Augen auf und durch

Film Wenn die Kinos zu sind, kuratiert man seine Filme selbst. Und staunt, welches Programm dabei herauskommt
Augen auf und durch
Im Kino gewesen. Brille beschlagen

Foto: Stephen Chernin/Getty Images

Zu den seltener besprochenen Konsequenzen der bundesweiten Kinoschließungen gehörte, dass der Zuschauer alleine stehen gelassen wurde. Besser gesagt: Er fand sich auf der Couch sitzend wieder, allein gelassen mit der Überlegung, was er als Nächstes angucken sollte. Manche werden dabei entdeckt haben, wie wunderbar und großartig das eigentlich ist: ein Kinoprogramm! Gleichsam ein lokal abgestimmtes, zugleich sehr welthaltiges Menü mit wöchentlich wechselnden Angeboten und jahreszeitlichen Spezialitäten, eine vorgegebene Auswahl, die gerade genug Verschiedenes bereithält, sodass man sich nicht gegängelt fühlt, und gleichzeitig doch noch so übersichtlich ist, dass der Film der Wahl sich schließlich wie eine informierte Entscheidung anfühlt. Das alles fällt weg, wenn man plötzlich Abend für Abend selbst überlegen muss, zu welchem der Hunderte von Filmen oder Serien, die nur wenige Klicks entfernt bereitstehen, man denn nun greifen soll.

Die Streamingdienste, deren Algorithmen man ja oft raunend Zauberkräfte bis hin zur Erringung der Weltherrschaft zubilligt, erweisen sich in dieser Hinsicht als erschreckend nutzlos. Offenbar lässt sich ein Filmgeschmack doch nicht durch ein paar Likes definieren, wer hätte das gedacht. Dass die Vorschläge unter „Weil du das geschaut hast ...“ oft das direkte Gegenteil sind von dem, was man als Nächstes gucken wollte, hängt andererseits damit zusammen, dass das Angebot von Amazon, Netflix und Co. eben doch ein strukturell limitiertes ist. Soll heißen: Da stehen zwar Tausende von Titeln zur Verfügung, aber sie sind weniger nach Programmgestalter-Regeln zusammengestellt, sondern eben nach Marktgegebenheiten. Was aus cinephilen Kreisen immer wieder als Anklage mit kulturpessimistischen Untertönen gegen die großen Streamer erhoben wird, wächst sich in Zeiten von Selbstisolation zum echten Phantomschmerz aus: So wenig alte Filme! Titel, die bis in die 30er und 20er Jahre zurückreichen, lassen sich an einer Hand abzählen; gerade ein bisschen 70er, 80er und 90er Jahre, alles was älter ist, hat Kuriositätenstatus. Bei Netflix sind gut 90 Prozent des Angebots nicht älter als das Jahr 2000. Nun mag die Pflege von Filmgeschichte gar nicht das Ziel der großen Streamingdienste sein und ihre Verdienste sowieso woanders – etwa im Zugänglichmachen von aktuellen Serien – liegen, als Alternative zu einer ausdifferenzierten „Kulturlandschaft“ mit Multiplex, Programm- und kommunalem Kino taugen sie schon allein deshalb nicht.

In die Marktlücke des „kuratierten Filmestreamens“ rücken nicht zuletzt deshalb verstärkt Anbieter wie Mubi, die aktuelle Festival- und Arthouse-Titel auch mit Retrospektiven einzelner Regisseure und Genres verbinden. Aber ehrlich gesagt: Die zwei letzten Monate allein auf der Couch haben die Beschränktheit auch dieses Konzepts erspüren lassen: Irgendwas an der Situation des Vor-dem-Fernseher-Sitzens und per Fernbedienung eine Auswahl herbeiklicken ist so entscheidend anders als ein Kinobesuch; es fühlt sich zu anonym an.

Sehnsucht nach Gequatsche

Nach außen hin nämlich mag das Filmegucken wie eine einsame Tätigkeit aussehen, im Kern aber braucht es Gesellschaft. Es müssen nicht alle über den einen Film reden, um ihn attraktiv zu machen, aber irgendein Gespräch, irgendeinen Austausch braucht es schon, um Interesse zu wecken, Lust darauf zu machen.

Wie also auswählen, was man gucken soll, wenn dieser gesellschaftliche Aspekt in Form der Aktualität, das sich selbst generierende Gerede über das, was neu ist, genauso wegfällt wie das Besprechen der Interessenslage zum Zweck von Verabredungen? Auf Twitter gibt es Ersatzgemeinschaften, die sich zum „Live-Tweeten“ eines bestimmten Films verabreden, was aber in gewisser Weise schon übers Ziel hinausschießt: Mit der Suggestion des Gemeinsam-im Kino-Sitzens wird der Ärger über ständig dreinquatschende Sitznachbarn gleich mitgeliefert.

Man könnte natürlich auch einfach den vielen in Form von Listen geführten Tipps folgen, die das Leben der Filmfans sowieso begleiten. Die Quarantänezeit dazu nutzen, Bildungslücken zu schließen, indem man endlich die besten Filme des Jahres, des Jahrzehnts, des Jahrhunderts nachholt – das klingt nach einem tugendhaften Vorhaben. Und scheitert wohl oft genau deshalb. Es klingt paradox, aber die meisten werden es nachfühlen können: Man hat gar keine Lust dazu, immer das Beste und Tollste zu gucken. Im Gegenteil. Das Schlechtere kann manchmal nicht nur mehr Vergnügen, mehr Ablenkung liefern, es kann auch viel interessanter sein. Statt den besten Film zu gucken, macht es oft mehr an, sich den Titel vorzunehmen, den ein bestimmter Freund oder Freundin gut fand. In jedem Fall ist es das imaginierte Drumherum, ein sozialer Kontext, der die Filmauswahl bestimmt. Gerade das Gespräch über alte Filme schließt deshalb oft den Ort ein, wo man ihn das erste Mal gesehen hat, auch in welcher Begleitung und sogar noch die Kneipe, in die man danach ging.

Manchmal ist das auch ein Selbstgespräch: Was fand ich selbst an Airplane! so witzig, als ich ihn das erste Mal sah, irgendwann in den 90ern? Als ich dieser Tage bei der Suche nach einem garantiert unpolitischen Spaß bei dem Film der Zucker/Abrahams/Zucker-Schmiede gelandet bin, konnte ich nur staunen über die eigene Erinnerung. Nicht, dass ich den Film nicht noch immer lustig fand – trotz einiger sexistischer und rassistischer Witze, die heute, wie man so sagt, nicht mehr „gehen“ –, mir wurde mit 25 Jahren Abstand und mehr Bildung klar, dass ich seinerzeit die meisten Jokes gar nicht verstanden hatte. All die tagesaktuellen Anspielungen, vor allem aber die Tatsache, dass es sich um eine parodistische Hommage an das US-Fernsehen der 50er bis 70er Jahre handelte, dafür hatte ich seinerzeit gar kein Auge. Gelacht habe ich trotzdem, es war der Kontext.

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06:00 22.05.2020
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Ausgabe 31/2020

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