Der Champagner ist schuld!

Krise Idomeneo oder die Tragödie der Weltwirtschaft: Warum im ­Drama der Krise alle Zuschauer sein wollen

Wenn Idomeneo das Schwert erhebt, um seinem Sohn Idamante vor dem versammelten Volk Kretas den Kopf abzuschlagen, donnert eine dunkle Stimme aus dem Theaterhimmel und ruft: „Halt!“ Um die Dramatik dieser Stelle zu verstehen, muss man die ganze Geschichte kennen: Es war einmal ein Gewitter, in dem der König von Kreta in Seenot geriet. Da versprach er dem Meeresgott Neptun, den nächsten Menschen seines Volkes zu opfern, der ihm begegnen würde – wenn er selbst nur heil davonkäme. An Land traf Idomeneo dann den eigenen Sohn. Der wollte sich auch bereitwillig opfern lassen. Doch nun kommt es zum Einsatz besagter Stimme. Neptun befiehlt Idomeneo aus dem Off, von seinem Opfer abzulassen und Idamante als neuen König einzusetzen. Kreta jubelt! Der Vorhang fällt.

Diese merkwürdigen Wendungen im Theater nennen wir lieto fine. Findige Dramatiker von der Antike bis zur Operette haben immer wieder rettende Briefe erfunden, oder einfach Götter ex machina auf die Szene steigen lassen, um ihre vertrackten Handlungen mittels irgendeiner Form des Erbarmens oder des Zufalls aufzulösen. Die reale Tragödie unserer Weltwirtschaft ist leider weniger gefügig. Auch hier haben einige Manager ihrem Börsengott Mammon geschworen, Opfer aus dem Volk zu bringen, wenn sie selbst nur reich würden. Aber anders als Idamante hält das Volk nichts von dieser Art Sühne.

deus ex machina

Im Gegenteil, es ist wütend und will eigentlich nur eines: den Managern an den Kragen. Die Übergriffe auf Boni-Banker und Manager häufen sich. Geprellte Anleger halten nichts von der Milde, die Gott einst Abraham zuteil werden ließ, der seinen Sohn ebenfalls opfern wollte; sie setzen lieber auf das biblische Motto: „Zahn um Zahn“. Im lieto fine wird die Frage von Schuld und Sühne zur Frage von Einsicht und Moral: Der Missetäter wird aufgefordert, ein Opfer zu bringen (lustigerweise nie sich selbst). Und sobald er bereit dazu ist, wird ihm erst von Gott, dann vom Volk vergeben. In der aktuellen Wirtschafts-Tragödie verhält es sich etwas anders. Viele Manager lassen sich für ihr Versagen auch noch exorbitante Boni auszahlen. Vielleicht weil sie denken, dass sie das Volk und die Weltwirtschaft bereits geopfert haben. Welcher Dramatiker soll in einer solchen Konstellation noch ein zufriedenstellendes lieto fine erfinden? Bundespräsident Köhler hat sich in seiner „Berliner Rede“ als deus ex machina angeboten. „Ich habe Schuld!“, hat er gesagt, und von Managern und Politikern ein ähnliches Bekenntnis gefordert. Also quasi ein Selbstopfer, und tatsächlich haben ihm viele applaudiert. Nur leider fühlen sich von Westerwelle bis Ackermann in diesem Theaterstück alle nur als Zuschauer – nicht als handelnde Personen.

Dostojewskijs mordender Student Raskolnikow kann mit seiner Schuld nicht leben. Sein Gewissens-Kampf bringt ihm nach 1.000 Seiten endlich die Erlösung. So viel Zeit haben weder ein antikes Theaterstück noch die Weltwirtschaft. Der ehemalige Dresdner-Bank-Chef Herbert Walter hat das Naheliegende versucht: Er hat auf seine Abfindung verzichtet und so ein modernes lieto fine geschaffen. Statt vom Volk aufs Maul zu bekommen, wurde er bei Anne Will prompt in den Manager-Himmel gelobt.

Vielen Managern und Börsen-Spekulanten scheint das lieto fine der Operette allerdings näher zu liegen als das der Antike. In der Fledermaus löst sich die vertrackte Situation auf, indem alle feststellen, dass nicht sie selbst, sondern der Champagner schuld an ihrem Benehmen ist. Der Chor singt ein spritziges Schopenhauer-Zitat: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Und dann tanzt die dekadente Gesellschaft weiter – auch dann noch, wenn der Vorhang längst gefallen ist.

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Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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