WAR ZONE am Ballhaus Ost

Premierenkritik Tahera Hashemi und Lucie Ziegler plaudern über sich und eine Welt im Krieg
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Die Schauspielerinnen Tahera Hashemi und Lucie Ziegler zählen zu den Imigrantinnen unserer Republik - die eine ist geflohene Afghanin, und die andere kommt aus der Schweiz; die eine rettete ihr nacktes Leben, und die andere zog halt bloß um; die eine fürchtet eines Tages nach Afghanistan wieder zurückgeschickt zu werden, und die andere müsste halt bei 'nem Rückzug ihre Steuernummer neu beantragen o.s.ä. Das in Allem ist - sonst hätten wir es hier nicht derart plakativ erwähnt - ihr künstlerisches Thema, worauf sich ihr Stück unter dem Titel War Zone schlussendlich konzentriert. Es hat zwar jede Menge Text bzw. Textverschnitte aus/nach Dea Loher und Chris Thorpe sowie BREAKING THE SILENCE ("einer politischen israelischen Nichtregierungsorganisation von ehemaligen und aktiven Soldaten der 'Israelischen Verteidigungsstreitkräfte'", wie es lt. der Presseinfo heißt) und eigenen Ensembleerfahrungen, sein grundsätzliches Feeling freilich ist auf zeitgeschichtlich-heutige Aspekte (Kriege, "Heimat", Flüchtlinge) geeicht.

Die beiden Frauen lassen ihre allgemeinen und konkreten Welt- und Lebensansichten bei einem girliehaftem Tete-à-tete (mit leckrem Gugelhupf) auf einem beigen Ledersofa starten à la "ich erzähl dir was von mir, und du erzählst mir was von dir" etc. pp. Der Musiker und Tondesigner Owen Lasch tut die Gespräche mit entsprechenden Geräuschen und Effekten auditiv besprengen.

Mit der Zeit verselbständigen sich die zwei Akteurinnen, indem sie - jede dann für sich - diverse Monologteile zu absolvieren sich anschicken; hierbei ragt natürlich jener autobiografisch stark veräußer- und verinnerlichte Beitrag von Tahera Hashemi heraus. Wir wollen diesbezüglich (lt. der Presse-Info) das hier als zitierenswert erachten: "Wenn Tahera Hashemi gefragt wird, welche 'sicheren Provinzen'´es in Afghanistan gäbe, lacht sie. Aus ihrer Theatergruppe wurden vor drei Jahren vier Mädchen von den Taliban umgebracht. Sie war oft im Fernsehen, ist überall bekannt und damit auch immer noch bedroht. Sie überlegt ein bisschen, Herat sei nicht so schlimm, aber allen anderen gegenüber sind die Menschen dort sehr rassistisch. Kein Afghane würde Deutschland Afghanistan vorziehen, wenn dort irgendwo ein echtes Leben zu verwirklichen wäre, sagt sie."

Außerdem gibt es, was wiederum in der Erinnerung verhaften bleibt, reichliche "Zustandsschilderungen" israelischer Elitesoldaten, die im Gazastreifen, beispielsweise, eingesetzt gewesen waren. Bei dem sog. "letzten Marsch" von zwei der Ihrigen konnten wir quasi live zugegen sein; der ist dann also ziemlich engagiert und "maskulin" von den zwei Frauen sozusagen nachgestiefelt worden...

Und noch vieles Bruchstückhaftes mehr.

* * *

So eine abgespulte Kolportage - wenn sie noch dazu aus A und B und C und anderswo gespeist ist - hat dann schon einen gewissen Nachteil: Es fehlt ihr (emotional) der anfühlbare (Innen-) Kern.

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War Zone am Ballhaus Ost | Foto (C) Piero Chiussi

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 04.12.2015 auf KULTURA-EXTRA]

WAR ZONE (Ballhaus Ost, 03.12.2015)
Texte: Dea Loher, Chris Thorpe, Breaking The Silence und Ensemble
Regie: Lydia Ziemke
Ausstattung: Claire Schirck
Live-Musik / Ton: Owen Lasch
Dramaturgie: Elke Ranzinger
Licht: Eva Alonso
Mit: Tahera Hashemi, Lucie Zelger und Owen Lasch
Premiere war am 3. Dezember 2015
Weitere Termine: 4., 5. 12. 2015 / 24. - 27. 2. 2016
Eine Produktion von Suite42 in Kooperation mit dem Ballhaus Ost

02:24 04.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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