Zensur. 1997 und 2016 trennen Welten

Böhmermann Was darf die Kunst? Christoph Schlingensiefs Aktion »Tötet Helmut Kohl« blieb für ihn weitgehend folgenlos. Das war 1997. 2016 sieht das im Fall Böhmermann anders aus
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Bilder: Vom Blogger selbst ausgsuchte Motive und selbstgemachte Screenshots u. a. der Schlingensief-Webseite, 2016

Theaterskandal. Es ist schon etwas her, einige von uns jedoch werden sich noch erinnern: Vor fast zwanzig Jahren verwandelte Christoph Schlingensief den Pratergarten im Open-Air-Praterspektakel der Berliner Volksbühne in eine Irrenanstalt. Das Zweite Surrealistische Manifest von André Breton wurde aufgeführt. Hinten ein Tranzparent mit den Worten "Tötet Helmut Kohl", im Vordergrund eine im Reck gefesselte Kohl-Puppe. Über allem prangte Helmut Kohls abgeschlagener Kopf. Schlingensief wurde damals medienwirksam in Handschellen von der Polizei abgeführt, war aber nach wenigen Stunden wieder auf freiem Fuß. Ohne rechtliche Konsequenzen.

Kultursenator Peter Radunski, um das Publikum besorgt:

"Wir sind beileibe keine Puristen. Aber das geht zu weit. Es verletzt nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch die Würde und das Recht auf Unversehrtheit einer Person der Zeitgeschichte. Es stellt die Frage, ob das dem Publikum noch zugemutet werden kann."

Volksbühnen-Chefdramaturg Matthias Lilienthal dazu:

Der Kollege Schlingensief hat Andrè Bretons ,Surrealistisches Manifest'konsequent in unsere Zeit Übersetzt und mit dem provokanten Stil der Volksbühne umgesetzt. Er hat nach seiner ,Rocky-Dutschke'-Vorstellung rund 100 Zuschauer rekrutiert, ihnen Papphütchen aufgesetzt und während der U-Bahn-Fahrt zum Prater den Breton-Satz vom ,Töten' eingeübt. Auf der Bühne wurde lediglich eine Puppe präsentiert, die stark kabarettistische Züge hatte."

2016 sieht das alles ganz anders aus. Aus einem Gedicht wird eine Staatsaffäre. Kanzlerin Merkel mischt sich ängstlich ein und legt die hart erkämpfte Kunstfreiheit eines ganzen Kontinents einem Despoten zu Füßen.

Dazu Helge Malchow, Kiepenheuer und Witsch Verlag

"Ich vermute mal, dass Kim Jong-un in Nordkorea bei noch ganz anderen Gedichten ausflippt. Ist uns das nur deswegen egal, weil er uns keine Flüchtlinge vom Hals hält?"

Sehr treffend auch Yanis Varoufakis in seinem Artikel

"Erst hat Europa mit dem EU-Türkei-Deal seine Seele verloren, jetzt seinen Homor."

Hintergrundinformationen und weitere Links:

i) Transkript/Wortprotokoll zum „NEO MAGAZIN ROYALE“ vom 31.03.2016 (unzensierte Folge 43) sowie Reaktionen aus Politik, Justiz und Medien

ii) im Freitag, Blogs und redaktionelle Texte Stichwort Böhmermann.

13:24 12.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

silvio spottiswoode

»Ohne Griechenland kann man Europa umbenennen, etwa in Horst.« (Nils Minkmar)
silvio spottiswoode

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