einsamkeitsstudie von Ulrike Schwab und Juliane Stadelmann mit Musik aus Paul LinckesFrau Luna

Text: Juliane Stadelmann
Idee/Fassung/Regie: Ulrike Schwab
Arrangement: Misha Cvijovic
Bühne/Kostüm: Jule Saworski
Musikalische Leitung/Einstudierung: Jörg Daniel Heinzmann
Sounddesign: Vera Pulido
Dramaturgie: Marion Meyer
Mit: Angela Braun, Martin Gerke, Jörg Daniel Heinzmann, Maja Lange und Vera Pulido
Uraufführung war am 9. Mai 2019.

10:41 10.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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