Herbert Fritsch inszenierte COSÌ FAN TUTTE

Premierenkritik Farbe, Licht und großer Jubel in der Hamburgischen Staatsoper
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Als ich gestern Nachmittag bei meinem Hinweg Richtung Hamburgische Staatsoper - wo die Premiere von Così fan tutte unmittelbar bevorstand - Herbert Fritsch (den aktuellen Così-Regisseur) vor einem nahen Café sitzen sah, dachte ich mir: der wird nicht älter, der sieht immer noch so aus wie vor Jahrzehnten, der bleibt ewig Kind... Ich kenne ihn bisher persönlich nicht, aber ich sah ihn freilich oft (als Zuschauender) in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo er ab den 1990ern doch ziemlich lang zum festen Kern der um (oder noch besser:) für Frank Castorf "dienenden" Gemeinde zählte. Dann entdeckte er wie im Affekt sein bühnenbildnerisches und sein choreografisches, regieliches Talent; als Murmel Murmel in 2012 Premiere hatte, war er bereits längst vom Castorf-Clan gewissermaßen abgenabelt. Seither inszeniert(e) er, auch dort, aufs Hyperventilierendste drauf los, und die THEATERTREFFEN in der deutschen Hauptstadt laden seine Produktionen unaufhörlich ein - - nach dem (kultur-)politisch motivierten Großzerstörungsakt des Castorf'schen Gesamtkunstwerkes à la Hüter ohne Haus bekam der Fritsch jetzt erst mal durch den Ostermeier eine Art Berlin-Asyl (Schaubühne am Lehniner Platz); dort fiel er ganz zuletzt mit Zeppelin und Null auf...

Alle Inszenierungen von ihm haben eine v.a. optische Prägnante. Es gibt Farben über Farben, und du wirst bei all dem "Einatmen" von so viel Farbe rauschhaft animiert, dass du am Ende nicht mehr weißt, wie alle diese vielen Farben eigentlich dann heißen. So geschehen auch während der über dreistündigen Così-Aufführung, wo ihm (dem Bühnenbildner/Regisseur in Personalunion) die mehrfach ausgezeichnete Kostümdesignerin Victoria Behr und der für die Beleuchtung zuständige Carsten Sander "assistierten": sie steckte das darstellende Personal in aberwitzige Klamotten, er färbte den Raum mit wechselnd buntem Licht.

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All dieses Äußere würde bloß halbwegs funktionieren, wären da nicht Fritsch´s bestechende Personenführungen: Den Così-Mozart ist er nicht bereit mit philosophischer Hinzutuung oder mit psychoanalytischer Seziererei zweckzuentfremden. "So machen es alle", jene Titelzeile der besagten Oper, stellt für ihn sowohl das Motto als auch die Gebrauchsanweisung sexuell aktiver oder wenigstens gewillter (also sexuell gewillter) Menschen unsrer Tage dar. Das überzeugt sofort, womöglich auch den prüdesten Beschauer dieser völlig ungezügelten und superbunten Runde. Ja und Fritsch´s AkteurInnen machen den Miesepetern kaspernd-frohgemut den Garaus, und die Chose tut sich peu à peu in allgemeinen Jux & Dallerei verlieren... / Sylvia Schwartz (Despina) und Pietro Spagnoli (Don Alfonso) sind dabei die ausgekochtesten der ausgekochten Überzeugungstäter; wie sie permanent in dem von ihnen angezettelten und ausprobierten Sexual-Paartausch ihrer vier Schützlinge zum eingreifenden Handeln kommen und erfolgreicher denn je ans Ziel gelangen, haben vor den beiden (Schwartz/Spagnoli) so vielleicht noch nie zwei andere AkteurInnen geschafft... // Maria Bengtsson (Fiordilligi), Ida Aldrian (Dorabella), Kartal Karagedik (Guglielmo) und Dovlet Nurgeldiyev (Ferrando) spielen derart lustvoll-göttlich wie sie sich zudem auch anhören. Was für'n Ensemble!!!!

Sébastien Rouland, ein altgedienter Spezialist auch fürs Barocke, dirigierte aus dem Handgelenk eine an leichtfüßiger Schwerelosigkeit und frisch-freundlichem Klang schwer überbietbare Abordnung des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg.

Das Premierenpublikum flippte aus vor lauter Begeisterung.

* *

Kann durchaus sein, dass diese immergleiche Masche Herbert Fritsch´s bald - früher oder später - ausgedient hat. Momentan hält man sie hochgeduldig aus; die Gute-Laune-Taktik durch viel Licht & Farbe greift wie eh und je... Nach Così fan tutte und Don Giovanni (an der KOB 2014) macht der Fritsch bestimmt auch noch Le nozze di Figaro; wir werden sehen, wenn wir das dann sehen sollten, ob es uns genauso gut (wie Così und Giovanni) dann gefällt.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 09.09.2018.]

COSÌ FAN TUTTE (Hamburgische Staatsoper, 08.09.2018)
Musikalische Leitung: Sébastian Rouland
Inszenierung und Bühnenbild: Herbert Fritsch
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Johannes Blum
Chor: Eberhard Friedrich
Besetzung:
Fiordiligi ... Maria Bengtsson
Dorabella ... Ida Aldrian
Guglielmo ... Kartal Karagedik
Ferrando ... Dovlet Nurgeldiyev
Despina ... Sylvia Schwartz
Don Alfonso ... Pietro Spagnoli
Chor der Hamburgischen Staatsoper
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Premiere war am 8. September 2018.
Weitere Termine: 12., 16., 18., 23., 26., 29.09.2018

20:36 09.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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