SIEGFRIED WAGNER (1869-1930): schwul

Ausstellung In Berlin wird (nicht ausschließlich) auf die Homosexualität von Richard & Cosima Wagners einzigem Sohn mit sehens- als wie lesenswerten Exponaten abgehoben
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Die vorgelebten Zwischenmenschlichkeiten eines guten Dutzends Monarchien hält die öffentliche Meinung - nicht nur in Europa, wo sie existieren - dankbar und nicht minder unterhaltsam permanent in trab. Sowohl die jeweiligen "Untertanen" von dorther wie auch der insgesamte bürgerliche Rest der Welt (die einen mehr, die andern weniger) zeigen sich hochinteressiert am Außen- wie am Innenleben einer im medialen Fokus stehenden Gemeinschaft auserwählter Adliger. Man kann sich also ziemlich sicher sein, dass in dem jeweiligen Kreis dann immer irgend etwas los ist; ja und wo (zerrüttete, na hoffentlich!) Familien existieren, gibt es halt dann immer auch mitunter herrlichsten Familienknatsch - den öffentlichkeitswirksam und in zeitnahester Aktualität vorzuservieren ist das Hoheamt der Hofpresse bzw. zählt zum "schmutzigen" Geschäft der sog. Paparazzis. Prima, dass es das noch gibt und wir dann, so gesehen, von der Wahrnehmung unseres allgemeinen Welten-Untergangs ablenkerisch verschont zu sein scheinen...

In Deutschland gibt es zwar - außer den paar mit Forstwirtschaft und Biohof sich hie und da dann noch beschäftigenden Adligen aus alter Zeit - nichts wirklich Großes mehr in dieser Art zu registrieren; unsern letzten Kaiser schufen 1918 die Novemberrevolutionäre ab. Also was tun, um hier noch "rein monarchisch" weltweit mitmischen zu können? Antwort:

Wir haben unseren Wagner-Clan! [Unter dem gleichlautenden Titel tat das ZDF im großen Wagnerjahr 2013 so ein Edel-Soap-Pantoffelkino unters Volk streuen.]

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Ja, da (also bei unsern Wagners) geht es wirklich immer ziemlich rund - zu spüren beispielsweise jeweils kurz vorm Start der Bayreuther Festspiele, von wo aus hochmedial-willkommen (allgemeine Sommerloch-Verzweiflung, daher) regionalisierte Weltimpulse auszuspritzen drohen; also an gemannigfachten News aus Franken mangelt's diesbezüglich nie. Der Hoheort des Grünen Hügels dient nicht nur unserer Bundeskanzlerin, die nicht erst seit dem Hochamt, was sie mittlerweile seit gefühlten Urzeiten und nibelungentreuhaft für uns Deutsche ausübt, regelmäßig dort Station macht eh' sie "richtig" in den wohlverdienten Urlaub abdüst, als ein märchenbrunnig anmutender Inspirierungsquell; auch viele andere berühmte Leute tummeln sich zu dieser Zeit dort oben rum - nicht wenige von ihnen maulaffenfeilhaltend alle neuesten Skandäl'chen (um die Wagners) intuitiv und bei Radeberger Pils oder Nürnberger Würstchen mitzukriegen; wohl bekomm's!

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Bis heute ist der sog. Grüne Hügel inkl. seiner zwiespältigen Hügelhalter aus vergangenen und doch nicht allzu fernen Tagen, also rein geschichtsbedingt, vor allem auch als Augiasstall antisemitischer Verlautbarungen hochberüchtigt. Seine allerwichtigsten Beherrscher, nämlich das berühmte Gründerpaar Richard/Cosima Wagner, waren sich des unheilbaren interfamiliären Grundmakels ihrer ins stammbäumige Fleisch hineingebrandmarkt Seienden vielleicht oder bestimmt "nie so bewusst"; letztendlich wussten sie dann aber wohl genau, wen oder was sie damit meinten, wenn sie (beide, wohl gemerkt!!) gegen das Jüdische also die Juden hetzerisch zu Felde zogen, was ja auch gewiss einer der Gründe war, weswegen "etwas später" Hitler sich dort oben hundewohl zu fühlen schien.

Aber auch so - neben dem allergrößten Skandalon in der berüchtigten Familie - gab es im Geflecht Probleme ohne Ende. Eines war dann sicherlich, dass Richard & Cosima Wagners einziger und damit Lieblingssohn Siegfried W. (1869-1930) schwul gewesen war bzw. schwul gewesen sein soll; ein "Bekennerschreiben" des Betroffenen - ähnlich vielleicht dem Coming out, wie wir es heutzutage sehen wollen würden - existierte freilich nicht, und man muss daher etwas intensiver als bei andern Gleichgesinnten forschen, um Beweiskräftiges zu entdecken oder wenigstens doch zielgerichtet mutmaßen zu können...

Eingebetteter MedieninhaltAlso:

"Die Geschichte des Wagner-Clans – mit all ihren Verstößen gegen konventionelle Moralvorstellungen, Intrigen, Skandalen, Machtkämpfen um Bayreuth sowie politischen Positionierungen – beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit seit 150 Jahren.

[...]

Komponist Richard Wagner (1813-1883) ist dabei die zentrale Figur: eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Musikgeschichte. Mit Büchern zu seinem Leben und Werk kann man ganze Bibliotheken füllen. Darunter finden sich zahlreiche Publikationen zu jener besonderen Faszination, die die Musikdramen Wagners auf Homosexuelle ausüben, etwa Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray (1891), Oskar Panizzas Bayreuth und Homosexualität (1895), Cesare Lombrosos Genio e degenerazione (1897), Hanns Fuchs’ Richard Wagner und die Homosexualität (1903) und Heinrich Pudors Richard Wagners Bisexualität (1907).

Als am 6. Juni 1869 Richard Wagners einziger Sohn Siegfried in der Schweiz geboren wird – benannt nach der heldenhaft anarchistischen und zugleich frauenfürchtenden Opernfigur, die aus der inzestuösen Liaison von Siegmund und Sieglinde hervorgangen ist – war der Philosoph Friedrich Nietzsche anwesend, die Ikone der späteren 'Maskulinisten' rund um Adolf Brand, König Ludwig II. ist Taufpate, Mutter Cosima von Bülow ist zum Zeitpunkt der Geburt ihres fünften Kindes und einzigen Knaben noch mit einem anderen Mann verheiratet, und Franz Liszt ist der illustre Großvater. Siegfried war von Anfang an auserkoren, das Erbe des Vaters einmal weiterzuführen: Als Musiker, Dirigent, Regisseur und künstlerischer Leiter der Festspiele, die er 1906 von seiner Mutter übernahm und bis zu seinem Tode 1930 in eine moderne neue Ära überführte, zum Ärger vieler reaktionärer Wagnerianer. Daneben komponierte Siegfried insgesamt 18 musikdramatische Bühnenwerke, die zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreich in ganz Europa aufgeführt wurden. Und er tritt in der ganzen Welt als gefragter – und gut bezahlter – Dirigent eigener Werke auf sowie speziell der Werke von Richard Wagner und Franz Liszt.

Dass Siegfried homosexuell war und ein für die Zeit erstaunlich offenes schwules Leben führte, war der Familie bekannt und wurde weitgehend toleriert. Erpresser wurden mit Geld aus der Privatkasse zum Schweigen gebracht."

(Quelle: schwulesmuseum.de)

Liest sich wie'n Krimi [s.o.], oder etwa nicht?!

Nun denn:

Die Ausstellung Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste, die im Schwulen Museum* Berlin noch bis zum 26. Juni zu sehen ist, beschäftigt sich sehr eingehend und redlich recherchiert mit jenem Individual-Fall und bleibt gleichsam nicht mit voyeuristischem Gelüst beim puren Aufzeigen der sexuellen Ausrichtung des sohin Ausgestellten stecken - nein, es stellt sie allumfassend in den Kontext seiner Zeit; die Tafelüberschriften der fünf aufgezeigten Themen lauten: Mensch und Kunstfigur; Der Komponist; Bayreuther Festspielleiter; Eine schrecklich nette Familie und Wiederentdeckung nach 1945.

Man braucht ungefähr anderthalb bis zwei Stunden, um die Exponate - am interessantesten die zahlreichen Faksimiles der handschriftlichen Dokumente oder Fotos aus Siegfrieds Sozialumfeld - in oder außerhalb der vorgegeb'nen Reihenfolge nach und nach in Augenschein zu nehmen. Imposant ergänzt wird all das ausgestellte Schrifttum mit den damaligen Zeitgeschmack bedienenden thematischen Gemälden oder Großportraits von Siegfried resp. seiner Anverwandten oder Freunde.

Die gelungene Exposition beleuchtet, wie gesagt, nicht nur die "schwule Seite von Siegfried Wagners Leben und Oeuvre", sondern beleuchtet ebenso "seine innovative Arbeit in Bayreuth", analysiert "sein Verhältnis zum Nationalsozialismus und dem Antisemitismus", gibt Auskunft über "seinen Lebenspartner Clement Harris und andere intime Freunde" - ebenso wie über "seinen unehelichen schwulen Sohn Walter Aign (1901-1977)". Nicht zuletzt widmet sie sich den mehr autobiografisch thematisierten Opern des Komponisten und zeigt historische Bühnenbildentwürfe und Aufführungsfotos.

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Und sollten Sie das Glück haben, an einer von den Live-Führungen teilhaftig zu werden, raten wir hierzu, ja unbedingt!

Wir hatten jedenfalls das Großvergnügen, dass uns Kevin Clarke (einer der Kuratoren) sachdienlich und locker über die Materie aufzuklären und zu informieren wusste.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA v. 26.04.2017.]

Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste (im Schwulen Museum* - noch bis zum 26. Juni 2017)

Kuratoren: Prof. Dr. Peter P. Pachl, Achim Bahr und Dr. Kevin Clarke
Wissenschaftliche Mitarbeit: Dr. Michael Baumgarten & Cindy Wegner
Art Director: Martin Hoffmann

Öffnungszeiten:
Mo, Mi, Fr, So | 14 - 18 h
Do | 14 - 20 h
Sa | 14 - 19 h
Di | geschlossen

Eintrittspreise:
7,50 EUR
(4 EUR erm.)

Schwules Museum*
Lützowstraße 73
10785 Berlin

12:11 26.04.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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