THE GARDEN. KINEMATOGRAFIEN DER ERDE

Ausstellung Das silent green Kulturquartier im Berliner Wedding huldigt dem Filmemacher und Künstler Derek Jarman (1942-1994)
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Seit dieser Woche präsentiert das silent green Kulturquartier im Berliner Wedding sein interdisziplinäres Ausstellungsprojekt The Garden. Kinematografien der Erde, wobei dem im Alter von nur 52 Jahren an AIDS verstorbenen Filmemacher und Künstler Derek Jarman (1942-1994) auf spektakuläre Weise gehuldigt wird. Dabei geraten unter anderem der Park wie auch die als "Betonhalle" bezeichneten unterirdischen Räumlichkeiten der ehemaligen Gerichtsmedizin und Parentationshalle (zur Lagerung von zuletzt 817 Leichen) des bis 2002 als Krematorium funktioniert habenden Gebäudes zur Bespielung, und zwar optisch wie akustisch gleichermaßen.

Eingebetteter Medieninhalt

Als das eigentliche Kraftzentrum dieser mit acht thematisch voneinander abgegrenzten Themenblöcken ausgestellter Arbeiten von Einzelkünstlern (unter ihnen auch der Angehuldigte) und Künstlergruppen eingehegten "Gartenschau" - denn alles dreht sich freilich um den symbolistisch aufgeladenen und allenthalben wegen seiner suggestiven Bildsprache so scheinbar zeitlos bleibenden KunstfilmThe Garden- muss ganz zweifelsohneGARTENARBEIT, eine Installation mit 12 Projektoren und Recherchetisch von Bettina Ellerkamp, Jörg Heitmann & Philip Scheffner gelten:

"Am Fuße der einstigen Gerichtsmedizin sezieren wir den Film, wir zerlegen ihn in seine Bestandteile und versuchen so, der Komplexität und Struktur seines Schaffens auf den Grund zu gehen. Wir suchen nach Orientierung, graben, schichten um, legen frei. [...] Wir tauchen ein in das Universum von Derek Jarman, umfangen von der Wucht und Kraft seiner Arbeit. Wir setzen uns in Bewegung, um Details zu entdecken, versteckte Wege zu gehen, neue Pfade zu legen. Jede*r entdeckt und sieht etwas anderes, wir suchen nach Orientierungspunkten, verlieren uns in einer Welle von Details und finden uns wieder jenseits der vorgegebenen Koordinaten von Raum und Zeit. Der Tag geht, der Film beginnt…" (Quelle: silent-green.net)

Das [s.o.] löst dann schon einen betrachterischen Sog aus!

Acht Minuten vor Beginn des anderthalbstündigen (und verschiedentlich dekonstruierten resp. portionierten also "aufgeteilten") Films wird das geneigte Augenmerk zwölffach, also auf allen Projektionsleinwänden rings umher, und mittels unterschiedlicher Film-Kurzsets, auf die schwarzhölzerne Fischerhütte mit den gelben Fensterrahmen in Dungeness gelenkt; das Künstlertrio war im letzten Jahr vor Ort, um sich ein Bild von dem inzwischen queertouristisch frequentierten Derek-Jarman-Kultgarten zu machen, und es filmte unaufdringlich leise, ohne jeden Kommentar, und nahm anfallende Geräusche und Geräuschpegel mit Mikrofonen auf. Das alles, und in einem völlig unhektischen Zeitraffer von Morgens bis Mitternacht zusammengefasst, erzeugt die emotionale Überwältigung. Für mich war sie die eigentliche Attraktion dieses Kunst-Film-Spektakels!

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Zu sehen und zu hören auch: die Video-Installation DIE SONNE LIEGT IM ERDINNERN von Mareike Bernien & Alex Gerbaulet, die Film- und Fotoinstallation DNCB von Kerstin Schroedinger & Oliver Husain, die drei Audio-Experimente DUNGENESS RECORDINGS von Peter Cusack, die Klang- und Lichtinstallationen NORMALITY YOU WAITING ROOM FOR NOTHING des Art-Kollektivs CHEAP und die 80 Rotfilterbilder der Fotokünstlerin Inas Halabi.

Auch auf Dagie Brunderts zweitägigen Lochkamera-Workshop "Kunst und Kompost" (am 24. und 25. 7.) sollte hier noch nachträglich und leidenschaftlich hingewiesen sein!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 23.07.2021.]

silent green Kulturproduktionen GmbH & Co. KG
Gerichtstraße 35
13347 Berlin

Tel.: +49 (0)30 1208221-0
info(at)silent-green.net

15:01 25.07.2021
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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