Das Gegenteil zum Oscar

Porträt Kelly Reichardt kommt dieser Tage zur Berlinale. Ihre Filme zeichnen minutiös nach, was prekäres Leben bedeutet
Das Gegenteil zum Oscar
Ihre Filme sind ein Kosmos der Stimmung amerikanischer Linker. Sie selbst bevorzugt den leisen, unparteiischen Auftritt

Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Man soll vorsichtig sein mit Voraussagen, aber zwei Dinge scheinen ziemlich sicher: Eine weitere Frau wird in nächster Zeit den Oscar für die beste Regie erhalten (und damit Kathryn Bigelow von ihrem Ausnahmestatus als einzige Frau mit Regie-Oscar erlösen). Und ihr Name wird nicht Kelly Reichardt sein. Natürlich wäre es grandios, wenn es doch anders käme, aber in Wahrheit ist es auch gut so. Denn Reichardt, die ihren neuen Film First Cow in diesen Tagen auf der Berlinale vorstellt, ist eine so eigensinnige Independent-Filmerin, dass ihre Werke auch in einem reformierten, von mehr Frauen und mehr Diversität bestimmten Hollywood keine wirkliche Heimat finden würden. Was nicht daran liegt, dass ihre Filme schwierig zu verstehen oder zu experimentell wären. Im Gegenteil. Sie sind geprägt von einer Sensibilität, die man in den USA liberal und in Europa links nennt und die sich eben nicht so ohne Weiteres kommerzialisieren lässt.

Ihr neuer Film, mit dem sie nun im Wettbewerb um den Goldenen Bären antritt, ist dafür das beste Beispiel. Anders als sich einige vielleicht vom Titel First Cow erhoffen, geht es nicht etwa um eine „erste Kuh“ als Mitglied einer satirisch überzeichneten „First Family“ im heutigen Washington, D. C., sondern um eine erste Milchlieferantin im abgelegenen Nordwesten der USA um 1820. Wobei auch nicht die Kuh im Zentrum steht, sondern die Freundschaft zweier unterschiedlicher Männer, die im noch unerschlossenen Vorposten kapitalistischen Wirtschaftens des Pacific Northwest ihrem „pursuit of happiness“ nachgehen. Nach den ersten Kritiken, die es zur USA-Premiere im vergangenen Jahr gab, ist es wieder ein typischer Kelly-Reichardt-Film. Soll heißen: Er nimmt sich Zeit für seine Figuren und für die Dynamik der Beziehungen, die sich in kleinen Gesten und alltäglichen Handlungen entfaltet. Und er führt vor Augen, wie fesselnd genau das sein kann, die Konzentration aufs Kleine, Spezifische, in dem sich dann das Große, das Allgemeine spiegelt.

Der diskrete Charme des Unglamourösen ist schon lange das eigentliche Markenzeichen des US-amerikanischen Indie-Kinos; bei Reichardt aber wird daraus mehr als nur das Bekenntnis zu mehr Realismus. Ihre Filme sind über die Zeit auch zu einem Kosmos geworden, in dem sich auf sehr präzise und nuancierte Weise die Stimmung insbesondere der US-amerikanischen Linken widerspiegelt.

In Old Joy, dem Film, der sie 2006 bekannt machte, unternehmen zwei alte Freunde noch einmal einen gemeinsamen Ausflug in die Berge. Der eine glaubt den alten Hippie-Idealen treu geblieben zu sein, hat keine feste Arbeit und steht kurz vor der Obdachlosigkeit. Der andere ist im bürgerlichen Leben angekommen, mit fester Stelle, Häuschen und hochschwangerer Frau. Nach außen mag er sein Leben weit besser im Griff haben als der Althippie, aber mit schöner Zwiespältigkeit entlarvt der Film die linke Rechtschaffenheit als Blase: das richtige Radio hören, die richtige Ehefrau haben, zum richtigen Zeitpunkt Vater werden – aber nichts mehr richtig an sich ranlassen. Angesiedelt in Oregon, einer der Hochburgen US-amerikanischer Alternativkulturen, gab der Film ein prägnantes Abbild der Stimmung nach George W. Bushs Wiederwahl 2004: das Gefühl einer endgültigen Niederlage, eines historischen Rückzugs und eines Zurückgeworfenseins ins Einzelkämpfertum.

Reichardt, 1964 geboren, ist in Florida aufgewachsen, hat in Boston Kunst studiert und bereits 1994 ihren ersten Spielfilm realisiert, Rivers of Glass, der auf dem Sundance Filmfestival im US-Bundesstaat Utah mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Dann dauerte es bis zu ihrem nächsten Spielfilm, Old Joy, über zehn Jahre. Wie Reichardt in Interviews immer wieder sagt: Für weibliche Regisseure ist es schwerer als für ihre männlichen Kollegen, das nötige Geld für die Realisierung eines Films zusammenzubekommen. Trotz alledem ist es Reichardt oft gelungen, ihre Filme mit großartigen Schauspielern zu besetzen. In Wendy and Lucy, mit dem sie 2008 zum Festival nach Cannes eingeladen war, spielt Michelle Williams eine junge Frau, der nur noch ein Auto, ihr Hund Lucy und wenige Dollar in der Tasche geblieben sind. Minutiös beobachtend zeichnet Reichardt nach, was prekäres Leben tatsächlich bedeutet: wie kleine Unglücksfälle sich zu großen Katastrophen verdichten, wie aus der Nichtigkeit eines Falschparkens die Spirale des endgültigen sozialen Abstiegs werden kann – weil drei Dollar fünfzig fehlen.

Wenn Ausrufezeichen, Superlative und Übertreibungen das Stilgebot unserer Zeit sind, bilden sowohl die Filme Kelly Reichardts als auch Reichardt als Person das exakte Gegenteil: leise, zurückhaltend, unparteiisch. Eben auch das Gegenteil dessen, was heutzutage für den Oscar nominiert wird. Das Spannende: Reichardts Filme erscheinen dadurch nicht etwa wie aus der Zeit gefallen, sondern gewähren einen geschärften Blick auf das, was wegen Unauffälligkeit ausgespart oder übersehen wird.

So könnte ihr letztes Werk, ein Episodenfilm, statt Certain Women auch gut „Übersehene Frauen“ heißen. Laura Dern spielt darin eine Rechtsanwältin, die sich mit einem lästigen Klienten auseinandersetzen muss. Statt dass ihr Anwaltsstatus ihr Ansehen und Macht verschafft, erlebt sie ihren Job als ermüdende, undankbare Dienstleistung. So versucht sie einem Klienten seit Monaten vergeblich die Aussichtslosigkeit seines Falles zu erklären, aber erst als ein männlicher Kollege ihm dasselbe sagt, zeigt er sich einsichtig. „Es wäre so erholsam, wenn man als Frau mal den gleichen Effekt haben könnte“, seufzt die Figur daraufhin. Das genaue Zuhören lohnt sich in Reichardts Filmen immer.

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06:00 24.02.2020
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Ausgabe 32/2020

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