Die Linie des Irrsinns

Migration Francisco Cantú wollte die Grenze verstehen. Bücher halfen nicht weiter, weshalb er Grenzschützer wurde. Und selber eins schrieb
Die Linie des Irrsinns
Die junge Frau ist erwischt worden. Nächste Woche wird sie es wieder versuchen

Foto: John Moore/Getty Images

Es ist noch nicht einmal Mittag, aber die Hitze taucht die Landschaft bereits in ein flirrendes Orange. Francisco Cantú sitzt in einem Café am westlichen Stadtrand Tucsons im US-Bundesstaat Arizona, da wo die Stadt langsam in die Wüste übergeht, und freut sich über einen Platz im Schatten. Er ist gerade in den letzten Zügen seines ersten Buches. Es ist ein Buch über seine vier Jahre an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Über den Alltag eines amerikanischen Border Patrol Agents.

Das war im März 2017. In der Zwischenzeit hat ein Präsident im 4.000 Kilometer entfernten Washington an eben jener Grenze eine der größten humanitären Krisen der jüngeren amerikanischen Geschichte ausgelöst. Und Francisco Cantú hat, ohne es zu ahnen, das Buch der Stunde geschrieben.

Wer am Meer aufwächst, der bleibt ihm ein Leben lang verbunden. Ähnlich ist es mit der Wüste. Francisco Cantú ist in Arizona aufgewachsen. Sein Meer ist die Sonora-Wüste, und durch die verläuft seit 150 Jahren eine Grenze. Seitdem bestimmt diese Grenze das Leben der Menschen.

Nach der Schule ging Cantú zum Studieren nach Washington. Internationale Beziehungen – weil er verstehen wollte, warum diese Grenze so viel Macht hat. Anwalt werden oder in die Politik gehen, das war sein Plan für danach. Aber je abstrakter die politischen Konstrukte wurden, umso fremder wurde ihm die Wüste und die Linie, die sie in zwei teilt. 2008 beschloss er deshalb, der United States Border Patrol beizutreten. Eine irrsinnige Idee. Schließlich handelt es sich dabei um die Einheit, die bekannt dafür ist, dass ihr die Sicherheit der Grenzen alles und die Würde des Menschen wenig bedeutet. Cantú blieb vier Jahre im Dienst. Den allergrößten Teil davon „in the field“ – irgendwo zwischen San Diego und El Paso.

Damals wurde das Überqueren der Grenze in den Städten unmöglich. Es ist jene Zeit, die bis heute andauert und in der immer mehr Menschen den Weg durch die endlosen Weiten der Wüste riskieren. Seitdem ist die Sonora-Wüste zum Massengrab geworden. Zwischen 2000 und 2016 wurden die Leichen von mehr als 2.000 Menschen registriert. Das ist aber wohl nur ein Bruchteil derer, die nach Tagen ohne Wasser in der Wüste für immer verschwinden.

Und so begleitet den Autor von Anfang an die Angst, in der Wüste dem Tod zu begegnen. Nicht seinem eigenen, sondern dem Tod der vielen Namenlosen aus dem Süden. Aus Oaxaca, Michoacán und Mejicanos oder einem der anderen Orte mit schönem Klang und wenig Hoffnung in Mexiko, San Salvador oder anderswo. Doch umso überraschender lesen sich die ersten Begegnungen in No Man’s Land.

Soll der Schnaps versickern?

Da ist die junge Frau aus dem mexikanischen Guadalajara, die bereits zum zweiten Mal in einer Woche versucht, die Grenze zu überqueren. Und auch wenn ihr das wieder nicht gelungen ist, ist ihr Optimismus ungebrochen. Auf dem Weg zur Polizeistation, von der aus sie zurück nach Mexiko geschickt werden wird, schmettert sie einen Song nach dem nächsten. Denn eines Tages, das erzählt sie Cantú und seinen Kollegen von der vergitterten Rückbank des Patrouillenfahrzeugs aus, wird sie eine große Sängerin werden.

Dann ist da die Geschichte der beiden Männer, die „Carne Secca“, Trockenfleisch, und „Mezcal“, Agavenschnaps, Spezialitäten aus ihrem Dorf, Hunderte Kilometer durch die Wüste geschleppt haben. Der Umstand, dass die Grenzpolizisten sie wieder zurückschicken werden, schockiert sie weniger als die Vorstellung, dass der Agavenschnaps, der zuvor sechs Monate im Fass gereift ist, jetzt im trockenen Wüstenboden versickern soll.

Aber es bleibt nicht bei diesen Geschichten, deren Leichtigkeit einen die Verzweiflung der in der Wüste Aufgesammelten für ein paar Zeilen vergessen lässt. Zu Cantús neuem Alltag gehören die Körper der Toten, die über Tage von der Sonne ausgetrocknet, nur durch Zufall auf einer Patrouillenfahrt entdeckt werden. Dazu gehören die ausgehungerten Jugendlichen, die im Schatten eines Saguaro-Kaktus neben der Leiche ihres Onkels verharren. Die Kollegen, die Lebensmittelvorräte in der Wüste vernichten und Wasser in den trockenen Boden sickern lassen, um den Menschen ihre letzte Hoffnung zu nehmen, die Grenze überqueren zu können. Und die Abgestumpftheit, die sich unwillkürlich einstellt, wenn das Unvorstellbare zur Routine wird.

Der Süden spielt volles Risiko

Nüchtern und bis ins letzte Detail beschreibt Cantú diese Routine: von der Spurensuche in der Wüste bis zum Papierkram bei einer Abschiebung oder dem bei einem Leichenfund. Namen werden notiert, persönliche Gegenstände konfisziert, Dokumente ausgefüllt, Menschen den Abschiebebehörden übergeben und Namen wieder vergessen. Je nüchterner die Sprache, desto absurder erscheint das Prozedere. Jeden Tag aufs Neue ein Katz-und-Maus-Spiel – dabei diktiert die Linie in der Wüste die Spielregeln. Und die besagen: Die Seite südlich der Mauer spielt volles Risiko.

Introspektion findet in No Man’s Land über Bande statt – über Naturbeschreibungen und Ausflüge in die nächtlichen Träume des Erzählers. Das wirkt manchmal etwas konstruiert, hat aber den Vorteil, dass man so nicht nur dem Innenleben des Autors, sondern auch der Landschaft näherkommt. Während die Wüste für die einen Lebensgefahr bedeutet, ist sie für die anderen lästiges „Wasteland“. Cantú schreibt gegen diese Wahrnehmung an. Die Sonora-Wüste ist nicht nur eine der vielseitigsten und artenreichsten Wüsten der Welt, sie ist auch ein Identitätsraum, dem durch die Immigrationspolitik an der Grenze jegliche Würde und Schönheit aberkannt wurde.

Obwohl Cantú die Grenze als Border Patrol Agent kennengelernt hat, ist No Man’s Land keine Reportage aus Sicht eines Grenzpolizisten. Vielmehr ist es der Versuch, eines der vielleicht komplexesten Probleme der Gegenwart, nämlich das Verhältnis von Grenzen und Migration, beschreibbar zu machen. Dafür bedient sich Cantú immer wieder historischer und theoretischer Exkurse. Fast ein bisschen so, als traue er seiner eigenen Geschichte nicht ganz über den Weg.

So verweben sich die verschiedenen Erzählebenen des Buches zum Porträt eines Landstreifens, der viel über den Zustand der westlichen Welt verrät. Der Autor ist nach vier Jahren Dienst ernüchtert ausgestiegen: Er hat kaum Antworten auf die Fragen gefunden, die ihn einst zu diesem Schritt bewogen haben. Nur eines, das kann man nach der Lektüre von No Man’s Land sicher sagen: Wenn etwas irrsinnig ist, dann die Politik, die sich in diesen Stunden an einer Linie in der Wüste vollzieht.

Info

No Man’s Land Francisco Cantú Matthias Fienbork (Übers.), Hanser 2018, 240 S., 22 €, erscheint am 23. Juli 2018

06:00 14.08.2018

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