Martin Forberg
12.04.2012 | 17:24 6

Hellmuth Karasek und sein falsches Grass-Zitat

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Martin Forberg

Vielleicht wollte der Literaturkritiker Hellmuth Karasek einfach mal den umgedrehten Guttenberg geben: Der hatte fremdes geistiges Eigentum als eigenes ausgegeben, Karasek hat dagegen in der Berliner Morgenpost behauptet, dass ein Zitat von Günter Grass sei, was in Wirklichkeit auf seinem eigenen Mist gewachsen ist. Die Leserinnen und Leser der Berliner Morgenpost konnten sich in diesem Jahr in der Osterausgabe über ein ganzes besonderes Bonus-Ei freuen. Sie brauchten nicht lange zu suchen, es war auf Seite Eins an prominenter Stelle versteckt. Vielleicht hatte die Redaktion auch nur vergessen, das Geschenk wegzuräumen. Denn auch Zeitungsleuten aus dem Springer-Verlag könnte dieses Präsent peinlich sein: der Literaturkritiker Hellmuth Karasek hat in seiner Kolumne "Karasekswoche" ein falsches Zitat untergebracht. Es ging - wieder einmal - um Günter Grass' Gedicht "Was gesagt werden muss". Karasek hat zu etwas ähnlichem wie einer Generalabrechnung angesetzt ("Rache einer Lebenslüge. Hellmuth Karasek über den Sündenfall von Günter Grass" lautete der vielversprechende Titel). Als Krönung aller Vorwürfe "entlarvt" Karasek Grass abschließend als ausgewiesenen Antisemiten. Und das liest sich so: "Er hat den neuen alten Schuldigen gefunden, wie kann es anders sein: die Juden." Schreibt Karasek. Und fährt dann fort: "Als 'Atommacht Israel gefährden sie den ohnehin brüchigen Weltfrieden'". Das soll O-Ton Grass sein - die Anführungszeichen lassen da keinen Zweifel zu. Tatsächlich aber lautet die entsprechende Passage in dem mittlerweile berühmten Gedicht:"Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." Das verräterische "sie" findet sich in dem ganzen Gedicht so wenig wie der (laut Karasek) dazu gehörige Begriff "die Juden". Hätte Grass geschrieben, was ihm Karasek in den Mund legt, dann wäre dies tatsächlich Antisemitismus pur. Hat er aber nicht, sondern Karasek und seine Tinte waren's. Ist der Kritiker also am Ende der heimliche Antisemit? Das ist zwar zunächst eine Spekulation, aber nicht abenteuerlicher als mancher Vorwurf, den Grass-Kritiker in den letzten Tagen formulierten. Karasek schießt dabei den Vogel ab. Was bringt, veranlasst, treibt Hellmuth Karasek - der laut Weltonline vom 28.02.2012 "neben Reich-Ranicki der zweitbekannteste Literaturkritiker Deutschlands" ist - dazu, ein Zitat des Schriftstellers Günter Grass so eklatant falsch wiederzugeben, ordinär ausgedrückt: zu fälschen? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder Karasek hat aus seiner Erinnerung ein "Zitat" niedergeschrieben - und das war dummerweise falsch. Diese Variante ist peinlich. Die zweite, wahrscheinlichere Auflösung des Rätsels setzt ein gewisses Maß an krimineller Energie voraus, hat aber für Karasek den Vorteil, dass er weiterhin als ein Autor gilt, der weiß was er tut. Diese Variante lautet: der prominente Publizist hat einfach ganz bewusst eine - fürwahr äußerst plumpe - Fälschung vorgenommen. Wer den Schriftsteller so "nachdichtet", wie Karasek das getan hat, muss die Absicht haben, ihn zu verleumden. Karaseks Retusche macht aber auch schlaglichtartig eine bewusste Anti-Grass-Kampagne sichtbar, für die der Literaturnobelpreisträger die übertriebene Formulierung von einer "fast wie gleichgeschaltete(n) Presse" (www.tagesschau.de/inland/grassgedicht112.html) gewählt hat. (Selbstverständlich ist nur ein Teil der Grass-Kritik als Kampagne zu verstehen). Indem nun Karasek durch sein eigenes Handeln die Manipulationen in Sachen Grass als aktive Bastelarbeit an Worten und Wörtern sichtbar macht, hat er - dialektischer als ihm lieb sein kann - selbst einen Beitrag zur Aufklärung geleistet. Er muss zugleich seine Leserinnen und Leser für reichlich unaufmerksam (oder gleich für ausgesprochen blöd) halten, wenn er erwartet, dass sie sich so primitiv täuschen lassen. Noch ein Stück Aufklärung also: diesmal in Sachen Karasek. Und wie steht's nun mit der ersten Möglichkeit, dass Karasek einfach aus dem Gedächtnis und aus Versehen falsch zitiert hat? Das wäre dann "nur" peinlich - und dies gleich mehrfach. Erstens: ein bisschen Recherche beim Verfassen einer sicherlich gut bezahlten Kolumne darf schon sein. Zweitens: dass Karasek, wie einige andere vor ihm, Grass unterstellt, er unterscheide nicht zwischen Juden und Israel, ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass er und seine Mitkritiker dies selbst nicht tun. Das heißt: in ihrer Vorstellung über Jüdinnen und Juden kommen vermutlich bestenfalls jüdische Israelis vor (und selbst das ist wegen ihrer Fixierung auf die politisch-militärische Klasse des Staates Israel fraglich). Jüdische Iraner, Franzosen, Ungarn, Argentinier oder Deutsche geraten in den Hintergrund. Und gerade aufgrund ihrer Israel-Zentriertheit, bleiben die Palästinenserinnen und Palästinenser für diese Kritiker höchstens Schattenwesen. Die solidarische Haltung zu Juden haben die vermeintlich Israelophilen durch die ideologische Verklärung eines Staates ersetzt. Es darf bestritten werden sie, dass sie überhaupt "Israel lieben", also wirklich "israelophil" sind. Die Zuneigung primär zu einem Staat (und bestenfalls an zweiter Stelle zu den Menschen) versetzt grundsätzlich die auf diese Art unkritisch "Liebenden" in eine Narkose oder macht gespaltene Persönlichkeiten aus ihnen - wenn es ganz dumm läuft, auch beides. Immer wieder müssen sie über dunkle Flecken und über die von ihrem vermeintlichen "Liebling" ausgeübte Gewalt hinwegsehen - oder sogleich relativierend tätig werden. Dies mag bei den Israelzentrierten selbst antisemitische Einstellungen im Verborgenen entstehen lassen. Wenn in der alltäglichen politischen Debatte Kritik an der Politik des Staates Israel laut wird, dann stellen israelzentrierte Menschen oft fest, Kritik "dürfe" selbstverständlich sein, aber doch nicht so, wie sie gerade geübt wird. Die Verklärung (wie auch die Dämonisierung) eines Staates sind pathologische Erscheinungen. Sie treten an die Stelle des nüchternen, kritischen (das heißt: unterscheidenden) Blickes, der nicht umhin kann, festzustellen, dass die meisten Regierungen im "Nahen Osten" die Menschenrechte verletzen, Israel eingeschlossen. Und dass die imperiale Politik in und gegenüber dieser Region wiederum mit den Menschenrechten nicht vereinbar ist. Da ist die erste Variante, die bewusste Zitatfälschung für die so Handelnden selbst vielleicht am Ende leichter zu tragen? Einfach mal den umgedrehten Guttenberg geben: Der hatte fremdes geistiges Eigentum als eigenes ausgegeben, Karasek hat dagegen behauptet, dass ein Zitat sei, was in Wirklichkeit auf seinem eigenen Mist gewachsen ist. Guttenberg hat Amt und Titel verloren. Karasek wird aber wohl Kolumnist bleiben, oder? Vielleicht war es am Ende doch ein sorgfältig platziertes Osterei, ein Art Intelligenztest für Leserinnen und Leser der Berliner Morgenpost. Vielleicht ist doch das der Grund, warum Hellmuth Karasek ein Zitat von Günter Grass gefälscht hat.

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