Frank Castorf inszenierte Kästners FABIAN

Stückbetrachtung 5 Stunden im BE verweilt
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Bei den Recherchen hinsichtlich der aktuellen Fremdtextnutzung in Frank Castorfs neuer Großoper Fabian oder Der Gang vor die Hunde stieß ich vor ein paar Minuten auf Materialgestütztes Charakterisieren einer literarischen Figur am Beispiel "Inferno im Hotel" von E. Kästner, wo es (an die Adressaten der Beruflichen Oberstufe, Deutsch, Jahrgangsstufe 12 gerichtet) folgendermaßen heißt:

"Die Unterrichtseinheit beginnt mit der Textbegegnung der ErzählungInferno im Hotel(vgl. Primärliteratur), wobei vorab Erwartungen und Assoziationen zum Titel, zur Entstehungszeit oder auch zum Autor thematisiert werden können. Beim Lesen bieten sich Lesestopps an, um Vermutungen zum weiteren Verlauf bzw. zum Ausgang der Erzählung zu diskutieren. Nach der Lektüre ist es sinnvoll, die Leseerfahrungen der SchülerInnen, insbesondere Überraschungsmomente oder offene Fragen, zu bündeln, z.B. in Form eines Placemat. Nach der Nennung der Einzelmeinungen erfolgt die Bündelung der Antworten im Mittelteil (M1). Beispielhafte Nennungen sind in M1.1 dargestellt. Im Unterrichtsgespräch können bereits erste Vermutungen für Motive oder Hintergründe diskutiert werden, wobei den SchülerInnen auch bewusst werden soll, dass es in der Literatur auch Aspekte gibt, die nicht gänzlich oder nicht eindeutig geklärt werden können. Nichtsdestotrotz erfüllt diese Phase der Unterrichtseinheit den Zweck, Neugierde und Fragehaltungen sowie Motivation für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Figur 'Peter Sturz' zu wecken. Darüber hinaus bietet diese Phase Raum für persönliche Betroffenheit und Lebensweltbezug: Habe ich derartige oder ähnliche Ausgrenzungsmomente auch schon persönlich erlebt? Inwiefern sind 'Klassenunterschiede' auch heute spürbar? Habe ich mich auch schon überfordert gefühlt mit bestimmten Benimmregeln oder bestimmten Kreisen/Gesellschaften? Dies sind nur einige Beispiele für mögliche Fragen zur Reflexion der eignen Betroffenheit." (Quelle: lehrplanplus.bayern.de)

Frank Büttner - neben Margarita Breitkreiz und Marc Hosemann einer der treuesten und langlebigsten Family-Mitglieder aus der guten alten Volksbühnen- und Castorfzeit, denen am letzten Wochenende sichtlich wiederbegegnet zu sein eine besonders rührselige Freude in mir auslöste - sprach den Inferno-Text, wo ein Metallarbeiter einen Domestiken tötet, weil der ihn "von oben 'rab" behandelte, obgleich die standesmäßige Barriere zwischen diesem Domestiken und dem ihn ermordenden Metallarbeiter eigentlich doch unerheblich ist, denn beide tun de facto lediglich die Unter- statt die Oberschicht vertreten.

Jedenfalls war DAS mein Highlight Nummer 1 der fast fünf Stunden währenden Neuinszenierung Castorfs fürs und am BE!

Eingebetteter Medieninhalt

Noch vor der Pause traten da (außer dem Büttner und der Breitkreiz und dem Hosemann) auch noch Andreas Döhler, Sina Martens, Clara De Pin sowie Madita Mannhardt auf.

Für Fabian-Unkundige (so wie mich) war allenthalben Folgendes, von seiner Handlung her, in etwa nachvollziehbar: Intellektuelles Freundespaar Fabian/ Labude streunt durch "Babylon Berlin", der eine der zwei Männer fühlt sich mehr als Moralist, der andere mehr als das Gegenteil von dem, trotzdem lassen sie - ob moralisch oder unmoralisch - nichts dergleichen aus, es sind halt Golden Twenties angesagt, zudem kriegt Fabian von Labude hin und wieder Geld geschenkt, wahrscheinlich ist er mittellos bzw. mittellos geworden, was kein Wunder ist nach der Weltwirtschaftskrise; Slatan Dudows Kuhle Wampe flimmerte entsprechend auf - - ach so, hätte ich fast vergessen:

Aleksandar Denić' raumgreifende Drehbühne bedient sich diesmal der zu einer hüftschwingenden Riesenstripperin verwandelten Maria-Maschine aus Fritz Langs Metropolis, und auch der Ufa-Palast von 1928 wird zitiert, und es sind Filmplakate ansehbar. Und Adriana Braga Peretzki hat sich wiederum auch viele Kunstfedern von vielen Kunstvögeln für die Kostüme und den Kopfschmuck der vier mitwirkenden Frauen ausgedacht; Da Pin und Mannhardt treten meistens als Revuegirls auf, Breitkreiz spielt die Cornelia (oder Cordula oder Cordelia; hab' den Namen von der Fabian-Gattin längst vergessen), ja und Anna Wohlfahrt spielt sensationell Klavier!

So richtig nacherzählbar ist die Chose diesmal nicht, aber das ist auch völlig wurscht. Das, was der Castorf aus den Schauspielern herauszuholen vermag, bleibt aus- und auffällig. Die physische und völlig schonungslos sich gebende Totalpräsenz seiner Akteure, die all das mit beispielloser Lust und Leidenschaft, vielleicht auch ihm zuliebe, tun, ist singulär. Wer nennt mir einen oder eine aus der gegenwärtigen Phalanx wahrhaftig nennenswerter Regisseure oder Regisseurinnen, der/ die mit Hauptdarstellenden - und bei den Castorfopern gibt es nun mal keine Nebenrollen - annähernd derart verführgewaltig arbeitet wie er: Berserker trifft auf Berserker (nur Schleef fällt mir vergleichsweise noch ein, doch Schleef schläft seinen Tod seit nunmehr 20 Jahren; ruhe sanft, Verehrtester).

Also, ich kürze ab:

Mein Fabian-Highlight Nummer 2 ist Castorfs hochprivate Einarbeitung seiner selbst, was mir der Hosemann auch mittels SMS-Zitaten aufs Dezente oder weniger Dezente offerierte; und ich ahnte, dass es sich womöglich um Jeanne Balibar und den Sichaufgeschlüsselthabenden gehandelt haben könnte, war mir da jedoch nicht sicher - was hingegen richtig und plausibel 'rüberkam, war jener so verflixte Kunst-und-Leben-Gegensatz, wie ihn z.B. Thomas Mann thematisierte. Und warum nicht Castorf auch? Es ist sein gutes Recht, und seine monologisierenden Betrachtungen oder Entschlüsse zu dem ihn und mich und viele andere so auszehrenden Liebeslust-und-leidtheater haben schon einen Verallgemeinerungseffekt.

Der Wolfgang Michael (als schattenabluchsender Teufel) und der Hosemann (als ihm verfallener Peter Schlemihl) boten bei ihrer hochgrandios-gigantisch-komischen Kartoffelsalatszene Anlass, selbige schlussendlich als mein Highlight Nummer 3 zu attestieren.

Unvergesslich ebenso Jonathan Kempf, der in dem letztenFabian-Stündlein eine schier atemberaubende und eigentlich ganz unbeschreibliche Performance hinlegte - die muss man live gesehen und gehört (!) haben, um mitreden zu können; lässt sich einfach nicht in Worte fassen!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 15.06.2021.]

Überwältigend wie eh und je.

FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE (Berliner Ensemble, 13.06.2021)
Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Sounddesign: William Minke
Licht: Ulrich Eh
Videokonzeption: Jens Crull und Andreas Deinert
Dramaturgie: Amely Joana Haag
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink
Live-Kamera: Andreas Deinert und Kathrin Krottenthaler
Tonangel: Matthias Hofmann und Jonathan Bruns
Live-Schnitt: Jens Crull und Maryvonne Riedelsheimer
Mit: Frank Büttner, Andreas Döhler, Marc Hosemann, Jonathan Kempf, Sina Martens, Wolfgang Michael, Margarita Breitkreiz, Anna Wohlfarth, Madita Mannhardt und Clara De Pin
Premiere war am 12. Juni 2021.

23:12 14.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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