VORONIA von und mit La Veronal

Tanz im August 2015 Apokalyptischer Kunsthonig
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Letztes Jahr, während La Veronal mit Siena in der Schaubühne gastierten, dachten wir sofort an Alfred Hitchcocks Vertigo, wo zur beginnenden Verrätselung des Films Kim Novak ins Museum fuhr, um sich dort stumm und in-sich-eingekehrt ein uraltes Gemälde etwas näher anzusehen - auch in Siena war so ein das Bühnenbild bestimmendes Gemälde auszumachen, und auch dort gab es eine aus schönem weichen Leder angefertigte Besucherbank, die allerdings (im Falle Sienas) anfangs unbenutzt nur so herum stand; daher die spontane Assoziation...

La Veronal war'n gestern Abend, und nach 1jähriger Pause, wieder am Lehniner Platz. Sie zeigten uns ihr neues Stück Voronia, und mit ihm wären sie der "Idee des Bösen auf der Spur" gewesen:

"Ins Erdinnere haben sie sich auf ihren Recherchen begeben, in die tiefste Kaverne der Welt, die Krubera-Voronia-Höhle im georgischen Abchasien. Die Höhle als Dante'sche Hölle, tief unten und ewig: Wie Dunkelheit die Abwesenheit von Licht bedeute, so bedeute das Böse die Abwesenheit des Guten – eine kategoriale Unterscheidung, die allein für den Menschen von Belang sei, beruft sich die in Barcelona ansässige Künstlergruppe um Marcos Morau auf den Philosophien Augustinus. Um die Grenzen der Moral zu sichern, habe sich der Mensch Gott geschaffen, als Bewahrer des Guten, als moralisches Refugium. Doch Religion sei in den Händen von Gottes Statthaltern verkommen, so La Veronal: Im Namen Gottes zu töten, sei der Tod Gottes und des absoluten moralischen Systems." (Quelle: tanzimaugust.de)

Ein Tanzstück also, das mit einer großen Botschaft ausgestattet war - wir fassen das, was wir aus dem Gesehenen herausstibitzt zu meinen glaubten, kurz wie folgt zusammen:

Gott hat sich bei seiner Welterschaffung inkl. seinem Menschenbau geirrt und will den Fehlplan - durch Vernichtung alles Dessen, was er schuf und baute - korrigieren: Im sog. Weltgericht verschwinden Erde und Himmel. "Das Buch des Lebens wird aufgeschlagen. Die übrigen Toten auferstehen und werden nach ihren Werken gerichtet. [...] Der Tod und sein Reich (Unterwelt) werden in den Feuersee geworfen. [...] Es entstehen" - schreibt die Bibel weiter - "ein neuer Himmel, eine neue Erde und das neue Jerusalem, die Braut des Lammes, mit zwölf Toren und zwölf Grundsteinen, auf denen die Namen der zwölf Apostel stehen. Der Gott wohnt in der Mitte seines Volkes. Der Tod und Leid sind nicht mehr da. Und es gibt keinen Tempel in der Stadt, denn Gott ist der Tempel. Vom Thron Gottes und des Lammes geht das Wasser des Lebens aus, an dem die Bäume des Lebens stehen." Usf.

Das Eine und das Andere an lesenswertem Text zu dem Aus-Alt-mach-Neu-Thema wurde dann über eine zugevorhangte Cinemascopebühne, die auf einem roten Teppich aufgestellt war, per Zitat-Zeilen weißschriftig projiziert.

Ein Kind symbolisierte jenen "neuen Menschen", der (nach jener Pleite mit dem "alten") neu geschaffen werden sollte - permanent mischte es sich dann auch in die zig Tanz-Bilder, die 1 Stunde 10 Minuten lang so nach und nach dann abliefen.

Die Truppe von La Veronal stellte - so deuteten wir das abrupt - ein gutes Dutzend der gottväterlichen Domestiken dar: so arbeitsame Handlanger des allergrößten Heiligen - sie trugen dementsprechend schwarz-weiß ausgeglichene Buttlerkostüme, hatten weiße Strümpfe an und machten sehr, sehr eckige und kantige (roboterhafte) Tanzbewegungen; also vom Choreografischen her - eine Wucht! ein Hingucker!! ein wahres Fest!!!

Jedoch:

1.) Die surreal anmutenden Abfolgen immer rätselhafterer Tanz-Bilder (Bühnenbild: La Veronal, Enric Planes), mit einer ganz im Zentrum stehenden und Richtung "unten" (= Hölle) zielenden Fahrstuhlkabine, hatte man schon viel, viel früher so in dieser Art gesehen; ich erinnere an ähnlich-ausschauende Surrealien aus Maurice Béjarts Malraux, womit sein damaliges Ballett des 20. Jahrhunderts 1988 (oder sogar früher) in der DDR gastierte. Damals fand ich sowas neu, weil so noch nie zuvor gesehen!

2.) Wenn man sich bei der Benutzung frei verfügbarer Musikzitate quasi pausenlos auf solche Mega-Kracher wie z.B. den "Wach auf"-Chor aus den Meistersingern und das Tristan-Vorspiel und das Intermezzo aus Cavalleria rusticana und "Va, pensiero" aus dem Nabucco und die Traviata-Geigen aus dem 3. Akt etc. pp. versteift und kulinarisch konzentriert, muss ja im Umkehrschluss - zur Stückdramaturgie - das Allermeiste in die Hosen gehen = so viel Kitsch auf einmal hält wohl nicht der Stärkste aus!

3.) Der schlussendlicher Weise nachgereichte Ringparabel-Wink mit Zaunspfahl, wo zudem (beim zusätzlichen Auftritt eines Juden und eines Muslims) das Saallicht auf uns "unschuldige" Zuschauer herabgeblendet und herabgeprasselt wurde, kam mir - angesichts des dramaturgisch-allerdürftigst Vorerlebten - peinlicher und hilfloser denn je vor.

Thema insgesamt verfehlt, weil:

Apokalyptischer Kunsthonig.


http://www.kultura-extra.de/templates/getbildtext2.php?text_id=8833
Voronia von La Veronal | Foto (C) Edu Pérez

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 28.08.2015 auf KULTURA-EXTRA]

VORONIA (Schaubühne am Lehniner Platz, 27.08.2015)
Regie: Marcos Morau
Choreografie: Marcos Morau in Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern
Dramaturgie: Roberto Fratini und Pablo Gisbert - El Conde de Torrefiel
Tanz: Lorena Nogal, Manuel Rodríguez, Marina Rodríguez, Giacomo Todeschi, Jony López, Shay Partush, Joaquín Collado und Sau-Ching Wong
Bühnenbild: La Veronal & Enric Planas
Licht: Albert Faura
Technische Leitung: Bernat Jansà
Lehrer: Cristina Facco und Ariadna Montfort
Produktion: Juan Manuel Gil
Eine Koproduktion von Festival Grec Barcelona, Hessisches Staatsballett Darmstadt – Wiesbaden, Tanz im August Berlin, Théâtre National de Chaillot und Mercat de les Flors | in Zusammenarbeit mit El Graner – Fàbrica de Creació
TANZ IM AUGUST 2015

00:49 28.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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