Sasha Waltz & Guests: EXODUS

Uraufführung Die designierte Intendantin vom Staatsballett Berlin ist kaum noch in der ursprünglichen Authentizität ihrer vergangenen Projekte wahrnehmbar
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EΞΟΔΟΣ - Exodos knüpfe (so wie der einleitende radialsystem.de-Text kundgibt, "an den existenziellen Themenkreis von Kreatur (2017) an. Zur Untersuchung kollektiver Dynamiken hebt Sasha Waltz in der Neuproduktion die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum auf. [...] Im Neugriechischen bedeutet "Exodos" das Ausgehen ins Nachtleben, den Auszug, die Flucht, sowie wortwörtlich den Ausweg. In welche Räume und Zustände wollen und können wir vordringen? Welche Kräfte entfesselt unser Drängen? In EΞΟΔΟΣ - Exodos untersucht Sasha Waltz, wie Menschen und ihre kollektiven Bewegungen durch die Sehnsucht bestimmt werden, aus dem Hier in ein Dort ausbrechen, aus dem Selbst ins Wir, aus dem materiellen Raum heraus in Räume aus Klang und Licht. Das Publikum bewegt sich für die gesamte Dauer der Aufführung frei im Raum. Die Dauer des Stücks beträgt voraussichtlich drei Stunden."

Das Letztere des Obigen, also diese "voraussichtliche(n) drei Stunden" konnte allenthalben (bei der aktuellen Hitze-Abart) fast als Vorwarnung, um nicht zu sagen "Drohung" verstanden werden; und so war es auch:

Eingebetteter Medieninhalt

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Exodos ist - mit Abstand - das womöglich allerschlechteste Projekt von Sasha Waltz (die/ihre Guests - Liza Alpízar Aguilar, Blenard Azizaj, Jirí Bartovanec, Davide Camplani, Clémentine Deluy, Davide Di Pretoro, Luc Dunberry, Charlotte Engelkes, Tian Gao, Peggy Grelat-Dupont, Hwanhee Hwang, Josh Johnson, Lorena Justribó Manion, Annapaola Leso, Margaux Marielle-Tréhoüart, Nicola Mascia, Thusnelda Mercy, Michael Mualem, Virgis Puodziunas, Sasa Queliz, Zaratiana Randrianantenaina, Aladino Rivera Blanca, Yael Schnell, Corey Scott-Gilbert, Claudia de Serpa Soares und Stylianos Tsatsos - sind von der subjktiven Schelte selbstverständlich ausgeschlossen), das ich je hier in Berlin und/oder anderswo zur Kenntnis nehmen durfte. Und ich konstatiere fragend und mit hochbesorgtem Kopfschütteln: Wohin verrennt sie sich? was will sie überhaupt?? was tut sie da???

Mein texanischer Freund, der früher mal (wie ich!) einer der glühendsten Sasha-Waltz-Fans war, wollte nicht glauben, was er gestern Abend live erfahren musste - als ich (s)eine abschließende Formel zu Waltz' aufwändigem Dreistünder nach der von ihm und mir erduldeten Tortour erfragte, sagte er nur: "Leere, Langeweile".

Also dass dann viel auch wenig oder nichts, dass groß auch klein und mickrig und dass lang langweilig sein kann, hat das allzu überstrapazierte - und v.a. roterfadenfreie - Mischding einmal mehr unter Beweis gestellt.

Waltz' Einlass & Entree - in seiner fast schon körperlichen und Intimerfahrung durch das wahrnehmende Publikum beinahe noch am sinnlich-nachvollziehbarsten gelungen - tut sich vordergründig als Projekt-Kunst aufdrängen. In durchsichtigen Plexiglas-Boxen hat sie (in ihrer Eigenschaft als Ko-Ausstatterin) ein paar von ihren mitwirkenden Guests als angescheinwerferte Ausstellungsobjekte 'reinpositioniert - der Rezipientendurchlauf ist zwar fast barrierefrei; aber man sorgt sich dennoch, und je mehr es eng und enger um einen herum wird, dass man hoffentlich nicht seinem mitlaufenden Nachbarn oder einem plötzlich durchquerenden Tänzer aus Versehen auf die Füße tritt... Dieser auf zwanglos ausseiende Eintritts- und Begrüßungs- resp. Galerieteil dauert ca. eine halbe Stunde.

In dem Nebensaal bläst eine Windmaschine kühle Luft durch das dort "anwesende" nebulöse Dämmersein. Drei Tänzer geh'n mit einem Seil vor und zurück - am Seilende hängen drei andre Tänzer, einzeln und zu zweit oder zu dritt; hoch/runter, hoch/runter, hoch/runter geht es da...

[Nach ca. einer Stunde hat sich dieser Nebensaal als Spielfläche total erschöpft und wirkt bis Stückschluss vollkommen verwaist.]

Das bisher mitgemischt habende Publikum wird peu à peu in sein ihm zustehendes Ränder-Schranken-Dasein abkomplimentiert - ja und allmählich bildet sich so jene große Spiel- und Tummelfläche in der Mitte mit rezipientivem rechteckigem Rand aus a + b + c + d. / Dort werden ab sofort und nacheinander mehr denn dramaturgisch völlig unzusammenhängende Choreografien, tänzerische Einlagen vom hochqualifizierten Personal der Truppe Sasha Waltz & Guests gezeigt. Alles an sich beeindruckend, ob visuell oder akustisch; der aufdröhnende, aufzuckende Berghain-Teil z.B. (Musik: Soundwalk Collective) ermutigt anwesende Tanzwütige (aus dem Publikum) sich ihrem Disco-Trieb aufs ungezügelt Einladende hinzugeben. Vorher oder nachher gibt es Monologisch-Umkreiselndes mit einer die Senta-Ballade aus dem Fliegenden Holländer anstimmenden Conferenciese; alles auf Englisch, keine Ahnung was die Dame von mir wollte. Auch brüllen und kreischen plötzlich alle Guests wie irr', worauf sie wiederum gruppenmeditativ Beruhigungen verüben. Schließlich enden die drei Stunden mit 'nem Liebespaar, das sich mit sexuellem Stellungswillen müht und diesen letzten Endes doch nicht richtig packt...

Vorbei.

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Der Waltz-Fan-Jubel war enorm.

Fluktuation: beobachtbar.

Wusste und weiß nicht, worum's ging.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 24.08.2018.]

EΞΟΔΟΣ - Exodos (Radialsystem V, 23.08.2018)
Regie und Choreographie: Sasha Waltz
Bühne: Heike Schuppelius und Sasha Waltz
Kostüme: Federico Polucci und Sasha Waltz & Guests
Licht: Urs Schönebaum
Musik: Soundwalk Collective
Dramaturgie: Jochen Sandig und Agnes Scherer
Repetition: Sergiu Matis
Tanz und Choreographie: Sasha Waltz & Guests
Uraufführung war am 23. August 2018.
Weitere Termine: 24.-26.08.2018
Eine Koproduktion von Sasha Waltz & Guests mit der RUHRTRIENNALE

15:53 24.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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