Die neue Macht der Algorithmen

Analyse Big Data hat das Potential, unsere Gesellschaft zu verändern. In welche Richtung, liegt unter anderem auch daran, wie wir unser Verhältnis zu Daten definieren
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Manchmal hilft es, in die Vergangenheit zu schauen, um die Gegenwart zu verstehen. Strebte man in längst vergangenen Zeiten zum Beispiel in Mesopotamien eine Karriere an, so war es extrem nützlich Lesen und Schreiben zu lernen. Die Priesterschaft hatte die Keilschrift erfunden, um Macht und Besitz zu organisieren. Wer sie beherrschte, gehörte automatisch der Oberschicht mit all ihren Privilegien an. Aber das Erlernen der machtvollen Symbole war den Reichen und Geistlichen vorbehalten. Versuche die komplizierte Zeichensprache zu vereinfachen und somit den Zugang zu erleichtern, wurden von der geistigen Elite vereitelt. Ähnlich war es in Indien, dort war es von den herrschenden Brahmanen unter Strafe verboten, Wissen „Veda“ unter den Unberechtigten zu verbreiten. Wissen ist Macht und Macht wird nun mal nur ungern geteilt.

Heute ist das nicht anders. Aber Lesen und Schreiben allein reichen nicht mehr aus, um eine Monopolstellung mit Machtanspruch zu erzeugen. In den Zeiten der Allmacht der Computer, die Beruf und Freizeit komplett durchdrungen haben, ist die Datenverarbeitung zum neuen Herrschaftswissen geworden. Die Unmengen von Bits und Bytes, die täglich anfallen und inzwischen auch erfolgreich gespeichert werden können, bieten dafür schier unendliche Möglichkeiten. Insofern verwundert es nicht, dass Big Data Mining in den Augen vieler Experten ein Schatz ist, der gehoben werden muss.

Natürlich kann die Analyse großer Datenmengen auch dazu genutzt werden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie kann unserem begrenzten Verständnis komplexer Zusammenhänge auf die Sprünge helfen und uns unterstützen, das Klima, den Klimawandel oder Krankheiten besser zu verstehen. Aber nicht nur in der Wissenschaft auch über Menschen kann man mit Big Data einiges erfahren. Angenommen man kombiniert das Google Suchprofil eines Menschen, mit seinen Telefonverbindungen, dem Social Media Verhalten, den Kontobewegungen, Krankenversicherungs- und den Finanzamtunterlagen, kann man in fast jedem Menschen lesen wie in einem Buch. Es ist kein Wunder, dass dieser Gedanke zahlreichen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Geheimdiensten ein gieriges Glitzern in die Augen treibt

Auch wenn Big Data noch im Anfangsstadium ist, kommen wird es. Denn wie Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz (ULD) Schleswig-Holstein in einem Interview erklärte: „die Technik ist vorhanden, die Verknüpfung ist vorhanden, die Speicherkapazitäten sind vorhanden.“ Er warnt aber auch: "Big Data eröffnet Möglichkeiten des informationellen Machtmissbrauchs durch Manipulation, Diskriminierung und informationelle ökonomische Ausbeutung – verbunden mit der Verletzung der Grundrechte der Menschen".

Big Data wird die Zukunft in einem Ausmaß prägen, das uns im Moment noch nicht bewusst ist. Da kaum jemand die Ergebnisse nachrechnen kann, werden wir den Algorithmen und was immer sie ermitteln, glauben müssen. Wir werden wieder zu Analphabeten, abhängig von Prozessen, die wir weder verstehen noch nachvollziehen können. Das Denken wird dann scheinbar von Maschinen übernommen. Ein Szenario das nicht nur entfernt an Science-Fiction-Literatur erinnert.

Doch wie damit umgehen? Wir dürfen als erstes Rechnen nicht mit Denken verwechseln. Bei der Datenanalyse handelt es sich (nur) um schnell durchgeführte Rechenoperationen. Es sind immer noch Menschen, die Fragen stellen, Ergebnisse auswerten und Schlussfolgerungen ziehen. Big Data verbreitet unsere Faktenbasis, mehr nicht. Wir dürfen den Daten nicht blind vertrauen, denn dann machen wir uns zu Untertanen, wie die leseunfähigen Arbeiter in Mesopotamien. Und wir sollten immer daran denken, dass es eben einfach “nur Daten” sind. Keine Allmacht, keine absolute Wahrheit und kein Diktat. Denn mit Big Data schreitet auch die Quantifizierung der Welt voran, in der nur zählt, was sich empirisch beweisen lässt. Ein Mensch lässt sich in seiner Gesamtheit aber so nicht abbilden. Das Leben ist vielfältiger und bunter.

Um zu verhindern, dass Wissen monopolisiert wird, müssen wir Transparenz fordern sowie neuere und bessere Gesetze, um die Daten der Bürger schützen. Die Politik wird uns hier nicht helfen, die Möglichkeiten, die das Datensammeln für Kontrolle und somit Machterhalt hat, sind zu verführerisch. Es liegt an uns, unsere Rechte einzufordern.

22:18 05.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Anne v. Fircks

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