THE BASSARIDS von Hans Werner Henze

Premierenkritik Barrie Kosky (Regie), Vladimir Jurowski (Dirigent) und über 200 Mitwirkende stemmen "Die Bassariden" an der Komischen Oper Berlin
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In den griechischen Mythologiedramen, wo's meistens "nur" um Götter, Halbgötter und königliche Helden geht, gibt es - das liegt dort wohl in der Natur der Dinge - jede Menge Blutbäder sprich horrormäßige Massaker; oftmals handelt es sich "bloß" um mehr oder weniger gewaltorgiastische Entgleisungen, die sich im Zuge eines jeweiligen Rache- und Vergeltungsplanes von divers Betroffenen bis hin zum Schluss der Stücke peu à peu ereignen - jeder kennt z.B. die geschwisterliche Hinschlachtung von Klytaimnestra und (zuvor noch) von Aigisthos durch Orest/Elektra; Sophokles hatte sich hierzu Verse ausgedacht, und auch Euripides beschäftigte sich eingehend mit allen möglichen und unmöglichen Auswüchsen des dieses Drama zweckbestimmenden "Atridenfluchs".

Von dem Besagten (sprich Euripides) stammt auch das hübsche Drama über die wildtobenden Gefolgsfrauen des Dionysos, seines Zeichens Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und letztendlich der Ekstase. Bakchen heißt der merkwürdige Weiberbund - Hans Werner Henze (1926-2012), dessen 1966er Opern-Version The Bassarids auf Original-Librettotexte von Wystan Hugh Auden sowie Chester Kallman fußte, nannte ihn (den Weiberbund) Die Bassariden; unter diesem Titel fand die deutschsprachige Uraufführung seiner Zeit durch die Salzburger Festspiele in Kooperation mit der Deutschen Oper Berlin statt.

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"Der junge Pentheus hat die Herrschaft in Theben übernommen. Doch ein Fremder unterwandert die Autorität des Königs, indem er zu Ehren des Gottes Dionysos das Volk zu rauschhaften Feiern, zur Hingabe an Vergnügen und Lust verführt. Immer mehr Menschen schließen sich ihm an, darunter sogar Pentheus’ Mutter Agaue. Vergeblich versucht der König, sich der Macht der Triebe mithilfe der Vernunft entgegenzustellen. Schließlich will er sich ein eigenes Bild machen und mischt sich – als Frau verkleidet – unter die Menge. Im Exzess einer nächtlichen Orgie wird er brutal von der eigenen Mutter getötet, die ihn für ein wildes Tier hält. Erst am nächsten Morgen begreift sie, dass sie den Kopf ihres Sohnes in den Armen hält. Der Fremde aber gibt sich allen als Gott Dionysos zu erkennen und fordert bedingungslose Anbetung." (Quelle: komische-oper-berlin.de)

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Regisseur Barrie Kosky und Dirigent Vladimir Jurowski [die beiden arbeiteten schon einmal bei Moses und Aron zusammen] wählten die englischsprachige Fassung, die sie gestern Abend an der KOB zur Diskussion stellten. Katrin Lea Tag "vergrößerte" für sie den Spiel- sowie Orchesterraum, indem sie den Musikern des mindestens um ein Drittel erweiterten Orchesters der Komischen Oper Berlin zusätzlich Sitzgelegenheiten rechts und links neben einer die Bühne gänzlich einnehmenden Großtreppe zur Verfügung stellte; dort nahmen fast alle Bläser Platz, während die Streicher und die Schlagzeuger sowie die Harfen, ein Konzertflügel und eine Celesta im Orchestergraben aufzufinden waren.

Henzes Oper wuchtet kräftig, laut und emotionsgeladen - und v.a. durch den permanenten Chor-Einsatz; außer den Chorsolisten der KOB war das Vocalconsort Berlin gecastet worden, und sie klangen in der Masse überwältigend, "geradlinig" und wurden aufs Präziseste von David Cavelius einstudiert.

Das großartige Männerpaar Sean Panikkar & Günter Papendell (als Dionysus und Pentheus) führte uns der Kosky in geradezu unauseinandernehmbarer Verquicklichung stark sinnlich und mitunter fast liebkosend vor; auch stimmlich schenkten sich die Beiden nichts.

Ja und am Schluss - womit sich unser Eingangstext, in etwa jedenfalls, bestätigte - fing Tanja Ariane Baumgartner (= Agave) mit dem Riesenhackebeilchen an auf offner Bühne justament herum zu delirieren; und aus einer Plastiktüte zerrte sie zudem die menschenfleischfasernen Überreste ihres Sohnes vor - und alle rings um sie herum verwunderten sich über ihren so spontane Auftritt ziemlich sehr...

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The Bassarids sind eine Monster-Oper! Und man sollte - nein, man MUSS - sie einmal wenigstens gesehen und gehört haben!! Angeblich war und ist sie auch ein Meilenstein der Musik des 20. Jahrhunderts. Mit weit über 200 Mitwirkenden übrigens.

Jubel für Alle.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 14.10.2019.]

THE BASSARIDS (Komische Oper Berlin, 13.10.2019)
Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski
Inszenierung: Barrie Kosky
Choreografie: Otto Pichler
Bühnenbild und Kostüme: Katrin Lea Tag
Dramaturgie: Ulrich Lenz
Chöre: David Cavelius
Licht: Franck Evin
Besetzung:
Dionysus ... Sean Panikkar
Pentheus ... Günter Papendell
Cadmos ... Jens Larsen
Tiresias ... Ivan Turšić
Captain of the Royal Guard ... Tom Erik Lie
Agave ... Tanja Ariane Baumgartner
Autonoe ... Vera-Lotte Boecker
Beroe ... Margarita Nekrasova
Vocalconsort Berlin
Chorsolisten und Orchester der Komischen Oper Berlin
Uraufführung zu den Salzburger Festspielen war am 6. August 1966.
KOB-Premiere: 13. Oktober 2019
Weitere Termine: 17., 20.10. / 02., 05., 10.11. / 26.06.2019

01:30 14.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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