Eine Frage des Glaubens

Essay Martin Schulz, Emmanuel Macron oder Donald Trump erwecken ganz verschiedene Hoffnungen. Gemeinsam haben sie eines: Viele Menschen erwarten von ihnen einen Neuanfang
Axel Brüggemann | Ausgabe 08/2017 20
Eine Frage des Glaubens
Warum die Sehnsucht nach Erlöserfiguren plötzlich so groß ist
Montage: der Freitag; Material: Sedmak/iStock, UIG/Imago

Sie sind vollkommen verschieden, politisch rechts oder links, manchmal ist auch das nicht einmal zuordbar. Es sind meist Männer, mitunter auch Frauen. Sie haben Model-Gesichter oder lächerliche Frisuren. Es sind Nationalisten oder Europa-Bürokraten, Narzissten oder Humanisten. Es geht vieles durcheinander dieser Tage, sicher aber ist, dass derzeit große Hoffnungen auf Politiker gesetzt werden, die versprechen, die Dinge ganz anders anzupacken: unkonventioneller, pragmatischer und schneller.

Martin Schulz sagt derzeit nicht viel Neues. Er will das Arbeitslosengeld I etwas länger bezahlen, aber sonst sagt er vieles von dem Alten nur irgendwie anders – und allein dieses Versprechen von etwas Anderem reicht schon. Die Umfragewerte schnellen auf Rekordhoch, und Schulz gilt nun als Messias der so lang Trauer tragenden SPD. In Frankreich treten gleich zwei Vertreter eines neuen Politikstils gegeneinander an: Die stramm rechte Marine Le Pen und der Rhetorik-Europäer Emmanuel Macron haben gute Chancen, auch in der Stichwahl um das Präsidentenamt aufeinander zu treffen. Und in den USA verspricht Donald Trump, Amerika wieder great zu machen – koste es, was es wolle.

Es geht ums große Ganze

Was diese vollkommen konträr denkenden und handelnden Politiker eint, ist ihre Popularität und die Hoffnung ihrer Anhänger, auf irgendeine Art der Erlösung. Erlösung vom lähmenden Status Quo. Erlösung von Ängsten. Erlösung vom so genannten „Establishment“, von der konventionellen Form der Politik, von ihren Lobbyisten, ihren politischen Ritualen und Mechanismen. Die aktuellen Polit-Erlöser sind dabei die logische Konsequenz ihrer Vorgänger. Sie reagieren mit Aktionismus auf die alten Visionäre (Obama), abwartenden Pragmatiker (Merkel) und die Apparat-Politiker (Hollande). Sie wollen nicht so weiter machen, sondern die Politik neu erfinden, wollen sich nicht in Details verlieren, sondern sich ums große Ganze kümmern.

Das alte politische Handwerkszeug taugt ihnen für diese Ziele nicht mehr. Sie setzen ihm die Rhetorik des Muts, des Protests und des Unkonventionellen entgegen. Kein Wunder, dass Donald Trump – selbst als Spitzenkandidat der Republikaner – nie von „der Partei“, sondern stets von „unserer Bewegung“ gesprochen hat. Denselben Terminus wählen Le Pen und Macron. Etablierte Parteien scheinen für sie keine Chance zu haben. Und die Wähler scheinen dieser Auffassung zu folgen: Die französische Stichwahl könnte mit Macron und Le Pen ohne etablierte Parteien auskommen.

Zugegeben, Martin Schulz spricht noch nicht von einer „Bewegung“, wohl aber vom Aufbruch. In der SPD ist von einem „neuen Wind“ zu hören, davon, „sich endlich von alten Ritualen zu befreien“ – der Kanzlerkandidat beschwört das „Spüren“ innerhalb der SPD. Deutschlands älteste Partei, der immer etwas Bürokratisch-Apparatmäßiges anhaftete, scheint sich auf eine starke Personalisierung einzulassen.

In dieser Gemengelage lohnt ein Blick auf historische und fiktionale Erlöserfiguren. Da ist natürlich der Ur-Erlöser Jesus von Nazareth, da sind christliche Figuren wie Lohengrin oder Parsifal, aber auch postmoderne Weltenretter wie der Jedi-Ritter Luke Skywalker, der auserwählte Neo aus Matrix oder Harry Potter. Erlöser sind eine feste Größe unseres Weltbilds. Allein ihre Aufzählung macht klar, dass wir gern an Erlösung glauben. Und dass derjenige, der sie verspricht, auf lang etablierte Erzählmuster zurückgreifen kann.

In fast allen Religionen ist die Erlösung das Ziel menschlichen Daseins. Im Islam findet sie im Paradies statt, im Judentum wird für das Erscheinen eines goél, eines Erlösers, gebetet. Und der christliche Erlöser Jesus ist bereits in Vorleistung getreten. Allein der Buddhismus sieht keinen Erlöser vor, sondern setzt auf die Erleuchtung jedes Einzelnen zum Wohle der Welt.

Der Erlöser verspricht uns das Ende des Bösen und eine Welt des Guten. Er braucht eine drohende Apokalypse und eine Krise, um ihnen den Himmel entgegenzusetzen. In der realen Welt treten Erlöserprojektionen meist in Zeiten allgemeiner Turbulenz auf – wenn uns das eigene Dasein verkrustet vorkommt, wenn wir nicht mehr an eine Reformierbarkeit der bestehenden Strukturen glauben. In diesen Momenten scheinen wir den Glauben an die kollektive Anstrengung zu verlieren und setzen auf Einzelpersonen, deren Selbstbewusstsein uns beeindruckt. Nur ihnen scheinen wir zuzutrauen, das Bestehende durch Neues zu ersetzen. Die Erlösererzählung hat damit auch einen antidemokratischen Drall. Die mühsame Suche nach einen Kompromiss, der verschiedene Interessen berücksichtigt, kommt in ihr nicht vor.

Wenn man sich die fiktionalen Vorbilder für Erlöserfiguren ansieht, zeigt sich, dass sie praktisch zwingend bestimmte Eigenschaften aufweisen. Fast alle Erlöser haben eine besondere Biografie. Ihre Besonderheit beginnt meist schon mit ihrer Geburt oder Jugend: Jesus’ Empfängnis ist unbefleckt, Harry Potter wächst in prekären Verhältnissen auf. Lohengrin hatte mit Parsifal einen Übervater, und Parsifal selber kannte nicht einmal seinen Namen und erinnert sich nur verschwommen an seine Mutter.

Mit anderen Worten: Erlöser haben allesamt einen familiären Knacks. Die schräge oder im Unklaren gelassene Kindheit gehört zum Mythos. Man mag diese Verklärung der eigenen Vergangenheit als Küchenpsychologie abtun. Man kann die familiäre Disposition aber auch als Voraussetzung einer weiteren Grundeigenschaft aller Erlöser verstehen – ihre Systemferne. Sie stehen in der Vorstellung außerhalb jener Ordnung, die sie verändern wollen. Sie nehmen zwar wie Populisten in Anspruch, für das Volk zu sprechen. Sie haben aber in Wahrheit nur wenig mit ihm zu tun. Egal, ob Jesus, dessen Gene göttlich sind, oder Harry Potter, dessen Zauberkunst ihn übermenschlich werden lässt. Egal, ob Donald Trump, den trotz seines Lebensstils seine Anhänger für seine einfachen Sätze feiern, oder der EU-Parlamentarier Martin Schulz, dessen Erfolg schon darin liegt, nicht Teil der schwarz-roten Regierung in Berlin gewesen zu sein – Erlöser kommen aus anderen Kosmen als die Masse jener Menschen, für die sie antreten.

In der Regel streben Erlöser nicht offiziell nach Macht, sondern „rutschen“ in ihre Rolle, werden hineingedrängt oder definieren sie als von höherer Macht oder vom Volk gegeben. Martin Schulz hat sich nicht um die Kanzlerkandidatur gerissen, er hat sie angenommen. Für den wahren Erlöser ist die demokratische Wahl dann auch eher eine Nebensache, da sich sein Handeln aus Höherem legitimiert.

Der Erlöser ist ein Anführer, dessen Korrektiv er selbst bildet. In Wagners Oper Lohengrin wird der Gralsritter als Erlöserfigur von Gott auf die Erde gesandt, um – mit Trump gesprochen – die „Welt zu reparieren“. Zuvor stellt er aber eine Bedingung: „Nie sollst Du mich befragen.“ Lohengrin verbietet selbst seiner Frau, ihn nach Namen und Herkunft zu befragen. Seine Erlösung funktioniert nur, wenn sein göttlich legitimiertes Handeln nicht vom Kleingeist der Normalsterblichen hinterfragt wird. In Trumps Pressekonferenzen spiegelt sich dieser Lohengrin-Auftritt: Nur seine Weltsicht zählt als „Wahrheit“, kritische Fragen werden als Frechheiten zurückgewiesen.

Kein Wunder, dass auch die aktuellen Polit-Erlöserfiguren, egal, welche Position sie dabei einnehmen, darauf bedacht sind, sich als Outcasts zu stilisieren: Trump und Le Pen als Außenseiter des politischen Systems – ebenso wie Macron, der französischer Wirtschaftsminister war und nun alles anders machen will. Auch Martin Schulz gibt den Querdenker von außen, obwohl er lang EU-Präsident war und natürlich ein Vorzeige-Mitglied jener Partei ist, die er nun „von außen“ erneuern will. Bei den Erlöser-Projektionen treten diese Fakten aber – für den Moment – in den Hintergrund.

Aus der Schule des Lebens

Der klassische Erlöser legitimiert sein Anderssein oft auch mit seiner unkonventionellen Bildung. Parsifal kann die Gralsritter nur erlösen, weil er ein „reiner Tor“ ist. Also jemand, der nicht als Ritter oder durch die Kirche, sondern durch die Natur sozialisiert wurde. Ähnliche Mechanismen sehen wir auch in den Welterklärungsmodellen der aktuellen Erlöserfiguren, die nie auf ihre schulische Vergangenheit verweisen, sondern auf ihren „vernünftigen Menschenverstand“, auf die „Schule des Lebens“ und ihrer eigenen Erfahrungen.

Selbst menschliche Schwächen sind Teil des Erlösermythos, zur Glaubwürdigkeit gehört immer auch die Erzählung von der Überwindung eigener Schwäche: bei Schulz die Alkoholsucht, bei Macron seine Vergangenheit als Investmentbanker und Finanzminister. Nur wer in seinem Leben an sich selbst gearbeitet hat, dem traut man zu, eine Gesellschaft glaubhaft zu verändern.

Erlösern nimmt man dann nicht einmal Verstöße gegen die geltenden moralischen Normen übel. Ein Teil unserer Erwartungen besteht sogar gerade darin, dass wir ihnen das Recht zugestehen, radikal anders zu sein und die Konventionen zu sprengen.

Tatsächlich sind die meisten historischen Erlöser allerdings krachend gescheitert. Statt des Himmels haben sie die Hölle geschaffen. Und ebenso wie der Populismus nur durch die dauernde Eskalation des Skandals funktioniert, funktioniert die Erlösung in der Regel nur als ewig wiederkehrendes Versprechen. Ja, mehr noch: Irgendwann ist es so weit, dass der Erlöser selber die Erlösung immer wieder vertagen und neue Gründe dafür finden muss, warum sie noch nicht stattfinden kann.

In unseren Religionen ist die Erlösung daher auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt, auf das jüngste Gericht, auf das Erscheinen des Messias im Irgendwann oder gleich auf den Tod. Aber auch das gehört zum Erlöserprinzip: Die Zukunft ist für den Erlöser hauptsächlich ein Versprechen und am Ende oft eine ganz profane Möglichkeit auf dem eigenen Weg zur Macht.

Es geht im Diesseits also selten um tatsächliche Erlösung. Sie dient nur als unerreichbares Ziel, als neuer Glaube, neue Hoffnung. Aber auch das kann enorme Kräfte freisetzen, gute ebenso wie böse. Der Glaube an den Erlöser Jesus gibt der christlichen Welt seit Jahrhunderten ein moralisches Gerüst, der Glaube an den Erlöser Trump zertrümmert das bisherige Koordinatensystem der US-Politik. Und der Glaube an jemanden wie Martin Schulz sorgt für eine Wiederbelebung seiner Partei, für das Erwachen alter, sozialdemokratischer Werte und dafür, dass seine Apostel wieder Kampfesmut verspüren. Und das belebt die deutsche Demokratie.

Ob dieser Aufbruch allerdings tatsächlich in der Erlösung endet, ist fraglich. Wenn es etwas Gutes an Erlöserfiguren gibt, dann ist es weniger das von ihnen proklamierte Ziel als ihr realer Weg auf Erden, der uns wenigstens für einige Zeit begeistern und von Stagnation befreien kann. Und der so die Spielregeln der Trägheit infrage stellt.

06:00 22.03.2017
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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