Vorsicht vor zu viel Zucker!

Brause Wird der Red-Bull-Mythos zu einer modernen Ovid-Erzählung? Nach dem Rausch des Größenwahns könnte sich das RB-Männchen seine Zuckerflügel an der Sonne verbrennen
Axel Brüggemann | Ausgabe 19/2016 3
Vorsicht vor zu viel Zucker!
Das erste Opfer des Höhenflugs: RB Leipzigs Trainer Ralf Rangnick

Foto: MIS/imago

Vielleicht haben wir in der Mythologie nicht richtig aufgepasst, und Ikarus hat sich das Gehirn mit dieser aufputschenden Zuckerplörre weggesoffen, bevor er zur Sonne geflattert und abgestürzt ist. Sicher ist: Mit der Niedlichkeit der Werbefiguren, die den roten Zuckersirup aus Österreich saufen, um geile Weiber zu ergattern, geile Sportwagen zu fahren oder geile Genies zu werden, hat die tatsächliche Medien- und Marktstrategie von Red Bull wenig zu tun.

Dietrich Mateschitz, der Erfinder des Energy-Drinks und ein Marketingge-nie, hat einen ganzen Wald aus Mythen des Alltags um sein Gesöff gebaut: Formel-1- und Motorradabenteuer, Raumfahrtsprünge und Flugzeugrennen. Dazu das austronationale Kontrastprogramm: Mit dem Landidyll-Magazin Servus hat er einen trachtenkarierten Gegenentwurf zum Testosteron-Strang des Hauses gegründet, und auf dem Fernsehsender ServusTV existieren Landleben und Autobahn friedlich nebeneinander. Derart verrückte Welten haben sich bislang nur Ovid und Walt Disney ausgedacht. Aber das Medienimperium, das Mateschitz mit seinen Millionen stopft, ist radikale Realität.

Als die ServusTV-Mitarbeiter nun einen Betriebsrat gründen wollten, hat der Sender sein eigenes Ende bekannt gegeben und damit den SPÖ-Genossen um den mittlerweile geschassten Werner Faymann gezeigt, wie schwach sie tatsächlich sind. Die gesamte Belegschaft sollte rausfliegen – ohne rettende Flügel. Nach wenigen Stunden haben sich die Mitarbeiter die Sache dann noch einmal überlegt. Meister Mateschitz war zufrieden: Ohne Betriebsrat könne es weitergehen, kein Problem.

Warum tut ein Mann, der sich gern als Vorzeigemäzen Österreichs präsentiert, das? Weil er es kann! Weil Red Bull keine Regeln braucht, sondern Regeln aufstellt. Weil der Laden keine Scham hat, das Land, die Politik und die Mitarbeiter in Geiselhaft zu nehmen. Wem Red Bull Flügel verleiht, entscheidet nur einer: der Eigentümer persönlich. ServusTV ist bekannt für seine Hire-and-fire-Politik. Und als Auffangbecken für teuer bezahlte Ex-Granden. Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann wurde zum Programmdirektor, Ex-Staatsoper-Intendant Ioan Holender zum Talkmaster. Mateschitz hat das Geld, sie zu beschäftigen, und die Macht, sie wieder zu feuern. Er spielt gern mit dem kleinen Mann – aber noch lieber mit dem großen.

Zur seinen Lieblingsspielzeugen gehört jedenfalls der Sport. Red Bull Salzburg hat sich einst Giovanni Trapattoni geleistet, und vor sieben Jahren wurde ein Verein in Leipzig gegründet, der in Deutschland allerdings nicht nach Red Bull heißen darf und sich daher RB (RasenBallsport) Leipzig nennt. Jetzt ist man damit in die Bundesliga aufgestiegen. Die Ultras anderer Vereine wüten, weil RB sich Deutschlands Beste kauft, Spieler wie Davie Selke, Trainer wie Ralf Rangnick und – in der nächsten Saison – Ralph Hasenhüttl. Dabei macht Mateschitz nur konsequent vor, was Gazprom, VW oder Bayer in anderen deutschen Clubs eher halbherzig betreiben: die totale Verkapitalisierung des Sports.

Wie hoch kann man mit Red-Bull-Flügeln wohl noch fliegen? Vielleicht wird ServusTV eines Tages die kompletten Bundesligarechte kaufen und damit drohen, so lange kein Spiel mehr auszustrahlen, bis RasenBallsport Leipzig Meister wird. Vielleicht wird der Red-Bull-Mythos aber auch zu einer modernen Ovid-Erzählung: Nach dem Rausch des Größenwahns verbrennt sich das RB-Männchen seine Zuckerflügel an der Sonne.

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14:30 11.05.2016
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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