Viva la familia!

Fernsehen Die für ARD und ZDF produzierte Web-Serie „Straight Family“ dreht sich rund um die Themen Queerness und Familie. Funktioniert das?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Viva la familia!
Was jetzt?

Screenshot: YouTube

Mit der queeren Web-Serie „Straight Family“ wagt sich funk, das Online-Medienangebot für junge Erwachsene von ARD und ZDF, gleich in mehrerer Hinsicht auf neues Terrain. Die von Studierenden der Filmakademie Berlin produzierte Serie erforscht in fünf kurzen Folgen das Konzept Familie.

Lara (Luise Helm) ist lesbisch. Daran besteht kein Zweifel, immerhin reißt sie auf dem Rückweg von ihrer großen Neuseelandreise nach Berlin im ICE eine junge Frau auf, die ihr durch die Lücke zwischen Sitz und Fenster verführerische Blicke zuwirft. Auf der Toilette wird dann heftig geknutscht und gefummelt. Danach wird es für Lara weniger erfreulich, ihr steht nämlich ein Familientreffen bevor. Familie, das ist erst mal Laras Bruder Leo (Ben Münchow), der mit seinem Freund Mehmet (Armin Wahedi) eine queere Eckkneipe in Berlin betreibt, ihre latent nervöse Mutter Irina (Valentina Sauca) und die boshafte Oma Magda (Us Conradi), der besagte Kneipe noch immer gehört. Weil Oma mit queer nichts anfangen kann, muss Leo die Location noch eilig umdekorieren. Die queer pride-Flaggen und vergoldeten Penisse verschwinden in der Kruschtelkiste und der ausgestopfte Dachs wieder stattdessen wieder herausgekramt. Die Türe zum Keller, in dem Leo mit seinem Freund Mehmet psychedelischen Schnaps köchelt, wird sorgältig verrammelt. Auch Lara bekommt ein neues Gewand verpasst, ihrer Mutter zuliebe muss sie die Lederjacke gegen ein Kleid eintauschen. Als ihre Tochter in Neuseeland war, hat Irina die Austauschschülerin Ximena (Adriana Jacome) in die Familie aufgenommen, die von ihr wider Willen wie eine Tochter behandelt wird.

Während die Protagonisten angespannt auf Oma warten, versuchen sie nebenher so gut wie möglich ihre Geheimnisse zu kaschieren: Leo will nicht, dass Oma Magda erfährt, dass Mehmet nicht sein bester Freund ist, sondern sein fester Freund. Lara hat noch niemandem außer Leo erzählt, dass sie lesbisch ist. Irina will zwar eine fürsorgliche Mutter sein, hat aber auch Probleme, mit dem Leben ihrer Kinder Schritt zu halten. Zu allem Überfluss kommt sie nicht von ihrem toten Ehemann los, dessen Pappfigur ihr als Ersatz dient. Ximena will einfach nur raus aus dieser Familie, in der alle krampfhaft versuchen entgegen ihres Wesens einer aufgezwängten Rolle gerecht zu werden. Irina kann nicht kochen und macht lieber Huhn plus Beilage in der Mikrowelle warm. Leo liebt Männer und Lara eben Frauen. Nichts davon entspricht den Vorstellungen von Oma Magda, die all das miefig konservative, intolerante und CDU-hafte verkörpert, das den Rest der Familie fertig macht, sobald sie angekommen ist.

Eingebetteter Medieninhalt

„Mein Enkel ist eine Schwuchtel?“

Die Figuren kommen anfangs etwas holzschnittartig daher, gewinnen im Laufe der Serie aber an Tiefe. In dem Setting des engen Kneipenraums entfaltet sich kammerspielartig das Gefühlsleben der Protagonisten. Lara und Leo schwanken zwischen Versteckspiel und dem Drang endlich ehrlich sein zu können. Irina versucht, ihrer Mutter keine Angriffsfläche zu bieten und gleichzeitig zu ihren Kindern zu stehen. Oma Magda wird mit ihrer Boshaftigkeit und der Ablehnung von „Schwuchteln“, wie sie Leo betitelt, und allem Neuen unfreiwillig zum Kristallisationspunkt für die restliche Familie. Nach und nach reißt den Familienmitgliedern die Hutschnur, bis am Ende alles hochgeht. Die mühsam zurückgehaltenen Emotionen lassen sich immer schwerer kontrollieren und beginnen gegen die wohl dekorierte Oberfläche zu drücken. Es gärt sowohl im schummrigen Licht der Kneipe aus gelblich verblichenen Lampen, als auch im Kellerraum unter dem psychedelisch-blauen Glühen des Wundertrunks, an dem Ximena sich verbotenerweise bedient – mit ungeahnten Folgen.

Neu sind neben dem Thema Queerness auch die angehängten Fragen der Protagonisten in ihrer Rolle als Schauspieler an das Publikum: Wie hast du dich geoutet? Hast du schon einmal Homophobie erfahren? Und wie hast du es deinen Freunden erzählt? Mit diesem Format reagiert die Serie auf die Bedürfnisse jüngerer User, die nicht nur konsumieren, sondern auch mitreden wollen, wenn es um Erfahrungen mit homophoben und rassistischen Anfeindungen geht. Von den Sendern ARD und ZDF, die unter anderem Formate wie „Das Traumschiff“ und den „Tatort“ hervorbringen, die häufig nur so vor sexistischen und homophoben Klischees strotzen, ist das ein wünschenswerter und nötiger Vorstoß. Während es auf dem amerikanischen Markt schon seit den frühen 2000ern Serien gibt, die Queerness thematisieren, sieht es in Deutschland noch eher mau aus.

Geleitet hat das Projekt die DFFB- Dozentin Jana Buchholz, die auch die ARTE-Webserien „Paare“ und „Mann/Frau“ verantwortet. Fast zwei Jahre haben die Vorbereitungen und die Drehzeit in Anspruch genommen. Sieben Autor*innen und vier Regisseur*innen teilen sich insgesamt vierzig Minuten Spielzeit. Das sind viele Akteure für wenige Minuten – das merkt man auch. Manchmal scheint die Handlung vom roten Faden abzukommen. Am Ende ist „Straight Family“ dann doch eine durchgängige Geschichte rund um die Frage, was eigentlich Familie ist: Die, mit denen wir verwandt sind, oder die, die uns lieben und akzeptieren?

12:12 11.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare