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Zeitgenössische Musik Kompositionen von Aribert Reimann, Helmut Oehring oder Beath Furrer unter freiem Himmel
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Claudia Herr- die mittlerweile nicht mehr wegzudenkende Sängerinneninstanz beim Hof Klang (im sog. Innenhof MK 15 in der Michaelkirchstraße nahe Berlin-Mitte), einer Veranstaltungsreihe des in puncto zeitgenössische Musik profund sich auskennenden Berliner Architekten und Mediators Steffen Kühn - fokussierte auch dieses Jahr die geballte Aufmerksamkeit des ihrem suggestiven Tun zuhörenden als wie zuschauenden Publikums brennglashaft auf sich, obgleich ihr mit Alexander Glücksmann (Klarinette), Klaus Schöpp (Kontrabassflöte und "etwas kleinere" Flöten) sowie Sophia Warczak (Harfe) handverlesene und hochvorzüglich musizierende Instrumentalisten und Kammermusiker nicht bloß zur Seite standen, sondern auch mit jeweiligen Soli zu brillieren wussten.

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Das Besondere dieses alljährlich stattfindenden Neue-Musik-Events besteht v.a. darin, möglichst viele Kurzstücke von Komponisten unserer und/oder etwas länger zurückliegender Tage nacheinander vorgestellt zu bekommen. Es sind meistens Werke, die auch die Geübtesten unter den Liebhabern und Hörern zeitgenössischer Musik womöglich nie zuvor (auf alle Fälle noch nicht live!) "serviert" bekommen hatten; ja und so gesehen handelte es sich mal wieder um reale Ur-Aufführungen, wenn man es aus der Perspektive ihrer Rezipienten sah.

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Die Morgenstern Lieder von Mátyás Seiber (1905-1960) haben einen wundersamen Nonsens-Touch. "Das Knie", eines der Nonsenslieder dieses Zyklus, identifizierte sich als solches insbesondere durch Claudia Herrs markante Textverständlichkeit; sie sang es vom Balkon aus, Alexander Glücksmann, der zuvor und anschließend Werke von Tiberiu Olah (1928-2002) und Roman Haubenstock-Ramati (1919-1994) solo spielte, begleitete auf seiner Klarinette.

Dann folgten Cviceni pro Gydli für Harfe, Gesang und Flöte [und sofort fragte ich mich, wer Gydli wäre, und ich kriegte es auch nachgerade nicht heraus] von Jan Kapr (1914-1988) - auffiel, dass die Herr, als Teil ihrer Performance, wunderbare Fratzen schnitt und ihre Zunge mehrmals, Richtung Harfenistin, rausstreckte; also auch optisch ein besonderer Spezialbrüller.

Gewissermaßen aus der Tiefe (= Keller) kletterte die Sopranistin - nach der Pause - Stufe um Stufe 'rauf ans Tages- resp. Abendlicht. Die Notenblätter des von ihr während des Klettervorgangs abgezwitscherten Parergon II zu Melusine von Aribert Reimann (83) "kletterten" mit ihr; als ihr dann irgendwann beim Auftauchen das Licht abhanden kam, rettete sie ein Handyträger in der Nähe, der ihr mittels seiner Handytaschenlampe geistesgegenwärtig Licht auf ihre Notenblätter sandte. Tolles Stück im Übrigen!

Nicht minder toll das spektakulär sich ansehende als wie anhörende Kontrabassflöten-Solo PHILIPP von Helmut Oehring (58)!! Und Klaus Schöpp tat bei ihm nicht nur etwa musizieren, sondern auch so zwischendurch vokal ein "Wait a minute" kurzzeitig verlauten lassen. Hochgrandios gespielt.

Danach Arparinetto. Tre pezzi per clarinetto ed arpa von Martin Christoph Redel (72).

Und das Alles schloss mit Invocation VI von Beat Furrer (65): Herr & Schöpp schienen sich da in einer musikalisch immer mehr und immer weiter aufheizbaren Art "Geschlechtsakt" [musikalischem Geschlechtsakt, wohl gemerkt!] rein impulsivisch zu ermutigen, sich diesbezüglich hochzustacheln und - im Umkehrschluss - die voyeuristische Gemeinde um sie her für ihren Paar-Akt zu begeistern! Animierendes, unmissverständlich-eindeutiges Stück Musik.

Also auch ein humoriges Augustvergnügen unter freiem Himmel.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 30.08.2019.]

Hof Klang (Innenhof MK15, 29.08.2019)
Tiberiu Olah: Sonatine für Klarinette solo
Màtyàs Seiber: "Das Knie" aus den Morgenstern Liedern für Sopran und Klarinette
Roman Haubenstock-Ramati: Liaisons 5 für Klarinette und Harfe
Jan Kapr: Cviceni pro Gydli für Harfe, Gesang und Flöte
Aribert Reimann: Parergon II zu Melusine für Sopran
Helmut Oehring: PHILIPP für Kontrabassflöte-Solo
Martin Christoph Redel: Arparinetto. Tre pezzi per clarinetto ed arpa op.71
Beat Furrer: Invocation VI für Sopran und Flöte
Alexander Glücksmann, Klarinette
Claudia Herr, Sopran
Klaus Schöpp, div. Flöten
Sophia Warczak, Harfe

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14:00 30.08.2019
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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