VIOLETT von Wassily Kandinsky

Uraufführung Arila Siegert und ein hundertköpfiges Ensemble stemmen die legendäre (Bauhaus-) "Bühnenkomposition" am Anhaltischen Theater Dessau
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Vor 9 (neun!) Jahren sah ich mit Rameaus Les Paladins an der Deutschen Oper am Rhein das letzte Mal eine Arbeit von Arila Siegert - kann und darf das sein, dass ich von ihr seither nichts mehr zu sehen kriegte? Ein Skandal! (Man sollte halt auch außerhalb der sog. Hauptstadt für so alles Mögliche nach wahren Raritäten Ausschau halten; Asche auf mein Haupt.)

Sie ist DIE deutsche Ost-Ikone des modernen Tanztheaters (Palucca-Schülerin, Tänzerin, Gründerin und Leiterin diverser Compagnien, Choreografin, Opernregisseurin usf.), und einige von ihren Tanzstücken sind weltweit aufgeführt worden; seit Jahren ist sie "frei" und kann und will sich daher aussuchen, was sie und wo sie's macht - jetzt holte sie das Anhaltische Theater Dessau, wo sie die von ihr 1992 gegründete Tanzkompanie vier Jahre leitete, zurück ans Haus, damit sie hier Wassily Kandinskys Bühnenkomposition Violett (mit der eingängigen und auch unterhaltenden Musik von Ali N. Askin) realisiert. Sie machte dann auch gestern Nachmittag kurz vor der 2. Vorstellung die Werkeinführung selbst - das überwiegend "reife" Publikum nebst mir lauschten ihr gern dabei; sie fand die rechten und v.a. allgemein verständlichen Worte zu einem Projekt, das von seinen Ursprungsinitiatoren (neben dem Kandinsky auch noch Walter Gropius) seiner Zeit hochtrabend hyperintellektualisiert wurde; die Siegert gab dann auch paar Kostproben aus dieser Richtung, ja und meistens klang es irgendwie nach "Bahnhof", was als O-Zitat da unser volkstümliches Ohr erreichte...

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Nun gut, wir woll'n nach hundert Jahren Bauhaus jetzt nicht an der falschen Stelle ansetzen, nur so viel sei dann wenigstens zuViolett[und wenn auch "nur" lt. hausinterner Website] kurz zitiert:

"Mann und Frau und ihre Kämpfe, wer kennt sie nicht. Viele Geschichten beginnen mit dieser kleinsten Einheit der Gesellschaft. Aber bevor wir dem skurrilen Miteinander seiner 'Dame' und seines 'Herrn' beiwohnen, hat der Maler Kandinsky uns schon in sein Spiel der Farben entführt, das dem Abend den Rahmen gibt. Kaum haben wir einen Blick in das 'Zimmer', den Rückzugsort der beiden Protagonisten geworfen, werden wir hinausgetrieben in eine Welt des Wandels und des Aufbruchs in eine neue, unbekannte Zeit. Wir treffen auf Profiteure der Veränderungen und auf jene, die mit den Folgen der Umwälzungen ringen oder unter ihnen leiden. In stetem Wechsel zwischen diesem Drinnen und Draußen bewegt sich das Stück." (Quelle: anhaltisches-theater.de)

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Die Performance dauert ca. 80 Minuten, und es handelt sich bei ihr um einen Farb- und Klangrausch allererster Sahne. Man muss nicht eindeutig verstehen, "was gemeint" sein soll; allein wer Augen/Ohren hat zu sehen und zu hören, wird auf seine Kosten kommen. Uferlos scheinen die Möglichkeiten abenteuerlichster Assoziationen. Marie-Luise Strand (auch als Kostümdesignerin der Berghaus unvergesslich und noch immer [auch bei mir] optisch präsent) muss Hunderte Klamotten entworfen haben; es sieht einfach toll aus, was die Hundertschaften Mitwirkende da so alles anhaben!! Siegert gerieten - neben ihrer insgesamten "Führerschaft" für das agierende Gesamtensemble - unvergessliche und eindrucksvolle choreografische Details, z.B. diese Männergruppe auf den roten Stelzen oder diese Große Grüne auf den schwarzen Schuhpflöcken oder die Goldnes-Kalb-Verherrlichung mit Zimmerspringbrunnen etc. pp.

Die Zuschauer/Zuhörer sitzen auf der Bühne, Moritz Nitsche hat dort eine zirkusartige Arena aufgebaut.

Helge Leiberg malt mit Wasserfarben live - wir sehen das auf 2 + 2 + 1 Videoleinwand rings herum und großformatig.

Für das Lichtdesign und für die Filme hatte Guido Petzold zuzuarbeiten.

Sebastian Kennerknecht leitete alles musikalisch Dargebotene.

Nacherzählen - wie schon angedeutet - lässt sich wohl fast nichts.

Hingehen, sehen, hören, überprüfen...

Ja, es lohnt sich!!!!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 13.09.2019.]

VIOLETT (Raumbühne im Großen Haus, 14.09.2019)
Bühnenkomposition von Wassily Kandinsky

Inszenierung und Choreografie: Arila Siegert
Komposition und Sounddesign: Alin N. Askin
Bühne: Moritz Nitsche
Kostüme und Requisiten: Marie-Luise Strandt
Lichtdesign und Filme: Guido Petzold
Live Malerei: Helge Leiberg
Choreinstudierung und musikalische Leitung: Sebastian Kennerknecht
Dramaturgie: Carola Cohen-Friedlaender
Mit: Kerstin Schweers, Jörg Thieme, Fergus Adderley, Riccardo Esposito, Julio Miranda, Shinnosuke Nagata, Nicola Brockmann, Leonor-Maria Campillo, Nicole Luketic, Moe Sasaki und Anna-Maria Tasarz
Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau
Kinderchor des Anhaltischen Theaters Dessau
Statisterie des Anhaltischen Theaters Dessau
Musiker der Anhaltischen Philharmonie Dessau:
Katharina Brandt, Violine
Gerald Manske, Violoncello
Aline Vannuys, Flöte
Ulrich Jäger-Marquardt, Fagott
Stefano Perini, Posaune
Jens UHlig, Tuba
Andreas Meier, Schlagzeug
Premiere am Anhaltischen Theater Dessau: 13. September 2019
Weitere Termine: 15., 19., 20., 21.09.2019
Im Rahmen des Festivals Bühne TOTAL der Stiftung Bauhaus Dessau

23:45 14.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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