Alles nur Forschung?

"Geheime Kontakte" Bereits 2011 stellte der Journalist Max Rauner dem Netzwerkforscher von Yahoo, Duncan Watts, die Frage nach dem Missbrauch von Sozialen Netzwerken
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Urlaubszeit sei es gedankt, las ich, wenn auch mit anderthalbjährigerVerspätung, „Geheime Kontakte“: ein Interview, das der preisgekrönte Wissenschaftsjournalist und ZEIT WISSEN Redakteur, Max Rauner, mit einem der Stars der Netzwerkforschung, Duncan J. Watts, 2011 führte.

Watts, Jahrgang ’71, Absolvent in Physik der "Australian Defence Force Academy”, ehemaliger Offizier der Australischen Marine, Doktor der theoretischen und angewandten Mechanik, 2000-2007 Professor für Soziologie an der Columbia Universität NY, leitete von 2007 bis April 2012 die Forschungsgruppe Human Social Dynamics bei Yahoo. Im Rahmen des Facebook-Experiments „Smallworld.sandbox.yahoo.com“ ermittelten Watts und sein Team „mithilfe von Kettennachrichten, über wie viele Zwischenschritte zwei Menschen auf der Welt miteinander in Verbindung stehen.“ Die Grundlage dieses Experiments ist die Adaption des von dem Psychologen Stanley Milgram 1967 stipulierten „Small World/Kleine Welt Phänomen“ auf Netzwerke und Graphen; Modellierungen, an denen Duncan J. Watts und Steven H. Strogatz Ende der 1990-Jahre maßgeblich beteiligt waren.

Smallworld.sandbox.yahoo.com

Bei Yahoo übertrug Watts mit seinen Kollegen kurz gefasst bereits bestätigte Ergebnisse mit Kettenmails: Demnach stehen zwei Menschen irgendwo auf der Welt im Mittel über sechs Ecken in Kontakt. Vom Zugang zu 750 Millionen Nutzern des Sozialen Netzwerks Facebook, der die Basis für diesen Großversuch lieferte, erhofften sich die Wissenschaftler nicht nur die Bestätigung, „welchen Weg die Nachricht nimmt, sondern darüber hinaus, welchen anderen Weg sie auch hätte nehmen können.“

Das Experiment funktionierte Watts zufolge so: Man loggte sich auf der Website des "Spiels" ein und bekam eine Zielperson vorgegeben. Dieser Person musste man eine Nachricht übermitteln, indem man die Nachricht an einen Facebook-Freund schickte, von dem man glaubte, dass er oder sie der Person näher stand. Der Freund bekam dieselbe Anweisung. Wissenschaftliches Ziel dieses „Spiels“ war, das große Rätsel der „Small-World-Forschung“ zu beantworten: „Wie nah sind Kettennachrichten, die ihr Ziel erreichen, an der theoretisch kürzesten Verbindung? Und wie dicht waren jene Nachrichten, deren Ketten abgebrochen wurden, am Ziel?“ Außerdem wollte die Crew um Watts verstehen, „wie die Kettenlänge von Alter, Wohnort und Geschlecht und anderem abhängen.“

Im Interview mit Rauner betonte Watts, der Nutzen für Yahoo wäre nicht absehbar gewesen, das Experiment hätte in erster Linie der Grundlagenforschung gedient. Allerdings, räumte er ein, hoffe man, daraus zu lernen, wie Menschen sich in Sozialen Netzwerken orientieren.

Der Frage Rauners nach dem Nutzen für diejenigen, die mitspielten, beantwortete Watts als Philantrop: Die Mitspieler dienten der Wissenschaft und hätten Spaß daran gehabt, sich zu überlegen, wie man eine Person durch sein Soziales Netzwerk am besten erreichen könnte.

Rauners Einwand, ob mit diesen Forschungsergebnissen Missbrauch betrieben und die Teilnehmer ausspioniert werden konnten, wich Watts, Naivität unterstellend, mit der Gegenfrage aus, ob Rauner das auch befürchtete, „wenn“, er, Watts, noch Professor wäre? Einem Forscher bei Yahoo unterstelle man „sofort“ die Ausbeutung von Nutzern: „Zu Unrecht“- selbst dann, wenn, wie Rauner nachsetzte, „ein Bösewicht die Analyse Sozialer Netzwerke missbrauchte.“ Denn solch einer, wiegelte Watts 2011 ab, benutze die Mathematik für seine Zwecke. „Wir sollten uns mehr Sorgen darum machen, dass Hacker E-Mail-Konten knacken. Was wir tun, steht weit unten auf der Risikoliste.“

Alles nur Forschung?

SpiegelONLINE berichtete am 31.07.2013, dass im Zuge der Internet-Überwachung durch das Prism-Programm der NSA „auch Yahoo zur Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst verpflichtet“ wurde. Das Unternehmen habe sich 2008 vor einem Geheimgericht vergeblich gegen die Überwachungsmaßnahmen gewehrt. Die mit dem Verfahren zusammenhängenden Dokumente wurden als geheim eingestuft. „Ab September muss die US-Regierung Unterlagen aus einem geheimen Gerichtsverfahren gegen Yahoo veröffentlichen. Sie sollen belegen, wie der Konzern gegen Prism Widerstand leistete.“

Inzwischen arbeitet Duncan Watts wieder bei seinem alten Arbeitgeber Microsoft. Das Interview findet man in ZEIT WISSEN ganz hinten auf Seite 118 des Dezember- und Januarheftes aus 2011/12, umgeben von Reklame und der Rubrik Was will ich wissen - und dem Titel:Was ist der Zweck von Angst.“

Duncan Watts: From Sociology to Social Network

DUNCAN WATTS: SMALL WORLDS: THE DYNAMICS of NETWORKS BETWEEN ORDER AND RANDOMNESS

DUNCAN J. WATTS: EVERYTHINGS IS OBVIOUS: ONCE YOU KNOW THE ANSWER.

Was gibt es noch?

Worldometer für Statistik-Junkies: in Echtzeit aktualisierte statistische Erhebungen über die Weltbevölkerung: http://www.worlddometers.info/?f

Twinkomplex:Onlinespiel - Mischung aus interaktivem Buch und Filmen. Die Handlung bestimmt der Zuschauer. www.twinkomplex.com

Amen: Soziales Netzwerk für Listen-Liebhaber:Best Film, Books etc.. https://getamen.com/thanks

22:18 01.08.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

anne mohnen

Der Verstand ist Brod, das sättigt; der Witz ist Gewürz, das eßlustig macht." Ludwig Börne.
anne mohnen

Kommentare 43

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community