Das bin nicht ich!

Identität Die Terroristen des IS und der PKK töten in meinem Namen: Protokoll einer muslimischen Kurdin aus Deutschland

Ich bin muslimische Kurdin, in Deutschland geboren. Während ich meine Leidenschaft für die deutsche Sprache lebe und Germanistik studiere, ist mein Dasein zwischen zwei weiteren Kulturen festgefahren. Ich bin in eine Zwickmühle geraten: Egal, zu welcher Identität ich mich bekenne oder welche ich gerade kritisiere, stehe ich stets eingeklemmt zwischen fremden Zuschreibungen. Verschiedene Zugehörigkeiten bereichern, aber sie können auch Ballast sein, gerade jetzt, in Zeiten des zunehmenden Terrors. In jeder meiner Identitäten versteckt sich eine Ideologie. Und diese wirkt jeweils wie ein persönliches Merkmal, das den Terror legitimiert – gegen den ich als Mensch doch mit jeder Faser meines Ichs stehe! Mal bin ich Muslima, mal Kurdin. Wann kann ich einfach nur das Ich sein, das den Terror verabscheut?

Etiketten so schwer wie Blei

In diesen Tagen kann ich mich dem existenziellen Dilemma nicht entziehen: Von außen zugeschriebene Rollen überdecken, verunklaren, relativieren meine wahren, meine eigenen Positionen. Du kannst für eine Sache einstehen, so stark wie du nur willst: „Nein zum Terror!“ Dennoch wird das Gegenteil mit dir verbunden: „Sie ist Kurdin – ah, sie unterstützt bestimmt die PKK!“ Oder: „Sie trägt Kopftuch – bekennt sie sich damit etwa zum IS?“ So erscheine ich nach außen plötzlich als ein Teil des Terrorismus. Merkmale meiner Person werden mit etwas verbunden, das ich innerlich strikt ablehne.

Seien es die grausamen Anschläge in Paris, Brüssel oder zuletzt in Lahore, sei es das Streben nach dem Zerfall von westlicher Demokratie und friedlichem Miteinander: Das alles ist in den Agenden jener Gruppierungen verankert, deren Namen für viele gleichbedeutend mit Anteilen meiner Identität sind. Aber was hat das mit mir zu tun!? Der Islam des selbsternannten „Islamischen Staates“ hat mit dem Islam, den ich kenne und lebe, absolut nichts gemein. Das vermeintlich Kurdische der PKK ist etwas, mit dem ich mich nicht im Mindesten identifizieren kann. Teil einer einzelnen Minderheit zu sein kann einen ermüden. Gleich zweien anzugehören ist lähmend.

Während Terrormeldungen zum Alltag werden und ein Verbrechen gegen die Humanität das nächste jagt, fühle ich mich leer und aufgezehrt. Ich versuche, neben dem Schwall an Trauer und Entsetzen auch mein identitäres Wirrsal an Gedanken und Emotionen zu ordnen. So viele Etiketten kleben an mir – in diesen Stunden wirken sie schwer wie Bleigewichte. Und das, obwohl ich doch gewiss bin, dass das alles mit mir nichts zu tun hat.

Es geht dabei um etwas, das mir nicht unbedingt nur von außen her zugeschrieben wird. Es ist auch ein psychologisches Phänomen. Ich nähre es durch einen falschen Schuldkomplex. Mein Blick als Kurdin auf den Terror innerhalb der Türkei ist längst nicht mehr objektiv. Genauso wenig wie es mein Blick als Muslima auf den IS-Wahnsinn ist. Hier sind es identisch ausgesprochene Koranverse, die mich mit dem IS – scheinbar – verbinden. Dort ist es er Kampf um die kurdische Befreiung, der mich vereinnahmt. Zu beidem gehöre ich mit Sicherheit nicht dazu.

Als kürzlich die Meldungen über die Anschläge in Ankara und Istanbul erschienen, überkam mich eine spontane, impulsive Trauer. Und dann Schuldgefühle. Ihr Auftauchen erschreckt mich jedes Mal – aber es überrascht mich nicht mehr. Bei jedem Attentat in der Türkei fällt der Verdacht sofort auf die PKK. Auch ich mutmaße immer erst einmal in diese Richtung.

Meine Situation als Kurdin und Muslima, die in Berlin geboren und aufgewachsen ist, erscheint geradezu surreal. Wenn ich das politische Konfliktgewebe in der Türkei und in Deutschland zu entflechten versuche, dann tue ich es mit Anteilen meiner Person, die ungewollt vielleicht Ursache des Terrors sind. Ich verbinde nichts von mir mit den Terroristen. In der Realität aber geschieht ihr Terror unter Fahnen, die meine Zugehörigkeiten symbolisieren. Die Flagge der PKK wird gleichzeitig auch als Fahne des kurdischen Volkes verwendet. Auf dem schwarzen Banner des IS prangt das Prophetensiegel, das Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses ist, ein Fundament auch meines Muslimseins. Das Fundament meines Glaubens und die Farben meines Volkes transformieren sich vor meinen Augen zu Zeichen mordender Meuten. Sie stehen für das Rauben, Vergewaltigen, Terrorisieren und Töten von Menschen, die Töchter, Studenten, Schwestern, Nachbarn waren, genauso wie ich es bin.

Im Namen der Kurden nahm die PKK viele Leben, sie tötete Zivilisten und sieht sich trotzdem im Recht. Eine verbotene Miliz, die die erstrebte Autonomie mit Blut erzwingen will. Auch der sogenannte Dschihad, den die IS-Terroristen gegen den Westen ausriefen, trägt ein primäres Merkmal meiner Person als Beweggrund: Sie töten im Namen eines Gottes, der nach meinem Glauben jede Ungerechtigkeit verabscheut. Unter dem Deckmantel meiner eigenen Ethnie und Religion werden Panik und Angst geschürt. Die Assoziationen der Anklage, die sich in den Köpfen meiner Mitmenschen bilden, sie treffen auch mich: die kritischen Blicke, die an meinem Kopftuch hängen bleiben, oder die bedachte Distanz, wenn ich die kurdische Stadt in der Osttürkei nenne, aus der meine Eltern kommen.

Unterdessen quält mich mein Gewissen. Weil ich zulasse, wie meine Religion und meine Nationalität für Schandtaten missbraucht werden. Ich fühle die geradezu preußische Pflicht, irgendetwas tun zu müssen – gegen die Zweckentfremdung von Fragmenten, aus denen ich als Person hervorgegangen bin. Es fühlt sich an, als wäre es nie genug, einfach nur bestürzt und betrübt zu sein.

Ich ertappe mich dabei, wie ich immer zweimal so viel und zweimal so heftig gegen den Terror der PKK argumentiere, viel stärker als meine türkischen Freunde. Im Gespräch über Dschihadisten erläutere ich, wie sehr ihr Handeln islamischen Glaubensgrundsätzen zuwiderläuft. Aus einem Bedürfnis der Klarstellung heraus tue ich das, meist ungefragt. Die kollektiven Gedanken meines Gegenübers sind stärker als meine Vernunft.

Provokation in Schwarz

Bei meinen äußeren religiösen Merkmalen wie dem Kopftuch schafft allein die Erscheinung schon Raum für Konfrontationen. Es sind Verknüpfungen, derer ich mich manchmal verbal, manchmal plakativ krampfhaft zu entziehen versuche. Distanzierungsformeln oder Abgrenzungsaktionen gab und gibt es zur Genüge; der Effekt ist allerdings nicht sonderlich langlebig. Dauernder Terror kann ihren Klang relativ schnell in Phrasendrescherei und triviale Zeichensetzung münden lassen.

Es beginnt schon mit dem morgendlichen Innehalten, während ich meine Hand nach meinem schwarzen Kopftuch ausstrecke. Einschüchternd könnte diese Farbe auf Mitmenschen wirken, denke ich, einschüchternd und vielleicht sogar bedrohlich. Für gewöhnlich endet es bei mir dann aber doch mit der bewussten Wahl von Schwarz – um mich den normativen Prozessen von Begriffsverbindungen zu widersetzen, nicht um zu provozieren.

Vielleicht aber doch um zu provozieren. Um die der Debatte inhärenten Probleme herauszulocken, die Gesellschaft damit zu konfrontieren. Genau wie die Betonung der Kritik an der PKK öfters bewusst weggelassen wird – weil man davon ausgeht, dass ein ehrliches Mitgefühl und die Trauer um die Opfer der PKK-Attentate eine solche Kritik ohnehin überflüssig machen.

Wenn in der Bahn wieder einmal abschätzige Blicke an meinem schwarzen Kopftuch hängen bleiben, schüttele ich sie mit einem freundlichen Lächeln ab. Ich gehe in diesen Tagen sogar mit noch erhobenerem Kopf durch das Leben als sonst. Obwohl das Senken meines Kopfes mir angesichts meines Gefühlchaos jetzt manchmal angenehmer erschiene.

06:00 31.03.2016
Geschrieben von

Büşra Delikaya | Büsra Delikaya

Studentin (Germanistik und Geschichte), Schreiberin, freie Journalistin
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