Zerschellt der Öko - Wahnsinn am Thunberg?

Fridays for Future Wird jetzt alles besser, weil zahlreiche Schüler*innen freitags dem Klassenraum die kalte Schulter zeigen und sich gegen die Erderwärmung auf Marktplätzen versammeln?
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Gegen Greta Thunberg und die „Fridays for Future“-Bewegung kann man eigentlich nur sein, wenn man den menschengemachten Klimawandel leugnet. Wer ihn zu einem natürliches Phänomen erklärt oder gleich den Klimawandel abstreitet, der muss die schwänzenden Schüler*innen für komplett durchgeknallte Normverächter halten. Wer die Abweichungen vom statistischen Mittel zu einem Trick erklärt, der wird schon bei der Erwähnung des Freitags eine Pulserhöhung erfahren. Wer die Tatsache, dass Jahrhundertsommer wie 2018 jetzt statt vier Mal in tausend Jahren, wie am Anfang des 20. Jh., nun mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:8 Jahren auftreten können, für normale Schwankungen im Bereich der Wetterphänomene hält, der wird sich weder von Kindern noch von Forschern belehren lassen. Das Met Office Hadley Center für Klimaforschung und Klimadienste aus Großbritannien geht sogar davon aus, dass ab 2050 die Chance für einen Sommer wie 2050 bei 50 Prozent liegen könnte. Ja, ja das Wetter. Extrem launisch und statistikresistent. So ist halt die Natur völlig unberechenbar, wie neuerdings die Kinder und Jugendlichen auch.

Alle anderen, die ihre Augen nicht davor verschließen, dass der menschliche Natureingriff – Rodung von Wäldern, Massentierhaltung, Emissionen, Flächenversiegelungen usw. usf. - maßgeblich das Klima verändert, werden nur respektvoll feststellen können, dass die 16 jährige Thunberg in meist beeindruckender Rede die richtigen Sachen sagt, sofern sie sich nicht in Nebenbemerkungen zur Atomenergie äußert.

Bei Anne Will sagt sie, dass sie persönlich nicht für Atomenergie sei, aber eben auch, dass Atomenergie CO2-technisch sauber sei und der Weltklimarat sie im kleinen Maßstab als Übergangslösung ansieht, was sie unterstützt. Nun muss man keine große Physikleuchte sein, um nach dem Unglück von Fukushima zu wissen, dass die Folgen der Nutzung von Atomenergie, abgesehen von Strahlenschäden, keineswegs CO2-technisch sauber ist.

Wofür braucht es eigentlich Übergangslösungen? Wenn man von einer existenziellen Bedrohung ausgeht, dann kann man wohl nicht ernsthaft die wachstumsgetriebene Dynamik unseres Wirtschaftssystem zur Grundlage der Beurteilung des Energiebedarfs machen. Das aber genau tut Thunberg, wenn sie die Atomenergie ablehnt, aber als Übergangstechnologie nicht infrage stellt. Die Älteren unter uns werden sich im Übrigen erinnern, dass die Atomkraftbefürworter ebenfalls von Brückentechnologie und Übergangstechnologie sprachen, bevor die Laufzeitenverlängerung für AKWs durch den Atomausstieg abgelöst wurde.

Der generelle Fehler den Thunberg hier macht, ist der der Abschweifung durch ein Zuviel an Konkretion. Diese vermeidet sie ansonsten, so gut sie kann. Ihre Reden leben von der großen Erzählung, in der Details diese nur illustrieren.

Nehmen wir Thunbergs Rede vor der UN-Klimakonferenz in Katowice, mit der sie noch berühmter geworden ist. Dort hat sie festgestellt, dass es falsch sei, die Führer unserer Nationen aufzufordern, die Emissionen zu stoppen, weil das nicht funktioniert und die Emissionen nur weiter steigen. Sie hingegen, will diese Führer nicht um unsere Zukunft anbetteln, sondern stattdessen die Welt bitten, zu erkennen, dass unsere politischen Führer versagt haben.

Die Rede ist im Wesentlichen korrekt. Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn! Indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches gescheh(e)n. Bei Thunberg ist es nicht, wie bei Goethe „kann“, sondern muss!

Wir haben nur noch wenige Jahre, die Arten sterben und niemand spricht darüber. Zwar ist das absolut gesehen Quatsch, denn sonst wüsste Greta Thunberg nichts davon, dass und in welch erschreckender Zahl die Arten sterben. Der Science Bericht vom Juli 2014 hat hierüber eine weltweite Berichterstattung ausgelöst. Aber das sagt Thunberg ja auch: „Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen“. Es sind die Politiker, die nicht darüber sprechen, aber auch das ist natürlich nicht richtig. Sie sprechen nicht so darüber, wie es Thunberg tut. Nicht über die existenzielle Bedrohung und, dass es keine Zeit gibt, diesen Weg des Wahnsinns fortzusetzen und damit wären wir beim entscheidenden Punkt: kann man noch reden und diskutieren, oder muss man zur Abwehr des Schlimmsten handeln und worin genau besteht dieses Handeln?

Bei Anne Will reduziert sie die Handlungsnotwendigkeiten durch eine immerhin „existenzielle Bedrohung“ auf Kompromisslosigkeit mit sich selbst:

„Entweder man lebt nachhaltig, oder man tut es nicht. Man kann nicht ein wenig nachhaltig sein.“ Das will sie dann aber doch nur für sich so gelten lassen. Den anderen gönnt sie Informationen, damit diese selbst auf guter Grundlage entscheiden können, wie nachhaltig das eigene Leben ausfallen soll.

Auch bei Thunberg sind „die Menschen“ gut und die Führer bzw. politischen Führer schlecht. Die Führer führen die Menscheit in die Katastrophe. „Wenn es unmöglich ist, Lösungen im bestehenden System zu finden, sollten wir das System an sich ändern“, sagt Thunberg.

So kommt alles zusammen: „uns läuft die Zeit davon!“, die Krise ist existenziell, den Kindern wird die Zukunft gestohlen, die Führer versagen, die Reichen leben auf Kosten der Armen. Es muss endlich getan werden was nötig und nicht, was politisch möglich ist. Diese Unmöglichkeit weist sie wiederum der Politik zu (vorher gibt es keine Hoffnung).

So löst man Widersprüche auch auf. Man behauptet den absoluten Antagonismus zwischen herrschender Politik und dem was notwendig wäre, bleibt aber in seiner Sphäre der Kritik und stellt den (das) Primat der Politik nicht infrage. Das ist gut (u.a.) beim Religionsstifter des Christentums abgeschaut, der dem Kaiser den Tribut nicht vorenthalten wollte. Gleichwohl informiert man darüber, dass die Kompetenz in den essentiellen und den existenziellen Fragen bei einem selbst liegt.

Und vor allem macht man klar, den Führern keinen Augenblick der Selbsttäuschung mehr zu gönnen und daher den wirklichen Druck noch drückender zu machen, indem man ihm das Bewusstsein des Drucks hinzufügt und die Schmach noch schmachvoller, indem man die Blicke der Öffentlichkeit hierauf lenkt (vergl.: MEW 1, 381).

Man kann lange darüber reden, ob Thunberg ein geniales Marketingprodukt ist, man kann es aber aus sehr gut sein lassen. Wenn sie eines ist, dann für ein richtiges Anliegen, nämlich die Entfremdung des Menschen zu einem Teil seiner Selbst, der Natur umzukehren, bevor die Natur sich zunehmend vom Menschen entfremdet und sich von ihm tendenziell emanzipiert, um sich der menschlichen Verkürzung der planetarischen Existenz entgegenzustellen.

Systeme neigen nun einmal dazu, sich selbst erhalten zu wollen und können nicht unbegrenzt systemwidrige Eingriffe tolerieren. Jedenfalls dann nicht, wenn sich die Anzahl derer, die sich außerhalb des Systems, deren Teil sie sind, verorten und deswegen ihr Instrumentarium zur systemischen Rückkoppelung verkümmern ließen, explosionsartig vermehrt haben. 1900 gab es bereits 1,65 Mrd. Menschen auf der Welt und 1950 bereits 2,52 Mrd. und nur 50 Jahre später waren es mehr als 6 Mrd. Inzwischen braucht es gerade einmal ein Duzend Jahre, damit die Menge der Menschen, die 1800 die Welt bevölkerten – eine Mrd. – neu hinzukommen.

Damit nicht genug. Es gibt nicht nur viel mehr Menschen auf der Erde, deren durchschnittliche Lebenserwartung hat auch stetig zugenommen. Mittlerweile (2016 lt. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung) stieg die weltweite Lebenserwartung allein seit dem Jahr 2000 um fünf Jahre auf 71,4 Jahre (Frauen: 73,8 Jahre, Männer: 69,1 Jahre).

Das sind für das System Planet Erde alles andere als erfreuliche Nachrichten. Allerdings unterscheidet das System nicht danach, ob etwas erfreulich oder negativ ist, es verhält sich nur. Anders als der Mensch, hat es keine Interessen, außer dem am Systemerhalt. Beim Menschen scheint es gerade umgekehrt. Außerdem hat er sich von der äußeren Natur, deren Teil er ist, soweit entfremdet, dass er sie für etwas von ihm losgelöstes betrachtet. Seine Systembetrachtungen gehen hingegen von ihm aus. Im Zentrum steht der Mensch, der als System zwar mit der Natur kooperiert, sich im Zweifel eher durchsetzen darf, als der Natur den Vorrang einzuräumen. Das Ganze nennt sich rational und ist es nicht einmal in der immanenten Betrachtung.

Eine Wirtschaftsweise, die die Gier und mithin systemwidriges Verhalten zum Zentrum seiner Entwicklung und mithin zum System erhoben hat, kann nur einen kurzen Moment funktionieren. Schon die Annahme, die Gier einhegen zu können und so in etwas zum Nutzen der größten Zahl der Systemteilnehmer zu transformieren funktioniert nur in Bezug auf rein quantitative Betrachtungen und hat obendrein zwingend die Erhöhung der menschlichen Systemteilnehmer zur Voraussetzung. Jedenfalls bis jetzt.

Jeder Mensch mehr, erhöht die Nachfrage nach Produkten, die im momentanen System Mensch mittlerweile allesamt zu Waren wurden, also mit dem Ziel der Profitmaximierung produziert werden und sich im Zweifel das Bedürfnis nach ihm selbst herstellen.

Anders als im System Natur, in dem die Bedürfnisbefriedigung immer zugleich auch ein Beitrag zur systemerhaltenen Transformation darstellt, ist der Konsum im System des auf Wachstum basierten Wirtschaftens auf Zerstörung des Gebrauchs- und damit Tauschwertes angelegt. Ein Rückgang des Konsums oder eine Verlängerung des Gebrauchswertes an sich, würden zugleich Abschwächung des Wachstums oder gar Stagnation oder Reduktion der Produktion bedeuten, mithin Krise.

Man mag darüber streiten, ob dieses System der Rast- und Ruhelosigkeit, des schneller, höher, weiter unter Aspekten der Nachhaltigkeit erfolgreich betrieben werden kann? Man könnte aber auch einfach Bedingungen definieren, unter denen es betrieben werden darf:

  • keine Abfälle,
  • keine Massentierhaltung,
  • Begrenzung aller menschgemachten Emissionen auf einen Stand des Jahres 200o mit einer anschließenden Degression von jährlich einem Prozent,
  • keine weitere Versiegelung von Flächen,
  • Erhöhung der Waldflächen um ein Prozent pro Jahr,
  • grundsätzliche Zerschlagung von Firmen und Firmengeflechten mit einem Umsatz von mehr als einer Mrd. EUR.

Das ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss, wäre aber immerhin der Versuch, von der Predigt und der reinen Kritik auf eine Umsetzungsebene zu kommen.

Das sollte man auch nicht als Antagonismus zum Protest der „Fridays for Future“-Bewegung begreifen, die grundsätzliche Veränderungen bis hin zum Systemwechsel verlangt. Diese Bewegung kann die Bedingungen für ökologische Reformen verbessern. Das setzt aber voraus, dass Akteure der Ökologie, wie der Wirtschaft den Schwung der Bewegung für eigene Aktivitäten aufnehmen und konkrete Handlungsfelder erschließen, die über die Idee hinausgehen, man müsse die Mobilität künftig mit 200 kg Batterien an Bord denken und alles würde gut.

Die Bewegung der Grundlagenkritik hingegen täte gut daran, sich weder von Reformern noch von Produzenten von isoliert betrachtet ökologischen Produkten vereinnahmen zu lassen, sondern bei der Haltung zu bleiben, alles in Grund und Boden zu kritisieren, was sie für die Gefährdung ihre Zukunft hält.

Greta Thunberg sagt: „Das Schwarz-Weiß-Denken ist definitiv meine Stärke. Hätte ich nicht Asperger gehabt, hätte ich mich anfangs nicht für die Klimakrise interessiert. Wenn ich wie alle wäre, dann hätte ich wie alle weitergelebt. Aber ich bin nicht wie alle, ich denke auf eine andere Art und Weise. Und nur so konnte ich bemerken, was falsch läuft“ (Hamburger Abendblatt, 01.04.2019). Nun muss man nicht gleich eine autistische Störung haben, um Dinge zuzuspitzen und systemische Anomalien zu erkennen, aber manchmal hilft es eben auch.

An diesem polarisierten Denken sollten auch die Mitstreiter*innen von Thunberg unbedingt festhalten und sich zugleich von der Idee befreien, es gäbe tatsächlich nur grobe Strukturen. Tatsächlich gibt es Micro- und Macrostrukturen immer gleichzeitig und sie bilden nur unterschiedliche Wahrheiten ab.

Eines aber stimmt im ganz Kleinem, wie im Großen: machen wir weiter wie bisher, dann lassen wir dem System des Planeten Erde gar keine andere Wahl, als sich von der größten Anomalie, die sein System bedroht, zumindest in größeren Teilen zu befreien.

Kein Mensch weiß, ob diese Einsicht nicht sowieso zu spät kommt, aber für den denkenden Teil der menschlichen Population könnte es doch mehr Spaß machen, in Einklang mit eigenen Erkenntnissen tendenziell das Richtige zu tun, oder wie Greta Thunberg sagt: „Natürlich bin ich mehr gestresst und beschäftigt als früher, aber ich bin auch glücklicher jetzt. Weil ich den Sinn in dem fühle, was ich tue und ich fühle mich gebraucht“ (a.a.O.).

Kann man mehr wollen?

13:31 03.04.2019
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