FAMILIE BRASCH von Annekatrin Hendel

Dokumentarfilm Frauen und Männer um T. Brasch
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Um den Schriftsteller und Filmregisseur Thomas Brasch (1945-2001) war es "bis eben" wieder etwas ruhig/ruhiger geworden. Eines seiner unbedeutenderen Stücke, Mercedes, konnte man 2011 noch am BE zur Kenntnis nehmen - in dem selben Jahr lief Christoph Rüters Dokumentarfilm BRASCH - Das Wünschen und das Fürchten in den Kinos; ja und schließlich tat 2017 das Gefangenentheater aufBruch Rotter spielen... Alles Sachen, die auf unserem Kanal besprochen wurden.

Thomas Brasch "wurde als Sohn jüdischer Emigranten im englischen Exil geboren. 1947 siedelte die Familie in die sowjetische Besatzungszone über. Hier begann die politische Karriere des Vaters Horst Brasch (1922–1989), die ihn bis ins Amt des stellvertretenden Ministers für Kultur der DDR beförderte. Thomas Braschs Mutter Gerda Brasch stammte aus Österreich. Sie war Journalistin und veröffentlichte Mitte der 1950er Jahre in einer Cottbuser Lokalzeitung das erste Gedicht ihres Sohnes. Brasch hatte zwei Brüder, Klaus Brasch (1950–1980) und Peter Brasch (1955–2001) sowie eine Schwester Marion Brasch (* 1961). " (Quelle: Wikipedia)

Und von dem jüngsten und als Einzige noch lebenden seiner Geschwister - Marion Brasch - geht nunmehr die Erzählung resp. die Gesamterzählung der Familie Brasch aus.

Eingebetteter Medieninhalt

Annekatrin Hendel (Buch, Regie und Produktion) vermeinte ihre gleichnamige Dokumentation mit Eine deutsche Geschichte untertiteln zu müssen und obgleich sie sich dann ausgerechnet und v.a. mit dem Grenzenüberschreitenden und -sprengenden jener Familiensaga auseinandersetzte. Insbesondere kommen in ihrem gründlich recherchierten und auch dramaturgisch gut gestrickten Film Frauen (und Männer!) ausgiebig zu Wort, die eingestand'ner Maßen der Persönlichkeitsausstrahlung Thomas Brasch´s nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern und vor allem auch erotisch, regelrecht verfallen waren; diesen allzu menschlichen Aspekt - "zusätzlich" zu der Menge an gesellschaftlich-politischen Themata - abgearbeitet zu haben, dürfte zweifelsohne auf das vorliegende Dokument noch neugieriger machen.

Hendels Film geht so los:

Marion Brasch wird in New York gezeigt. Dort weilt sie, um aus ihrem Buch Ab jetzt ist Ruhe (Roman meiner fabelhaften Familie) zu lesen. Sie trifft - von dem Dutzend Interviewpartnern des anderthalbstündigen Streifens - den womöglich "undramatischsten" und also lockersten Gesprächston. Weil sie halt die Allerjüngste im Geflecht der mit privaten und politischen Groß- als wie kleinen Katastrophen durchgewalkten Family gewesen war, verstand sie freilich Vieles dieser großartigen Kämpfe anfangs nicht. Erst später und so nach und nach konnte sie Dies & Das dann für sich einordnen und/oder in Beziehung zu den Eltern, zu den Brüdern und zu damaligen Wende-Zeiten stellen.

Und obwohl es eigentlich um die Familie Brasch im Ganzen gehen müsste (und auch geht), wird immer wieder, fast schon leitmotivisch, auf das schillerndste und auch "berühmteste" Familienmitglied, nämlich Thomas Brasch, egal aus und mit welcher Perspektive, abgehoben. Da gab´s beispielsweise einen unversöhnlichen Vater-und-Sohn-Konflikt, der sich (wahrscheinlich) dann zum allerersten Mal in dieser Deutlichkeit auslebte, als Horst Brasch den noch nicht einmal Pubertierenden in die Kadettenanstalt steckte, die ihn als 'nen linientreuen NVA-Soldaten vorertüchtigen und stählern sollte; der brutale Vaterplan ging da nicht auf, der Sohn flehte ihn brieflich an ihn aus der Drillhölle so schnell wie möglich zu befreien; doch der Hilfeschrei blieb ungehört.

Christoph Hein, nur ein Jahr älter als T. Brasch, behauptet eine Art verführerischen Einfluss auf den Freund gehabt zu haben; zu der Zeit, als sie sich kennenlernten, fassten Beide ihren ungezügelten Entschluss Schriftsteller werden zu wollen; H. Brasch wäre der Umgang seines Sohnes mit dem Hein nicht koscher genug gewesen; Hein wurde sodann (infolge seiner sowie der Proteste Gleichgesinnter gegen die brutalen Niederschlagungen des Prager Frühlings 1968) von der Filmhochschule exmatrikuliert, T. Brasch "besetzte" seinen frei geword'nen Platz darauf - diesen Zusammenhang hätte dann Hein, zu Lebzeiten T. Brasch´s, nie angesprochen...

Gierig lauscht man den Privat-Verlautbarungen von Bettina Wegener, Katharina Thalbach oder Petra Schramm - sie waren die drei Frauen, mit denen T. Brasch ein Liebesverhältnis hatte und mit denen er, mehr oder weniger, in Partnerschaft zusammenlebte. Auch Wegeners & T. Brasch´s einziger Sohn Benjamin Schlesinger wird interviewt; seine Beziehung zu dem leiblichen Vater tendierte und tendiert noch heute gegen Null.

Über die beiden jüdischen Eltern - Gerda & Horst Brasch - erfährt man "Stationäres", und es gibt sie in historischen und/oder in privaten Filmsequenzen hin und wieder kurz zu sehen. Sie lernten sich während ihres Exils in London - bezeichnender Weise bei Gründung der FDJ Großbritannien - kennen; nach London gerieten sie mit einem rettenden Kindertransport... Dass der bei seinem späteren Stiefvater in Bichl/Oberbayern aufgewachsene und dort zum Katholiken assimilierte ehemalige Fabrikantensohn eine derart auffällige und in sich doch äußerst widersprüchliche Karriere als späterer SED-Funktionär und stellvertretender DDR-Kulturminister eingeschlagen hatte, registriert man schon mit Hocherstaunen. Auch die beiden nach T. Brasch gebor'nen Söhne Klaus & Peter Brasch kriegten mit ihrem Vater eisigste Probleme - Klaus starb 30jährig, Peter 46jährig...

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Hendel rubriziert die Filmkapitel ihrer Dokumentation mit den sechs Vornamen der sechsköpfigen Family und andrerseits mit ausgewählten Jahreszahlen - 1939 (Flucht), 1945 (Kriegsende), 1968 (Prager Frühling), 1976 (Ausbürgerung Wolfgang Biermann), 1989 (Wende) usw.

Ja und wie bereits erwähnt: T. Brasch ist innerhalb der filmdokumentarisch vorgeführten Saga, vom "Gewicht" her, der Hervorgehobenste. Das wäre allerdings auch, um kurzweilige Erzählflüsse nicht groß zu torpedieren, nicht viel anders machbar gewesen. Es ist wie im wahren Leben; es gibt Stars und Sternchen, auch privat und also auch im kleinsten Kreise der Familie.

Sehens-, hörenswert.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 15.08.2018.]

18:00 15.08.2018
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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