Hermann Nitsch kolorierte DIE WALKÜRE

Bayreuther Festspiele Farben, Farben, Farben... Was für'n Rausch!!!!!
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Von einem Kunstereignis ersten Ranges soll und muss wie folgt berichtet sein:

Der österreichische Maler und Aktionskünstler Hermann Nitsch - in ein paar Tagen wird er 83 - kümmerte sich um das Kolorit der diesjährigen Walküre bei den BAYREUTHER FESTSPIELEN!

[ Ihn auf den Grünen Hügel geholt und engagiert zu haben, erachten wir als eine der spektakulärsten Entscheidungen, seit Katharina Wagner Festspielleiterin dort ist. Sie stand ja wegen der Coronapandemie vor einem mehr und mehr sich aufgetürmt habenden Haufen von Dilemmata; der neueRingsollte dann eigentlich schon letztes Jahr vom Stapel gehen, doch das ging halt nicht, jetzt ist er schließlich für den nächsten Sommer dingfest eingepreist, und die zwei jugendlichen Durchstarter Valentin Schwarz und Pietari Inkinen könnten ab 2022 richtig loslegen... Die Wagner hat sich zwischenzeitlich, unterm Slogan RING 20.21, eine Art von Überbrückung und/ oder "Verlegenheitslösung" erdacht, wobei sowohl der Vorabend als auch die drei folgenden Bühnenfestspiel-Tage um den Ring des Nibelungen voneinander unabhängige Darreichungsweisen bieten resp. boten; ganz konkret werden und wurden so die Kammeroper Rheingold - Immer noch Loge von Gordon Kampe, die virtuelle Szene mit VR-Brille Sei Siegfried von Jay Scheib und die Installation The Thread of Fate/ Schicksalsfaden von Chiharu Shiota zur Diskussion gestellt. ]

Last but not least gestaltet(e) sich die in einer Art herabregnendem und diffus verspritztem Regenbogen eingetauchte konzertante Aufführung des ersten Bühnenfestspieltages in der farborgialen Ausgestaltung Nitschs zum eigentlichen Höhepunkt der laufenden Saison - und sowieso war/ ist diese Walküre daher das bildkünstlerische Nonplusultra, was es dieses Jahr zu registrieren galt; sie wäre gut und gern auch auf der documenta oder der Biennale von Venedig (wo in Kassel und am Lido schon vor vielen Jahren Nitsch-Objekte angesehen werden konnten) ausstell-/ aufführbar gewesen!! So gesehen kann sich glücklich schätzen, wer bei einer der drei ausschließlich nur diesen Sommer stattfindenden oder stattgefunden habenden Performances von ihm zugegen war.

Eingebetteter Medieninhalt

Auf offener und weithin einsehbarer Bühne erst mal nichts als lauter Weiß:

Eine frontal sichtbare Hauptwand und zwei links wie rechts in einem jeweiligen Gehrungswinkel von 22,5 Grad an sie anstoßende Nebenwände, alle drei um einen Deut nach hinten abgeneigt, davor ein es durch die drei Abgrenzungen "eingehegtes" riesengroßes Planquadrat; rechts/ links von ihm je eine Reihe mit zig Eimern voller Farben.

An der Bühnenrampe vorn Stühle aus hellem Holz - so viele, wie dann jeweils nötig sind, um den in vollständigem Schwarz gehüllten sängerischen Personal von Akt zu Akt Sitzmöglichkeit zu bieten.

Katharina Biber, Michaela Hetzel, Pia Kober, Leonhard Kopp, Dagmar Kunert, Erich Roth, Josef Smutný, Andreas Stasta, Federico Vecchi und Judith Weissenböck sind namentlich als Hermann Nitschs "Malassistentinnen und Malassistenten" ausgewiesen. Ihre Arbeit erfolgt in zwei aufgeteilten Gruppen: die eine begibt sich auf ein (für das Publikum unsichtbares) durchgängiges Podest hinter den drei (zu Aktbeginn jeweils noch blütenweiß leuchtenden) Wänden, von deren Oberkanten aus sie Farben aus kleinen oder großen Messbechern nach unten rieseln lässt - die anderen erledigen Arbeiten vor den drei Wänden, entweder verrühren sie die Farben in den Eimern; oder sie verschütten aus Messbechern Farben auf das Planquadrat, wobei sie Obacht geben müssen, dass sie auf dem soeben von ihnen verschütteten Nass nicht ausrutschen; oder sie verwischen im Hocken oder Knien etwas dicker von ihnen aufgetragene Farben mit ihren behandschuhten Händen; oder sie kehren mit einem Besen die verschütteten oder verriebenen Farben auseinander; oder sie schippen die zuviel von den drei Wänden herabgeflossenen Farben mit einer Kehrschaufel auf, um sie dann wieder in die Eimer zu befördern...

Dreimal - analog der drer Walküre-Akte - beginnt das Farbspektakel von vorn: Erst lauter Weißes. Dann die ersten Farb-Nasen (mit Gelb und Gelbtönen anfangend). Im Ersten Akt dominieren Grüntöne, im Zweiten Akt wird es zusehends blau und blauer und zum Schluss hin grau und grauer, und im Dritten Akt obsiegt das ganze Rotspektrum, auch wird mit Schwung aus Eimern mit den roten Farben selbige zu den drei Wänden 'rauf gespritzt - - - das Planquadrat unter den Füßen der Akteure glüht geradezu vor explodierten Farben.

Ja und Nitsch wäre nicht Nitsch gewesen, hätte er nicht wenigstens so eine Andeutung zu seinem blutvollen Orgien Mysterien Theater machen wollen:

Die Helferinnen und Helfer Tanja Pöhlein, Irmgard Seemann, Rolf Kaul und Martin Scholti geleiten (gegen Schluss des 2. Aktes) Katharina Biber, die Frau in Weiß, aufs farbtriefende Planquadrat, sie wird dort auf ein Holzkreuz aufgeschnallt und aufgerichtet; einer der Helfer kredenzt ihr mehrere Becher Blut, das in der Tat wie echtes (Tier-)Blut aussieht und aller Wahrscheinlichkeit auch ist, zu trinken, und das Blut, das sie natürlich statt zu trinken rechts an ihren Mundwinkeln nach unten über ihren weißen Umhang rieseln lässt, sodass sie letztlich wie eine Dahingeopferte aussieht, erzeugt ein infantiles Ungemach beim Zuschauen...

Thorwald Wild, ein eine Monstranz vor sich her tragender Mann, und Leonhard Kopp, so was wie'n Zeremonienmeister, begleiten (gegen Schluss des 3. Aktes) die von den vier Helferinnen und Helfern hereingetragene "Gekreuzigte" samt ihres blutbefleckten Umhangs auf das farbtriefende Planquadrat; der Zeremonienmeister ist darauf bedacht, dass die Monstranz von dem sie vor sich her Tragenden deutlicher als deutlich hoch gehalten werden soll...

Diese zwei stilisierten Nebenhandlungen vermögen nicht im Mindesten den orgiastisch sich bis dahin mitgeteilt habenden Farbenrausch zu stören, Nitsch hätte daher vielleicht sogar auf sie verzichten können; doch egal.

Und was das alles jetzt mit Wagners Walküre zu tun hat?

Selbstverständlich nichts.

Doch das war/ ist auch nicht die Frage, die wir uns hier stell(t)en.

*

Das Verrückte bei dem Ganzen: Die Walküre tut recht schnell ermüden, wenn man sie über fünf Stunden lang, trotz der zwei Pausen, dann so hört; v.a. diese ellenlangen Dialoge (Siegmund/ Sieglinde, Fricka/ Wotan, Wotan/ Brünnhilde, Brünnhilde/ Siegmund, nochmal Wotan/ Brünnhilde) nerven und zermürben fürchterlich - was da doch so paar Eimer bunte Farbe alles ausrichten, ergo: Von Müdigkeiten unserer- (und meiner-)seits dieses Mal keine Spur!!

* *

Der musikalische Eindruck ist - vergleicht man diese Aufführung mit der schier desaströs geklungen habenden Walküre, welche Plácido Domingo vor zuletzt drei Jahren hier im überdeckten Graben dirigierte - luftdurchlässig, aufgehellt und ordentlich, im Sinne von geordnet; und obgleich nicht/ noch nicht deutlich wird, was Dirigent Pietari Inkinen mit "seinem" zukünftigen Ring konzeptionell verfolgen könnte.

Lise Davidsen (Sieglinde) fällt ganz überdeutlich positiv aus allen Rahmen; doch das sind wir von ihr schon aus andern Häusern längst gewohnt.

Christa Mayer (Fricka): sehr, sehr gut.

Dmitry Belosselskiy (Hunding): auch nicht schlecht.

Klaus Florian Vogt als Siegmund: gewöhnungsbedürftig.

Zu Iréne Theorin (Brünnhilde) soll an dieser Stelle, höflichkeitshalber, nicht weiter eingegangen werden.

* * *

Ja und Günther Groissböck gab dann seinen Wotan erst mal wieder ab (Respekt!); „er möchte hier in Bayreuth beste Qualität abliefern und durch die lange Corona-Pause kann er das nicht garantieren“, erklärte die Festspielleiterin - wir Exklusivbesucher der Walküre-Generalprobe kamen gottlob dann doch noch in den Exklusivgenuss, ihn hiermit live erlebt haben zu dürfen; ja, das Potenzial, die Power und die insgesamte Ausstrahlung für diese Rolle hat er, ohne jede Frage, und wir wünschen ihm, dass er sie baldmöglichst dann wieder angeht, was dann sicherlich zu einem nächsten extraordinären Highlight der BAYREUTHER FESTSPIELE gereichen würde!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 29.07.2021.]

DIE WALKÜRE (Festspielhaus, 23.07.2021)
Musikalische Leitung: Pietari Inkinen
Idee, Konzept und Aktionskunst: Hermann Nitsch
Malassistentin und Passive Akteurin (Kreuz): Katharina Biber
Weitere Malassistentinnen und -assistenten: Michaela Hetzel, Pia Kober, Leonhard Kopp, Dagmar Kunert, Erich Roth, Josef Smutný, Andreas Stasta, Federico Vecchi und Judith Weissenböck
Helferinnen und Helfer: Tanja Pöhlein, Irmgard Seemann, Rolf Kaul und Martin Wild
Statist (Monstranz): Thorwald Wild
Licht: Peter Younes
Besetzung:
Siegmund ... Klaus Florian Vogt
Hunding ... Dmitry Belosselskiy
Wotan ... Günther Groissböck
Sieglinde ... Lise Davidsen
Brünnhilde ... Iréne Theorin
Fricka / Schwertleite ... Christa Mayer
Gerhilde ... Kelly God
Ortlinde ... Brit-Tone Müllertz
Waltraute ... Stephanie Houtzeel
Helmwige ... Daniela Köhler
Siegrune ... Nana Dzidziguri
Grimgerde ... Marie Henriette Reinhold
Rossweisse ... Simone Schröder
Festspielorchester
Premiere: 29. Juli 2021
Weitere Termine: 03., 19.08.2021
Besuchte Generalprobe war am 23. Juli 2021.

18:39 29.07.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 8
Andre Sokolowski

Kommentare 2