Der Neue Deutsche Heimatfilm

Mit Angela Merkel als Hauptdarstellerin verkörpert der Neue Deutsche Heimatfilm die Gemütlichkeit rückwärtsgewandter Realitätsverdrängung. Die Entstehung eines Genres
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Angela Merkel, Hauptdarstellerin des Neuen Deutschen Heimatfils: Neujahrsansprache 2012-2015

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Das Genre des Neuen Deutschen Heimatfilms zeigt Familienszenen und Gesprächssituationen die sich durch vermeintliche Harmonie und Volksnähe einer konservativen Utopie* auszeichnen. Bei den dazugehören Hintergründen handelt es sich meist um herrschaftliche Paläste inmitten entvölkerter Täler, Almwiesen und Berghängen, oder auch menschenleere norddeutsche Heide- und Seenlandschaften. Im Vordergrund stehen stets Traditionen, Trachten, inniges Beisammensein vor imposanter Kulisse.

Schon in den 1920er, 1930er und 1940er Jahren gab es zahlreiche Filme, die im dörflichen, bevorzugt oberbayerischen Milieu angesiedelt waren. Neben den Romanen von Ludwig Ganghofer wurden meist recht deftige Schwänke adaptiert oder ganz neu geschaffen.

Das Genre entwickelte sich Ende der 1940er Jahre in Westdeutschland. Nach der ersten Blütezeit der 1950er Jahre findet der Heimatfilm mit Angela Merkel als Hauptdarstellerin und Meisterin der Innerlichkeitspolitik seit 2000 erneut zu kultureller Größe. Als Antwort auf die schweren äußeren Verwerfungen, Arbeitslosigkeit, das Unrecht durch ungleiche Vermögensverteilung und Austeritätspolitik werden im Neuen Deutschen Heimatfilm Begriffe wie Sicherheit, Wohlstand, Heimat und Tradition instrumentalisiert. Auch die sozialen Folgen der Sparpolitik wie verarmte Familien, extremistische Tendenzen und Werteverlust werden mit idyllischen Gegenbildern aufgearbeitet, die den Zuschauern eine kurze Reise in die heile Welt des Neuen Deutschen Heimatfilms ermöglichen. Bei vielen Heimatfilmen der 1950er und 1960er Jahre handelt es sich um direkte Neuverfilmungen von UFA-Proparandafilmen der Zeit des Nationalsozialismus. Der Neue Deutsche Heimatfilm mit Angela Merkel als Hauptdarstellerin setzt nun diese in den 70er Jahren unterbrochene Tradition weiter fort.

Im Mittelpunkt des Neuen Deutschen Heimatfilms stehen nicht mehr örtliche Autoritäten wie Ärzte, Förster, Pfarrer oder Gastwirte sondern Politiker, Experten, Bank- und Konzernchefs. Gut und Böse sind sauber getrennt. Statt von Erbstreitigkeiten oder Wilderei handeln die Konflikte nun von gewaltbereiten Terroristen, Demonstanten und südeuropäischen Ländern oder den sogenannten Pleitegriechen, die »über ihre Verhältnisse leben« und dem fleißigen deutschen Sparer sein mühsam vom Mund abgespartes Geld versuchen streitig zu machen. Troika- und Hedgefonds-Chefs hingegen liefern stets die Lösungen für alle Probleme. Die Handlung ist vorhersehbar. So kommen in diesen Filmen tief Verschuldete vor, die durch äußere Hindernisse, Länder- und Klassenunterschiede oder unglückliche Umstände und Faulheit lange an ihrem Glück gehindert werden. Durch irgendeine Begebenheit wird der Euroaustritt schließlich überwunden, so dass es doch noch zu einem allgemein versöhnlichen schwarzen Null Happy End kommt. Der Neue Deutsche Heimatfilm im merkelschen Hyperpragmatismus.

* siehe auch den gleichnamigen Community-Beitrag von Blogger JW

»Konservative Utopie - Traum des Stillstandes

Merkel verkörpert den Traum des Stillstandes, während die Welt sich rasend schnell verändert. In dieser konservativen Utopie erscheint es rational, wenn wir vom weltweiten Wirtschaftswachstum ohne weitere Umweltzerstörung ausgehen, es erscheint rational, dass wir eine fortschreitende Automatisierung ohne den Verlust von Arbeitsplätzen für machbar halten (ohne Arbeit neu zu Organisieren), es erscheint auch rational, wenn wir an eine menschenwürdige Rente ohne ausreichend Einzahler oder Steuererhöhungen glauben. Jedes dritte Kind in Deutschland, eines der reichsten Länder der Welt, ist von Armut bedroht und uns erscheint das als natürlich und notwendig. Zusammengefasst: In der konservativen Utopie glauben die Menschen an die Richtigkeit und die Beständigkeit des Bestehenden.«

20:10 13.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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