Blind Date

Desaster Ian McEwans Roman "Am Strand"

Ein abgeschlossenes Geschichtsstudium prädestiniert nicht unbedingt dazu, ein guter Liebhaber zu sein. Die Tochter aus bestem Oxforder Hause sitzt neben ihrem jungen Ehemann und betrachtet das schmale Himmelbett mit dem makellosen Überwurf voll furchtsamer Ahnungen. Beide lauschen den Wellen, die draußen immer wieder an den endlosen Kieselstrand von Chesil Beach rollen.

Eine Reihe von kleinen Zufällen führt dazu, dass im Sommer 1962, bei einem Meeting der Oxforder Anti-Atom-Gruppe, Edward und Florence, zwei sehr verschiedene Menschen von Anfang 20, einander begegnen. Sie, die Geigerin, geht ganz in der klassischen Musik auf. Ihn treibt es nach der Arbeit über den Büchern in die Clubs von Soho, wo er sich vom John Mayalls Blues elektrisieren lässt. Das seltsame Spiel von Liebe und Zufall führt das Paar bereits nach einem Jahr vor den Traualtar. Sie verstehen sich wunderbar, sie empfinden so viel füreinander. Aber sie haben noch keine Sprache gefunden für ihre Ängste und Begierden, ihre Lust und ihr Begehren. Sie können einander nicht erzählen, was schon auf ihren Leib geschrieben ist.

"Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren. Einfach sind sie nie." So beginnt Ian McEwan, der Meister der psychologischen Andeutungen, seinen schmalen Roman Am Strand und in diesem Anfang scheint die ganze Geschichte bereits gesagt. Aber dann schneidet der Autor Rückblenden von Kindheit und Studienzeit der Protagonisten kunstvoll ineinander und entfaltet in wenigen Kapiteln die Psychogramme zweier junger Menschen, die vom Leben nicht nur anders geprägt sind, sondern von ihrer gemeinsamen Zukunft völlig unterschiedliche Vorstellungen haben.

Edwards Mutter ist durch einen Unfall gehirngeschädigt. Sein Vater organisiert zusätzlich zu seinem Lehrerberuf den Haushalt der Familie mit drei Kindern und der stets wunderlich agierenden Mutter. Als der Vater dem 14-Jährigen an einem strahlenden Maienmorgen die eigene unmittelbaren Lebensumstände mit dem diagnostischen Begriff "Hirnschädigung" erklärt, wird Edward neben dem Schock der Wahrheit zugleich durch eine Erkenntnis wie unter Strom gesetzt: "Allein die Tatsache, dass er kein Wort für ihren Zustand kannte, hatte ihm seine Unschuld bewahrt. Ihm war nicht einmal der Gedanke gekommen, sie könnte in einem "Zustand" sein, und doch hatte er sich gleichzeitig damit abgefunden, dass sie anders war. Der Widerspruch wurde nun durch die simple Benennung gelöst, durch die Macht der Sprache, Ungesehenes sichtbar zu machen. Ein Wort zersetzte alle Intimität."

Womit der am 21. Juni 60 Jahre alt gewordene britische Schriftsteller McEwan gleichzeitig präzise sein Programm umrissen hätte, neurotische Symptome zu dechiffrieren und durch Benennung nicht aufzulösen, aber transparent zu machen. Er ist ein Könner im Gebrauch des scharfen Skalpells der Psychoanalyse. Und es ist fast unheimlich, wie haargenau sich der Schriftsteller in die verworrene Gefühlswelt seiner vom Leben abgeschotteten Protagonistin hineinschreiben kann.

"Wann immer Edward fragte: ›Wie fühlst du dich?‹ Oder ‚Was denkst du gerade?´ gab sie eine hilflose Antwort. Erst jetzt wurde ihr allmählich klar, dass es einen ganz einfachen Trick zu geben schien, den außer ihr offenbar jeder beherrschte ... einen unmittelbaren Zugang zu Menschen und Ereignissen, zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen." Auch Edward, der Florence liebt, kann und will ihre hilflosen Gesten und Zeichen nur konsequent falsch deuten. Die Hochzeitsnacht, für die sich beide "aufgespart" haben, endet in einem furiosen Desaster. Aber die kluge Florence ist keine viktorianische Braut, die sich hinlegt, die Augen schließt und an England denkt. Sie läuft davon und macht Edward einen unsittlichen Antrag.

Ian McEwan Am Strand. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2007, 208 S., 18,90 EUR

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