Eine einzigartige Medieninstitution wird 18

Medien Seit 18 Jahren sendet der Radio- und Fernsehkanal Democracy Now! unabhängige Nachrichten und Hintergrundberichte zu US-amerikanischen und globalen Ereignissen.
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Hier wird noch richtiger kritischer Journalismus betrieben, der seinem Anspruch gerecht wird - informativer, kritische und sachliche Informationen aus einer progressiven Sicht, aber ohne Propaganda. Der Sender stammt aus der unabhängigen Radiobewegungen der USA und ist heute nicht nur in ihrem Heimatland, sondern weltweit eine der wichtigsten, einflussreichsten und seriösesten Quellen für politische Information jenseits der staatstragenden und wirtschaftsinteressengeleiteten Medien.
wirtschaftsinteressengeleiteten Medien.

Wo finde ich in “den Medien” die Fakten?

Gerade bestimmen wieder zwei Ereignisse die Medien, in denen es aufgrund verschiedener starker Interessenlagen schwierig ist herauszufinden, was wirklich los ist. In der Ukraine haben sowohl die EU als auch die USA, genauso aber Russland extrem starke Machtinteressen, die sich nicht nur in der Berichterstattung von der russischen Regierung bezahlten Auslandssender RT, den viele gern als alternative Informationsquelle heranziehen, widerspiegelt, sondern auch extrem stark in den sich so neutral gebenden westlichen Medien. Hier wird von beiden Seiten kräftig Propaganda verbreitet. Ähnliches gilt für Venezuela: Hier wird, nach anfänglich Schweigen, von Straßenprotesten berichtet, ohne den Hintergrund genauer anzuschauen. Oder es wird schlichtweg verschwiegen, wessen Interessen die Opposition vertritt. Das sind nicht unbedingt die des einfachen Volkes, das unter Gewalt und Korruption leidet, sondern die der USA und der internationalen Wirtschaft, denen ein zum Sozialismus tendierender Staat ein Dorn im Auge ist. und natürlich gibt es hier auch die Katzenminze für die westliche Wirtschaft: Öl.

Allgemein ist das Mißtrauen gegenüber der Berichterstattung der “Mainstreammedien” in den letzten Jahren gewachsen – nicht immer, aber vielfach zurecht. Auf der Suche nach alternativen Informationsquellen tappen viele gern in die nächste Propagandafalle, seien es irgendwelche rechten Verschwörungstheoretiker/innen oder andere interessengeleitete Gruppen, die ihre Absichten allerdings verschweigen und so tun, als ob sie “die Wahrheit” verbreiteten. Angesichts der unübersichtlichen Lage in Syrien, der Ukraine oder jetzt Venezuela geben auch viele ganz auf, noch irgendetwas verstehen zu wollen.

Natürlich gibt es keinen objektiven Journalismus, das lernt jede/r Student/in der Medientheorie im ersten Semester. Jede/r Journalist/in, jede Medienquelle vertritt eine bestimmte Haltung. Aber es macht sehr viel aus, ob man diese klar offen legt, ob man sich auf faktenbasierten Informationen um so viel Objektivität wie möglich bemüht, oder ob man ganz gezielt Propaganda streut, Fakten in diesem Interesse verdreht oder gleich ganz darauf verzichtet und diese Absichten auch noch verschleiert. Das hat auch viel damit zu tun, wer wen wie finanziert. Man soll bekanntlich nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt, bzw. nicht die Hand beißen, die einen füttert. So spielt es eine Rolle, wer in den jeweiligen Medien wirbt und welches Verhältnis sie zur bestimmten Parteien oder Machtgefügen in der Gesellschaft haben. Selbst journalistisch anspruchsvolle Medien beigen sich so mehrheitlich in ihrer Berichterstattung wirtschaftlichen oder staatlichen Interessen – ob nun der Spiegel Genmais aufs Billigste verharmlost oder die Zeit die Uranmunition oder die BBC die Gefahren der Atomkraft.

Democracy Now! – ein Kind der unabhängigen Radiobewegung

Am freiesten sind diejenigen, die unabhängig finanziert werden. Dieser Versuch wurde mit der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verfolgt, wo jedoch eine parteipolitische Abhängigkeit weiter zu spüren war und der sich zumindest bei sicherheitsrelevanten Themen als nicht neutral und staatstragend herausstellt. In den USA gibt es das Konzept hörer/innenfinanzierter Sender (die allerdings auch in kleinerem Umfang staatliche Beihilfen erhalten), das Radionetzwerk NPR und das Fernsehnetzwerk PBS. Letzteres sorgte vor Kurzem jedoch auch für einen Skandal, als bekannt wurde, dass es in größerem Umfang Spenden von den konservativen, die Interessen der Großkonzerne stützenden konservativen Milliarärsbrüder Koch erhalten hatte und so zurecht in seiner Neutralitär angezweifelt wurde.

Weniger bekannt ist, dass es in den USA auch eine starke freie Radioszene gibt – unterschiedlichster politischer Coleur, aber gerade seit den späten 90ern wieder verstärkt vom progressiven Underground getragen, der sich bewusst gegen die großen kommerziellen Sender wendet, die die Medienlandschaft der USA dominieren, aber auch gegen rechte Propaganda. Aus diesem Umfeld entwickelte sich auch Democracy Now!, gegründet von den kritischen Journalist/innen Amy Goodman, Juan González, Larry Bensky, Salim Muwakkil und Julie Drizin 19. Februar 1996 gingen die Journalist/innen um erstmalig auf Sendung, zunächst nur über das Radio. Ihre Sendungen werden bis heute vom nichtkommerziellen Pacifica Radio produziert und ausgestrahlt, das 1946 als progressives Radionetzwerk gegründet wurde und somit das älteste in den USA ist. Es hat eine dezidiert progressive, an sozialen Belangen und einer pazifistischen Haltung orientierte Ausrichtung.

Engagierte Musik statt Werbepausen

Democracy Now! etablierte sich schnell als tägliche einstündige politische Sendung mit dem Claim The War and Peace Report. Die Sendung wurde zunächst beim Sender Pacifia-Sender WBAI in New York produziert, nach einer Auseinandersetzung um inhaltliche Kontrolle übernahm 2001 WMFU, der älteste freie Radiosender der USA, das Programm für eine Weile. Zu diesem Zeitpunkt hatte Democracy Now! jedoch schon so viele Anhänger, dass es nach Hörerprotesten nicht nur wieder über WBAI ausgestrahlt wurde, sondern kurz darauf auch als Fernsehformat. Bis 2008 sendete Democracy Now! aus einer alten Feuerwache in Chinatown, und zog dann auf ein 800 m2 großes, umweltgerecht saniertes Studio im Chelsea District zu ziehen. Heute wird Democracy Now! weltweit von 1 200 Fernseh- und Radiostationen ausgestrahlt, terrestrisch, über Kabel und über Satellit. Auch auf einer sehr umfassend, modern übersichtlich gemachten Internetseite kann man sich die Sendung als Livesteam ansehen, als Podcast herunterladen und es gibt auch jeweils ein Transkript zur Sendung, das ebenfalls heruntergeladen werden kann. Seit 2005 gibt es auch eine spanischsprachige Version von Teilen der Sendung.

Die Sendung ist die derzeit verbreitetste und eine der besten Informationsquellen, die die so genannte “Mainstream”-Berichterstattung durchbrechen, andere Perspektiven zeigen und News, die in anderen Kanälen nicht behandelt werden. Dabei setzen sie nicht auf Infotainment oder schielen auf Quoten, sondern bringen die Informationen freundlich und sachlich an die Hörer/innen bzw. Zuschauer/innen. Statt Werbepausen gibt es in der Sendung jeweils zwei politische oder sozial engagierte Songs. Die Finanzierung erfolgt ausschließlich durch private Spenden von Hörer/innen und Zuschauer/innen, für bestimmte Dinge wie Softwareentwicklung auch mit Stiftungsgeldern, und viele Beitragende verzichten auf Bezahlung.

Hartnäckig, unbequem, echt und gerecht

Als Gesicht der Sendung hat sich Mitgründerin Amy Goodman etabliert. Sie ist bis heute die Hauptmoderatorin dvon Democracy Now!, wenn auch Juan González und inzwischen auch Moderator/innen nachfolgender Generationen häufig als Co-Moderator/innen zu sehen sind, und ein Jahr nach der Gründung mit Jeremy Scahill ein weiterer renommierter investigativer Journalist zum Team stieß. Goodman hatte ihre ersten einschneidenden Erfahrungen als investigative Journalistin Anfang der 1990er gemacht, als sie während des Unabhängigkeitskampfes in Osttimor gemeinsam mit einem Kollegen schwer verprügelt wurde. Sie waren Zeugen von Massentötungen von Demonstrant/innen gewesen, und überlebten laut Goodman nur Dank ihres amerikanischen Passes.

In den späten 90ern veröffentlichte sie mit Scahill eine Dokumentation über das vorgehen des Ölriesen Chevron in Nigeria, wo ebenfalls Demonstranten und Aktivisten getötet wurden. Goodman verärgerte den damaligen Präsidenten Bill Clinton sehr, als sie ihm bei einem auf zwei Minuten angelegten Wahlkampfanruf nicht nach dem Mund redete und seine Parolen nicht einfach hinnahm, sondern ihn in einer Livesendung 28 Minuten am Telefon hielt und ihn zu unbequemen Themen befragte. Clinton soll sie danach als “aggressiv und feindseelig” bezeichnet haben.

Hier wird Journalismus gemacht, der den Namen verdient

Dabei handeln Goodman und ihre Mitstreiter/innen mehr nach dem, was die Aufgabe von Journalist/innen sein soll als die Mehrheit ihrer Kolleg/innen: Sie suchen nach den echten Stimmen zum Thema, lassen sie sich nicht von den mächtigen Lobbygruppen diktieren. Sie laden nicht einfach irgendwelche Expert/innen ein, die in den Medienkreisen herumgereicht werden, sondern geben sich Mühe, prominente oder auch weniger prominente Protagonist/innen und Expert/innen zu finden, die wirklich nah am Thema sind und so kompetent ihre Sicht darstellen können bzw. kritisch befragt werden. Sie stellen verschiedenen Ansichten auch als solche dar und behaupten nicht, “die Wahrheit” gepachtet zu haben.

In die Sendung werden regelmäßig Gäste eingeladen, die eine bestimmte Perspektive haben, die die des “Mainstreams”, gut begründet, plausibel und inhaltlich kompetent, in Frage stellt. Oft sind es Politiker/innen, Vertreter/innen einer bestimmten Gruppe oder andere Journalist/innen und Autor/innen, die aktuelle Bücher zum entsprechenden Thema veröffentlich haben. Sie geben umfassendere Hintergrundinformationen und werden kritisch befragt. Expert/innen und Protagonist/innen vor Ort werden zugeschaltet. Dabei wird den Zuschauer/innen Raum gelassen, sich eine eigene Meinung zu bilden – oft, wo möglich, werden verschiedene untersichtliche Sichtweisen präsentiert. So tappt die Sendung trotz der eigenen Haltung nie in die Propagandafalle und hält sich auch von spekulativen Verschwörungstheorien ohne Grundlage fern.

Diese Sachlichkeit, Offenheit, der Gerechtigkeitssinn und die Tatsache, dass sie sich wirklich an den zentralen relevanten Themen aufhält und auf Boulevard ebenso wie oberflächliche 1:30-Formate verzichtet, macht die Sendung bei einem breiten Publikum als Informationsquelle beliebt, dass sich keineswegs notwendigerweise als “links” sieht. Sie überzeugt neben der demonstrierten Unabhängigkeit die Ernsthaftigkeit, wie hier mit den zentralen Themen aus der US- und Weltpolitik umgegangen wird. Außergewöhnlich ist auch, dass die Sendung durch eine fast altmodisch erscheinende Präsentation ohne jeden Schnickschnack auf Augenhöhe mit den Zuschauer/innen bzw. Hörer/innen agierten – und das ohne irgendwelche Call Ins oder Mitmachaktionen. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die sonst oft keine Stimme haben, bekommen bei Democracy Now! eine Stimme – der klassische Ethos der freien Radios. So finden sich hier auch die “kleinen Leute” wieder.

Empfang im deutschsprachigen Raum

Die unter Creative Commons lizenzierte Sendung kann auf der Website von Democracy Now! kostenlos als Webcast gesehen, als Audiostream gehört oder im Audioformat heruntergeladen werden, auch als Bittorrent. Dazu gibt es meistens auch kurz nach der Sendung ein Transkript. Außerdem ist hier ein Archiv der Beiträge zu finden. Die freien Radios Radio Dreyeckland, Freies Radio Wiesental und Radio Unerhört Marburg übertragen die Radiosendung auch terrestrisch, und in Wien wird das Magazin auf dem partizipativen Privatsender Okto ausgestrahlt. Europaweit kann die Sendung via Satellit gesehen werden. Eine Übersicht über die Emfangsmöglichkeiten weltweit gibt es hier.

Website von Democracy Now!

Zuerst veröffentlicht auf Plan A(lternative).

12:44 27.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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Popkontext

Journalistin, Bloggerin, DJ, Fotografin - Kultur, Medien, Politik, Sprache // Websites: popkontext.de / wortbetrieb.de
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