Leidensmann light

Porträt Lars Eidinger weint bei der Berlinale öffentlichkeitswirksam über den Zustand der Welt

Die Crux ist, dass es durchaus Spaß macht, dem Schauspieler Lars Eidinger bei der Arbeit zuzuschauen, etwa als depressiv-genialer Wirtschaftsführer-Ödipus Alfred Nassen in der Serie Babylon Berlin oder als Nazi-Offizier in seinem neuen Film Persian Lessons. Sein politisches Koordinatensystem – es kommt glaubhaft humanistisch daher – ist irgendwie sympathisch eingenordet. Trotzdem nervt Eidinger, 44, so langsam. Es ist gar nicht leicht zu erklären, warum.

Okay, die Aktion mit seiner 550-Euro-Luxus-Aldi-Tüte von Star-Designer Philipp Bree war große Scheiße – er posierte vor Obdachlosen, um sein Schicki-Micki-Geschäft zu machen. Ein Ausrutscher? Gut gemeint, aber in die Hose gegangen? Man ist gewillt, ihm diese Geschmacklosigkeit zu verzeihen, denn in Wahrheit geht es Eidinger ja um Größeres. Darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

So hat er es jetzt jedenfalls bei der Berlinale erklärt: Er versuche „ganz platt Liebe in die Welt zu tragen“ und leide darunter, nur „Hass als Antwort zu bekommen“. Nach seiner Bestandsaufnahme („Ich finde, unsere Gesellschaft ist so dermaßen vergiftet, was Hass und Missgunst angeht“) zitiert Eidinger Stefan Zweigs Wunsch nach einer „Entgiftung Europas“. Dann kullerte ihm eine Träne des Weltschmerzes über die Wange. In sozialen Netzwerken wird die Eidinger-Träne nun genau unter die Lupe genommen: Ist sie ein Fake wie seine Aldi-Tüte, die Träne eines Profi-Mimen? Kullerte ihm tatsächlich die Trauer über unsere Existenz durch sein Gesicht?

Eidinger ist mit seinem öffentlich, besonders in sozialen Medien zur Schau gestellten Weltschmerz längst nicht mehr allein. Etliche Künstler sorgen mit der Kategorie des eigenen Ichs als Kriterium der Weltordnung für Aufsehen und Aufmerksamkeit. Unter ihnen der Pianist Igor Levit, der gern mit ähnlichem Vokabular wie Eidinger operiert: Die AfD doof, die Grünen toll, die Menschheit braucht Liebe. Es geht um die Welt und um „ich, ich und ich“.

Was einem dabei wirklich auf den Keks geht, sind die andauernden Superlative, das Gerede vom Weltuntergang, der ewige Vergleich mit dem Nationalsozialismus und Ankündigungen, nie wieder etwas im Netz posten zu wollen – was dann genau 20 Minuten eingehalten wird. Für Leute wie Eidinger und Levit bedeutet der Weltuntergang in erster Linie die Erkenntnis, dass sie selbst auch untergehen werden. Das legitimiert jeglichen Superlativ und ist für Außenstehende ebenso faszinierend wie anstrengend. Glauben die sich eigentlich selbst?

In Wahrheit geht es meist um hohle Worte, leere Phrasen und allerhand Betroffenheits-Prosa. Aufregungs-Lüftchen werden in die Welt geblasen. Das Geschäftsmodell: Eidinger erhöht die allgemeinen – und berechtigten! – Sorgen eines linksliberalen Bürgertums zum Existenziellen. Er erklärt sich selber zum Leidensmann. Damit wird Eidinger ein bisschen zum Til Schweiger des Prenzlauer Bergs. Sein Weltschmerz kommt so schwer wie ein Granit-Stein daher, entpuppt sich am Ende aber als leicht verdauliche Bio-Aubergine. Was konkret kritisiert er? Was ist sein Ratschlag? Was sein Lösungsangebot? Nichts davon – stattdessen nur eine Träne, die jedes seiner Worte der Kritik entzieht. Eine Art Wellness-Leid.

Als zehnjähriges Kind in Berlin-Marienfelde hat der Sohn einer Kinderkrankenschwester und eines Ingenieurs gern Bibi Blocksberg nachgespielt. Ein bisschen scheint Eidinger dieser Kinderwelt noch treu zu sein: Bibi, die neunmalkluge Checkerin, die mit der „rasenden Reporterin“ Karla Kolumna die Welt besser und den faulen, trotteligen Bürgermeister Dr. Dr. Bruno lächerlich macht. Später trat Eidinger in der SFB-Kindersendung Moskito auf. Den Zuschauern die Welt zu erklären, genießt er noch heute. Es muss anstrengend sein, auf der einen Seite das Erbe von Schloss Einstein und Berlin Berlin zu tragen, auf der anderen Seite dauernd auf der Bühne zu stehen, um Großes zu verkünden: Geniale Welterklärungsmodelle Hendrik Ibsens, Sarah Kanes oder William Shakespeares, Inszenierungen Thomas Ostermeiers oder Christina Paulhofers. Wie Pianist Levit scheint sich Eichinger nicht mit seiner Rolle als Interpret zufriedenzugeben. Letzterer sagte einmal ernsthaft, dass Beethoven ohne ihn nichts sei.

Das Absurde: All die Bestandsaufnahmen sind nicht grundsätzlich falsch, um „unsere Gesellschaft“ steht es alles andere als zum Besten. Aber geht es Eidinger wirklich um „unsere Gesellschaft“? Oder um seine eigene Positionierung in ihr? Die konsensuelle Plattitüde wird schnell zur Plattform der Selbstinszenierung, die Einmischung in den Diskurs zur Fortsetzung des Theaters in der Realität.

Die Rollen, die Eidinger spielt, sagte er einmal, werden „Teil seines Erfahrungsschatzes“, ein „bisschen wie Rollenspiele in einem therapeutischen Kontext.“ Ein therapeutischer Kontext ist für ihn wohl nun auch die Wirklichkeit einer Berlinale-Pressekonferenz. Er zitiert gern die Schlager-Philosophin Katja Ebstein: „Alles ist nur Theater und ist doch auch Wirklichkeit“. Vielleicht macht genau das es so schwer, Lars Eidinger zu verstehen.

Wie wohltuend wäre da eine Trennschärfe zwischen dem Schauspieler und dem Gesellschaftsanalytiker Eidinger. Aber in ihm vereinen sich beide immer wieder zu einem erschreckend einfältigen Narziss, der tief in die Welt blickt und am Ende doch nur über sich selbst weinen kann.

Axel Brüggemann ist Autor, Regisseur, Moderator. 2019 erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis für die Sky-Live-Sendung Bayreuth – Die Show von den Bayreuther Festspielen. Jüngst hat er mit dem Pianisten Rudolf Buchbinder das Buch Der letzte Walzer. 33 Geschichten über Beethoven, Diabelli und das Klavierspielen veröffentlicht

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06:00 28.02.2020
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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