FUCK THE FACTS an der Neuköllner Oper

Uraufführung Musiktheater zum Thema Jacob Appelbaum
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Alles an der heute Abend in der Neuköllner Oper stattgefunden habenden Uraufführung Fuck the facts lief auf Recherchematerial der Berliner Journalistin Anna Catherin Loll hinaus - sie hatte zum Fall des US-amerikanischen Internet-Hackers Jacob Appelbaum (und "Fall" steht hier im buchstäblichen Sinne) ausgiebige Nachforschungen angestellt und anschließend die Resultate ihrer investikativen Abmühung in taz, The Guardian und Die Zeit publik gemacht; ja und damit in ungefähr begründ- bzw. nachvollziehbar würde, worum es in dem Event in der Karl-Marx-Straße tatsächlich gehen sollte, tat die hausinterne Website gleich mal auf drei Links verweisen, die die jeweiligen Printmedien-Artikel unserer umtriebigen Autorin und gleichsam Verfasserin des Textes zum Musiktheater Fuck the facts zum Vorschein brachten...

Loll leitete beispielsweise ihre lesenswerte taz-Geschichte, die sich wahrlich wie ein Krimi liest, mit folgenden bemerkenswerten Sätzen ein:

"Es geht in dieser Geschichte um vier Dinge. Erstens um die Frage, ob Jacob Appelbaum unschuldig ist. Zweitens um die Frage, ob dieser Mann ein Arschloch ist. Drittens um die Frage, ob er ein Vergewaltiger ist. Und viertens geht es darum wie, unabhängig von der Beantwortung dieser drei Fragen, mit einem Beschuldigten umgegangen werden soll." (Quelle: taz.de v. 10.12.2016)

Damit sich Loll jedoch jetzt nicht thematisch/stofflich breitbandhafter Weise wiederholte, kam man justament auf die Idee, quasi vom Einzelfall dieses Besonderen (beim Hacker Appelbaum, dessen gesellschaftlicher Demontage-Akt bei Wikipedia unter "Kontroverse über Nötigungsvorwürfe" rubriziert wurde) auf sozusagen etwas Allgemeingültigeres herabzukürzen - so in etwa:

"Willkommen im Zeitalter der Selbstermächtigung. Einfach den Rechner anschalten und twittern, posten und trollen was das Zeug hält. Self-entitlement worldwide, das galt für die Virtual Spaceriders des Artischocken-Kultes schon immer. Motto: Make Internet great again! Aber was passiert, wenn die Artischocken sich gegenseitig an die Gurgel gehen? Um einen Wald in ein Häuflein Asche zu verwandeln braucht es nur eine Zigarette. Um das Internet brennen zu lassen braucht es nur einen tweet. Ob Fake, ob Fakt oder Fiktion? Egal, ICH habe gesprochen. ICH brauche keine Gegenrede, ICH bin schon Demokrat. Fuck the facts, you`re not my Dad! Unsere fiktive Geschichte spielt (auch) mitten in Berlin. / Informiert durch einen wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village. Wir fragen: Wer spricht eigentlich da draußen im privatisierten Internet-Gericht? Wer sind die selbsternannten Cyber-Sheriffs? Und warum haben sie uns ein großes Holzpferd mitgebracht?" (Quelle: Neuköllner Oper)

Wahrscheinlich hatte Christian Römer (Mitautor und Regisseur von Fuck the facts) sich diesen Quasi-Umriss ausgedacht; er war und ist - lt. seiner künstlerischen Kurzvita - erfahren mit so hie und da durchaus funktioniert habenden "theatralen Diskursformaten an der Schnittstelle zwischen Netz- und Kulturgesellschaft".

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Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Allen Boxer und Mario Klischies (in alphabetischer Reihenfolge), die vier hochsympathische Sängerinnen und Sänger, sangen einen ca. 70minütigen und durch Bijan Azadian von seinem Apple-Notebook aus gesampelten Händel-Messiah, also Rezitative, Arien, Duette, Quartette oder Chöre. Und sie sangen das nicht nur, sondern sie spielten und - sie tanzten es sogar; das sah bei ihnen freilich sehr, sehr schön aus, weil: Vier junge schöne Menschen seh'n halt immer sehr, sehr schön (und sexy!) aus. Auch wollten wir dann ruhig in naher Zukunft insbesondere den Allen und die Hrund in echt sowie in live bei einer echt-live dargebotenen Mesiah-Aufführung erleben; was wir hier und heute (Fuck the facts) koloratös geboten kriegten, war dann schon mal sehr, sehr vielversprechend!!

In der stilisierten Badewannen-Szene [s. Foto unten] konnte man vielleicht als Außenstehender oder Nichteingeweihter einer Hacker-Antihacker-Subkultur erahnen, dass auch in so überselbstbewussten Whistleblowerkreisen ab und an das Allzumenschliche obsiegt: Kam eine Schlampe unverhofft des Wegs, um nach vollzog'nem Sex vor aller Augen zu behaupten, dass sie vergewaltigt worden wäre oder so - kann man(n) nix machen; muss man(n) sehen, wie man(n) aus der Falle wieder raus kommt...

Eingebetteter Medieninhalt

Kurz vorm Ende fielen dann noch moraline Schlussbemerkungen à la Was-lernen-wir-aus-der-Geschichte? Hm, weiß ich jetzt auch nicht so auf Anhieb zu erklären.

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Leicht und lustig war es allemal.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 13.09.2017.]

FUCK THE FACTS (Neuköllner Oper, 13.09.2017)
Regie: Christian Römer
Text: Anna Catherin Loll
Musikalische Produktion / Leitung: Bijan Azadian
Video / Sound: Mario Simon
Choreographie: Yuko Matsuyama
Ausstattung: Grit Wendicke
Mit: Allen Boxer, Hrund Ósk Árnadóttir, Angela Braun, Mario Klischies und Bijan Azadian
Uraufführung war am 13. September 2017.
Weitere Termine: 19., 20., 26., 29.09. / 01., 05.-08., 12.-15., 20.10.2017

http://www.neukoellneroper.de

00:44 14.09.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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