Mein erstes Mal

Embedded Wenn PR-Agenturen im Regierungsauftrag Pressereisen organisieren – zum Beispiel in die Türkei
Mein erstes Mal
„Genieß es doch einfach mal!“
Foto: suedraumfoto/Imago

Es fühlt sich komisch an, auch ein bisschen falsch. Der Mann im schwarzen Smoking, der mir die Tür zum schwarzen Wagen mit getönten Scheiben aufhält. Der Fahrer, der wenige Minuten später das Blaulicht auf dem Dach aufdreht und mit hundert Sachen durch den Istanbuler Feierabendverkehr brettert, um mich vor einem Fünf-Sterne-Hotel abzusetzen. Es fühlt sich komisch an, eine Stunde später in meinem Apartment im siebten Stock frisch geduscht aus dem marmornen Badezimmer zu spazieren, Blick über den Bosporus und auf die Brücke, die gerade erst umbenannt wurde: Märtyrer-Brücke heißt sie jetzt; zur Erinnerung an den Putschversuch vom 15. Juli. Ein Tag, der vielen türkischen Journalisten-Kollegen zum Verhängnis wurde. Sie sitzen heute im Gefängnis, während ich mir ein Bier aus der Hotelbar hole.

Dass ich zur Recherche hier bin, mag ich schon jetzt kaum mehr glauben. Als Reporter war ich 2016 viel unterwegs. Frei, unabhängig, unbezahlt. Ich war in Griechenland, im Kosovo, in Jordanien. Die Nächte verbrachte ich mal in billigen Absteigen, mal bei Freunden auf der Couch, manchmal unter freiem Himmel – aber ganz sicher nie im Luxushotel. Meine Informationen habe ich mühsam selbst zusammengetragen, Interviewpartnern tagelang hinterhertelefoniert – jetzt habe ich eine Pressemappe, da steht drin, was ich wissen muss. Wissen soll. Und die türkische Regierung zahlt dafür.

Das sagt der Pressekodex

Vor wenigen Wochen bekam ich eine Mail mit der Einladung zu einer Pressereise. Das Motto: „Türkei: Wirtschaft mit Zukunft“, organisiert von einer Hamburger PR-Agentur namens Faktenkontor. Anrede: „Sehr geehrte Damen und Herren, die Türkei befindet sich im Umbruch. Die negativen Meldungen in der internationalen Presse überwiegen. Doch wie sieht die Lage nach dem Putschversuch im Juli wirklich aus? (…) Mit herzlichen Grüßen, Arda Ermut, Präsident der ISPAT (Investment Support and Promotion Agency of Turkey)“.

Eine Hamburger PR-Agentur organisiert im Auftrag der türkischen Regierung eine Pressereise für zehn deutsche Wirtschaftsjournalisten aus renommierten Redaktionen. Dies geschieht in der unverhohlen bekundeten Absicht, die türkische Wirtschaft ins rechte Licht zu rücken. Kann das gut gehen? In einer Zeit, in der hierzulande gern mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die „Lügen-“ und „Mainstream-Presse“ gezeigt wird. Und Journalisten wahlweise unterstellt wird, von „amerikanischen Imperialisten“ oder Merkel selbst bezahlt zu werden. Es ist meine erste Pressereise, vielleicht bin ich noch etwas naiv, aber ich frage mich schon: Kann ich als Journalist Objektivität und Glaubwürdigkeit wahren, wenn ich von einer Lobby-Organisation in die Türkei eingeladen werde?

Im Pressekodex steht in Artikel 15 zum Thema Unbestechlichkeit: „Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit (…) zu beeinträchtigen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar. (…) Journalisten nehmen daher keine Einladungen oder Geschenke an, deren Wert das im gesellschaftlichen Verkehr übliche und im Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendige Maß übersteigt. (…) Wenn Journalisten über Pressereisen berichten, zu denen sie eingeladen wurden, machen sie diese Finanzierung kenntlich.“

In den folgenden Tagen besuchen wir wichtige Wirtschaftsakteure in der Türkei, unter anderem erfolgreiche Unternehmer aus dem Ausland. Wir treffen auch den Chef der deutschen Handelskammer, der viel über Investitionsmöglichkeiten spricht und wenig über Demokratiedefizite. Der statt vom Rauswurf vieler Lehrer, Ärzte oder Beamter lieber von „Auswechslungen“ spricht und von „Herausforderungen“ statt von ökonomischen Problemen. Es gibt zudem eine Begegnung mit dem Chef der Istanbuler Börse, der über sein Metier reden soll, aber zu Hasstiraden auf den Westen ausholt und Can Dündar, den nach Deutschland geflohenen Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, mit Osama bin Laden vergleicht. Als Abschiedsgeschenk drückt er jedem ein edles silbernes Kaffeeservice in die Hand.

Höhepunkt der Reise ist ein Dinner mit Mehmet Şimşek, dem Vizepremier, zugleich Erdoğans Wirtschaftschef. Ein Mann von Welt, dessen Worte sich wie Balsam auf die Seelen westlicher Journalisten legen, die sich von den gelegentlichen Ausfällen des türkischen Präsidenten verletzt fühlen. Wenn Erdoğan Todesstrafe schreit, sagt Şimşek, die komme ohnehin nicht. Wenn Erdoğan sagt, die Türkei brauche die EU nicht, sagt Şimşek, die EU sei ein Vorbild, fordert zugleich aber Verständnis für das Vorgehen gegen „Terroristen“. Şimşek ist einer, den man sorglos vor deutschen Journalisten platzieren kann, um das Türkei-Image aufzupolieren.

All-Inclusive-Paket

Nach drei Tagen erwische ich mich dabei, wie ich kurz denke, die AKP sei doch eigentlich eine respektable Partei, die nur das Beste für ihre Bürger will und viel damit zu tun hat, gleich drei Terrorblöcke – Gülen-Bewegung, PKK und IS – zu bekämpfen. Und vielleicht ist die Berichterstattung in Deutschland über die Türkei wirklich einseitig, wie unsere Delegationsleiter, zwei durchaus freundliche Zeitgenossen, immer wieder betonen. Dass einer von beiden – Bülent Güven – nicht nur Reisen für die PR-Agentur Faktenkontor organisiert, sondern zugleich Vorsitzender der UETD ist, der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, verlängerter Arm der AKP in Europa, weiß ich da noch nicht. Das erfahre ich erst über eine Suchanfrage bei Google. Güven tritt regelmäßig bei deutschen Fernsehsendern auf, um Erdoğan-Kritik entgegenzutreten. Erwähnt hat er das nicht, worüber ich schon ein wenig überrascht bin, die mitreisenden Kollegen eher nicht. Es ist weniger die schamlose Einseitigkeit, in der mir die Türkei auf dieser Reise präsentiert wird. Was mehr schockiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der meine Kollegen Einladungen zum Essen und Geschenke annehmen. Zitat: „Genieß es doch einfach mal!“ Es sind Einladungen, für die Angestellte im öffentlichen Dienst bestraft werden und Politiker womöglich ihren Job verlieren.

Es ist eine Praxis, die von Journalisten kaum thematisiert, aber von vielen genutzt wird. Kaum einer, der nicht schon einmal verführt wurde, vom paradiesischen Apfel zu zehren, der auf Pressereisen gereicht wird. Rot vor Scham geworden ist dabei vermutlich selten jemand. Doch bevor jetzt wieder die kollektive Journalistenschelte fällig ist, sollte man sich fragen: Wieso geraten Journalisten überhaupt in die Versuchung, sich einladen zu lassen?

Natürlich will ich frei, unabhängig, unbeeinflusst in meiner Berichterstattung sein, wie es meinem journalistischen Ideal entspricht. Aber wo sind die Redaktionen, wo die Rezipienten, die mich dafür bezahlen? Zeit ist knapp, Geld knapper, die Auflagen der etablierten Blätter sinken, die Werbeeinnahmen auch; sogenannte freie Medien, denen das Erfinden von Fakten leichter fällt als das aufwendige Recherchieren derselben, bevölkern zuhauf das Internet.

Wofür entscheide ich mich, wenn die Wahl zu treffen ist zwischen einem wochenlangen, selbstfinanzierten Recherchetrip, dessen Unkosten ich später im Kampf um Zeilenhonorare wieder zu begleichen suche, und einem All-Inclusive-Paket, bei dem ich mich nicht um Anreise, Hotel, nicht einmal um die Recherche kümmern muss?

Die Kollegen haben nach der Türkei-Reise teils kluge, auch kritische Artikel geschrieben. Und trotzdem ist die Taktik der Organisatoren aufgegangen, indem sie ihr Agenda Setting nach dem Motto geltend machten: Weniger Erdoğan, mehr Hoffnung für die türkische Wirtschaft. Weniger Apokalypse, mehr Optimismus. Die Überschriften der Texte, die fast alle das Şimşek-Treffen aufgreifen, sprechen für sich: „Türkei setzt trotz böser Worte auf Europa“ (FAZ), „Wie Ankara die Welt sieht“ (Tagesspiegel), „Regierungsvize, Kurde, EU-Freund“ (Süddeutsche). Dass man in Istanbul auf Şimşek traf, schreiben alle. Wie das Treffen zustande kam, erwähnt niemand. Zur Erinnerung noch mal der Pressekodex: „Wenn Journalisten über Pressereisen berichten, zu denen sie eingeladen wurden, machen sie diese Finanzierung kenntlich.“ Wer das nicht tut, läuft Gefahr, seine Integrität zu verspielen und den „Lügenpresse“-Schreiern gefällig zu sein.

Nachtrag: Die Redaktionen des Tagesspiegels und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung teilten nach Veröffentlichung dieses Textes mit, einen Großteil der Kosten für die Pressereise selbst getragen zu haben. Mike Szymanskischreibt: "Habe als SZ-Korrespondent einzelne Termine wahrgenommen. Heimschläfer." Der Tagesspiegel verweist auf seine Kenntlichmachung der Pressereise unter einem anderen Text. Unter dem hier im Artikel zitierten Text wurde ein entsprechender Hinweis inzwischen ergänzt.

Bartholomäus von Laffert ist freier Journalist und lebt in Wien. Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, die im Auftrag der ISPAT und in Kooperation mit der Hamburger PR-Agentur Faktenkontor zustande kam

06:00 04.01.2017

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