Frisur als Argument

Kino Was lässt sich aus den Lieblingsfilmen von 2018 über die Gegenwart begreifen, selbst wenn sie nicht davon handeln?
Frisur als Argument
„Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt.“ (Rumi)

Foto: Universal Pictures

Was wäre, wenn die alten Ägypter schon Fernsehen gehabt hätten? Diese Frage stellt der amerikanische Autor Chuck Klosterman in seinem 2016 erschienenen Essayband What If We’re Wrong? Thinking About the Present As If It Were the Past und bittet darum, sich mal nicht daran aufzuhängen, ob das „technisch möglich“ sei. Das Gedankenexperiment dient ihm dazu, etwas über die Populärkultur unserer Gegenwart herauszubekommen, darüber, was von der Literatur, den Filmen, der Musik, die wir gegenwärtig schätzen und hochhalten, in der Zukunft noch „etwas wert“ sein wird. So scheint es auf der Hand zu liegen, dass uns aus dem Fernsehen des alten Ägypten am meisten die Nachrichten und die Werbung interessieren würden. Während wir wohl sehr viel weniger mit dem ägyptischen „Qualitätsfernsehen“, den antiken Breaking Bad und House of Cards anfangen könnten.

Verkleidete Gegenwart

So willkürlich – und debattierbar – dieses Gedankenexperiment auch daherkommt, bringt es in die alljährlichen Debatten über die „Besten Filme“ und „Besten Serien“ eine doch erfrischende Möglichkeit der Korrektur: Wie wäre es, wenn man mal nicht die diffusen Qualitätsmaßstäbe der Gegenwart anwendet, sondern danach fragt, welchen Reim sich ferne Generationen etwa auf das Filmjahr 2018 machen würden.

Mit den metaphorischen Filmrollen einer solchen Ausgrabung konfrontiert, ist man schnell dazu verführt, die gesamte Superhelden-Produktion – und zwar aus beiden „Universen“, egal ob Marvel oder DC – auf das Äquivalent des archäologischen Scherbenhaufens zu legen: aussagekräftig vor allem in ihrer Masse und vielleicht in manchem Ausstattungsdetail, aber nicht als einzelne Artefakte.

Davon abgesehen fällt etwas anderes ins Auge, wenn man die diversen „Best-of“-Listen von 2018 durchgeht, wo Steve McQueens feministischer Überfall-Thriller Widows, Alfonso Cuaróns hochgelobte Hausmädchen-Hommage Roma, Spike Lees Culture-Clash-Rassismus-Komödie BlacKkKlansman, das vierte Remake von A Star Is Born, das Biopic Bohemian Rhapsody und unter den europäischen Filmen noch Pawel Pawlikowskis Drama über die Liebe in Zeiten des Eisernen Vorhangs Cold War und Yorgos Lanthimos Königinnen-Posse The Favourite prominent gehandelt werden: Abgesehen von Widows und A Star Is Born spielt keiner der genannten Filme in der Gegenwart. Und ausgerechnet diese beiden Filme sind streng genommen Adaptionen alter Stoffe: Bei Widows nahm sich Steve McQueen eine britische Serie aus den 70er Jahren zum Vorbild; die erste Version von A Star Is Born kam 1937 ins Kino – und beruhte selbst noch auf einem Vorläufer von 1932.

Statt nun zu überlegen, ob das ein Trend ist, die „Retrofizierung des Kinos“, in der eine überforderte Gegenwart fast zwanghaft den Blick zurück wirft in vergangene Welten und Epochen, macht die Perspektive aus der Zukunft mit solchen Thesen kurzen Prozess. Um ein weiteres Beispiel von Klosterman zu bemühen: Sicher, wir als Zeitgenossen haben die Serie Mad Men als künstlerische Reflexion über die 60er Jahre rezipiert, mit all den raffinierten Verweisen auf Fakten und Daten jener Zeit. Aber schon in dreißig, vierzig Jahren wird man, wenn man überhaupt noch von ihr spricht, die Serie als typisches Kulturprodukt ihrer Zeit, der Jahre 2007 und danach, begreifen.

Man kann den Spieß also umdrehen: Dann sind die Filme des Jahres, die vorgeblich von vergangenen Zeiten handeln, vielleicht gerade die, die zugleich am nächsten dran sind an der Gegenwart, deren Verkleidung ihnen gewissermaßen eine ganz besondere, gleichsam heimliche Nähe erlaubt. Im Fall von Spike Lees BlacKkKlansman erscheint das sofort einleuchtend, inszeniert Lee die Frisuren und Kostüme der 70er Jahre doch als lautstarke Argumente im heutigen Streit um Identitätspolitik. Ähnlich repräsentieren die schmutzigen Intrigen um Macht und Liebe in Lanthimos’ The Favourite mit den drei weiblichen Hauptfiguren einen in der populären Fantasie der Gegenwart verwurzelten „Girl Fight“. Und in Cuaróns Roma ist hinter all der atmosphärischen Stimmigkeit eines Mexiko von Anfang der 70er Jahre klar das Antlitz dessen, der sich von heute aus erinnert, zu erkennen.

Am interessantesten, weil schwieriger ins Heute zu integrieren, ist Pawlikowskis Cold War. Nicht nur, weil es das vom Eisernen Vorhang geteilte Europa, dessen Schmerz der Film ausspielt, nicht mehr gibt. Ähnliches gilt für den russischen Film Leto, die neben Cold War zu kurz gekommene sowjetische Rockmusiker-Hommage von Kirill Serebrennikov. Für das geschilderte Gedankenexperiment scheinen diese Filme gerade deshalb so fruchtbar, weil sie etwas vor unser aller Augen Verborgenes an den Tag holen: Sie handeln von Menschen und Künstlern, die sich nicht aktiv mit der Politik ihrer Zeit auseinandersetzen, und sezieren so als Lektionen über Passivität das gute Leben der Gegenwart.

06:00 29.12.2018
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