Kino? Später ...

Filmjahr 2020 Fast alle Blockbuster werden wegen Corona verschoben – die Filmindustrie wird sich anpassen müssen
Kino? Später ...
Hier gibt es derzeit nichts zu sehen, bitte kommen Sie nächstes Jahr wieder

Foto: Aaron P/Bauer-Griffin/GC Images/Getty Images

Ob ein Film wie Christopher Nolans Tenet im Juli, im August, an Weihnachten oder doch erst nächstes Jahr startet – das hätte in normalen Zeiten kaum jemanden wirklich interessiert. Wie aufgeladen die Situation ist, lässt sich deshalb auch daran ablesen, dass ebendieser Filmstart, genauer gesagt seine dritte Verschiebung, nun fast zum Politikum hochgespielt wird. Zwar schwingt noch Ironie mit, wenn Texte darüber, dass ein Hollywoodfilm wie Tenet zuerst in anderen Ländern als den USA anlaufen könnte, mit „America last“ überschrieben werden oder von der „gerechten Strafe für die Weigerung, Masken zu tragen“ die Rede ist. Aber die Ironie basiert eben darauf, dass auf dem Kinomarkt etwas deutlich wird, was in den anderen Segmenten von Wirtschaft und Politik zu ahnen, aber schwerer auf einen Begriff zu bringen ist. Manche Dinge lassen sich leichter als Scherz formulieren, bevor man dem Ernst der Lage gewachsen ist. Da wäre zum einen die Tatsache, dass die Corona-Zeit langfristigere und tiefere Spuren hinterlassen wird, als manche noch heute wahrhaben wollen – und das womöglich an Stellen, wo niemand damit gerechnet hat. Und zum Zweiten, dass so, wie die Dinge derzeit laufen, die Vormachtstellung der Vereinigten Staaten, mal ganz vorsichtig formuliert, eine gewisse Transformation erleben wird.

Tenet sollte ursprünglich Mitte Juli starten und war fest als einer der großen Kinohits des Jahres eingeplant, eine der „Tentpole“, „Zeltmast“, genannten Produktionen, mit denen die großen Studios ihre Gewinnmargen abstecken. Über den Inhalt ist wenig mehr bekannt, als dass John David Washington (Sohn von Denzel Washington und durch seine Rolle in Spike Lees BlacKkKlansman groß herausgekommen) darin einen Agenten spielt, der den Dritten Weltkrieg verhindern muss – nicht etwa durch eine Zeitreise, sondern, darauf legte die ansonsten äußerst knapp gehaltene Werbung wert, mittels „Zeit-Inversion“. Es klang nach einem typischen Nolan-Film, angelegt gewissermaßen im Sweetspot seiner Kinoerfolge Memento, Inception und Interstellar. Unter den fest eingeplanten Hits des Jahres nahm Tenet aber nicht nur wegen der Marke Nolan einen besonderen Platz ein. Mit einem Budget von über 200 Millionen Dollar ist Tenet dazu noch eine jener immer seltener werdenden Erscheinungen: ein hochbudgetierter Film nach Originalstoff! Von all den Sequels und Remakes des Jahres, von James Bond: No Time to Die über Wonder Woman 1984 und A Quiet Place 2 bis hin zu Dune, Mulan und West Side Story, dem vierten Minions-Film und dem neunten Fast & Furious, hob er sich als einsamer Exot ab.

Außer Steven Spielbergs Neuadaption der West Side Story, deren Start für Weihnachten 2020 unverändert auf dem Kalender steht, sind alle genannten Filme wegen der Corona-Krise zum Teil mehrfach verschoben worden, einige weit ins nächste Jahr hinein. Für Tenet zeichnet sich unterdessen jene Lösung ab, die so heikel wie ohne Vorbild ist und die bereits zitierten Überschriften provozierte: Es heißt, der Film werde Ende August in „Übersee-Territorien“, mithin Asien und Europa, anlaufen, während er in den – von der produzierenden Firma Warner Bros. aus gedachten – heimischen Kinos eventuell erst im nächsten Jahr zu sehen sein könnte. Dann, wenn landesweit genug Kinos öffnen können, um jene Zahlen zu generieren, die zum Blockbuster-Geschäft nun einmal dazugehören: Rekordmeldungen über „beste Wochenend-Einnahmen“, über das „schnellste Erreichen der 100-Millionen-Dollar-Marke“ oder über den erfolgreichsten Beitrag in einem eingeführten Franchise wie Jurassic Park oder Fast & Furious.

America first

Dass ein Blockbuster zuerst in Europa und dann erst in den USA zu sehen ist, wäre nicht nur deshalb ungewöhnlich, weil man damit vermeintlich den Netzpiraten Publikum zutreibt. Schließlich wurden die weltweit gleichzeitigen Filmstarts vor allem zu dem Zweck eingeführt, der illegalen digitalen Verbreitung den Anreiz zu nehmen. In den Verlautbarungen von Warner Bros. zu Tenet aber stand einmal nicht die Geheimnis- und Copyright-Wahrung im Vordergrund, stattdessen ging es um „untraditionelle“ Lösungen der Distribution. In der Verschwommenheit der Ankündigung schwang zwischen den Zeilen mit, dass man in allererster Linie vermeiden wollte, den amerikanischen Kinobesucher zu kränken. Er sollte sich nicht direkt um das Privileg gebracht sehen, als Erster sein Geld ausgeben zu dürfen.

Die weltweiten Filmstarts sind ein relativ neues Phänomen. Der erste Star-Wars-Film, mit dem das moderne Blockbuster-Phänomen seinen Anfang nahm, startete im Mai 1977 in den amerikanischen Kinos, während die deutschen Filmfans bis Februar 1978 warten mussten. Seitdem hat sich die Kunst des richtigen Starttermins zu einer regelrechten Wissenschaft entwickelt, mit einer guten Prise Aberglaube als Beigabe und vor allem mit den US-amerikanischen Kinogewohnheiten im Blick. Während die für Oscar-Ehrungen in Frage kommenden Filme im Herbst in die Kinos gelangen, starten die Filme, an die sich die größten Einnahme-Erwartungen knüpfen, im Sommer, wenn steigende Temperaturen die Zuschauer in die Klimaanlagen-bedingte Kühle der Filmtheater ziehen. Im Gegensatz dazu gelten die Sommer in Deutschland nicht als gute Zeit für die Kinos, zumal in Jahren, in denen eine Fußballweltmeisterschaft mit Public Viewing Konkurrenz macht. Spätestens seit Jurassic Park (1993) bis hin zu Fluch der Karibik (2003) war es deshalb üblich, dass die amerikanischen Sommer-Blockbuster hierzulande im September ins Kino kommen.

Dieses Jahr also ist alles anders – eine „Inversion der Zeit“, wie Christopher Nolan sie sich wohl kaum vorgestellt hat. Doch bei aller Ironie darf nicht vergessen werden, dass es um eine Menge Geld geht. „Dies ist ein 42-Milliarden-Dollar-Business“, hob John Fithian, Top-Lobbyist der amerikanischen Filmtheater-Vereinigung, im Interview mit dem Branchenmagazin Variety hervor. Er plädierte dafür, Filme zu starten, auch wenn absehbar sei, dass man weniger Umsatz als üblich damit machen werde. Denn für die Kinos weltweit, die zur Wiederbelebung des Geschäfts auf attraktive Ware aus Hollywood angewiesen sind, zeichnet sich mit den Startverschiebungen eine ziemliche Katastrophe ab. Besser ein schlechtes Geschäft als gar keines?

Statt nur düsteren Prognosen zu frönen, lohnt sich in nächster Zeit der aufmerksame Blick darauf, was sich durch diesen „Sommer ohne Blockbuster“ denn tatsächlich verändert. Wird es eine Rückbesinnung geben auf kleinere, mittelbudgetierte Produktionen? Wird sich gar der Filmgeschmack ohne die Einheitsware aus Hollywood diversifizieren? Oder bleibt der Appetit der gleiche und lenkt sich nur um auf die Streamingdienste?

1987 gelang Mel Brooks mit seiner Star-Wars-Parodie Spaceballs ein Komödienhit; als mit Star Wars: Das Erwachen der Macht 2015 die neue Sequel-Trilogie begann, kündigte auch Mel Brooks eine Fortsetzung an. Sie sollte den bezeichnenden Titel Spaceballs 2: Die Suche nach mehr Geld tragen. Nach dieser Art von Ironie sehnen sich heute schon sehr viele zurück.

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06:00 06.08.2020
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Ausgabe 38/2020

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