Ein leises Grauen

Auszeichnung Den Georg-Büchner-Preis gewinnt ein Lyriker mit düster-assoziativen Reimen

Im Frühjahr 2015 schenkte ich einer Freundin Jan Wagners Gedichtband Regentonnenvariationen. Noch während der Feier, bei der viele Kinder anwesend waren, begannen wir in dem Band zu lesen und über die Gedichte zu diskutieren. Koalas beschäftigte uns länger: „so viel schlaf in nur einem baum, / so viele kugeln aus fell / in all den astgabeln, eine boheme / der trägheit, die sich in den wipfeln hält und hält / und hält mit ein paar klettereisen / als krallen, nie gerühmte erstbesteiger / über den flötenden terrassen / von regenwald, zerzauste stoiker, / verlauste buddhas, zäher als das gift, / das in den blättern / wächst, mit ihren watte- / ohren gegen lockungen gefeit / in einem winkelchen von welt: kein water- / loo für sie, kein gang nach canossa. / betrachte, präge sie dir ein, bevor es / zu spät ist – dieses sanfte knauser- / gesicht, die miene eines radrennfahrers / kurz vorm etappensieg, dem grund entrückt, / und doch zum greifen nah ihr abgelebtes / grau – bevor ein jeder wieder gähnt, sich streckt, / versinkt in einem traum aus eukalyptus.“

„Spielerische Sprachfreude“

Wir staunten nicht schlecht, als plötzlich ein Fünfjähriger, der auf dem Boden gesessen und still vor sich hingemalt hatte, zu uns kam und uns ein Bild hinstreckte, das Koalas in einem Baum zeigte: Die Verse hatten seine Aufmerksamkeit erregt und seine Vorstellungskraft in Gang gesetzt.

Wenn der Georg-Büchner-Preis in diesem Jahr also an den Lyriker, Essayisten, Übersetzer und Kritiker Jan Wagner geht, wird also einer ausgezeichnet, dessen detailgenaues und bildkräftiges Werk auch die berührt, die nichts oder noch nichts mit Lyrik am Hut haben. Ein Dichter, dessen Sprache so unmittelbar beeindruckt, dass auch Kinder darauf reagieren.

„Spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz“ werden von der Akademie hervorgehoben. Die Form und ihre Beherrschung hat Wagner in der Reflexion über sein Schreiben auch selbst immer wieder als Dreh- und Angelpunkt herausgehoben, er hat sie als Korsett bezeichnet, in dem man paradoxerweise besonders gut atmen könne, ihren sanften Zwang gelobt, der dafür sorge, dass man im besten Falle vom eigenen Gedicht überrascht sei. Das, was seine Gedichte in ihrem Gebrauch von lyrischen Bauformen wie der Villanelle oder dem Sonett und Sonettenkranz, von Terzine oder Sestine, aber auch von klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten wie Konsonanzen und Assonanzen, vom Reim und vor allem auch unreinen Reim über das Epigonale hinaushebt, ist die Subtilität der Variationen dieser Formen, aber auch der Widerstand, der im Vollzug des Dichtens gegen diese Formen erwächst. Wagners Gedichte, das zeigen nicht nur die Koalas, die dem Eukalyptusgift apathisch trotzen, rufen oft ein leises, deutlich wahrnehmbares Grauen hervor, was sich auch an mais zeigen lässt: „es ist ein feld, in dem du dich verirrst / beim spielen, als der schatten länger fällt, und hektar oder werst / von feld, von wind, von feld // trennen dich von zuhause. / blätterrascheln – wie das mischen / von karten. später zwischen sternenmassen / ein neues bild: der hakenschlagende hase. // du schläfst, zusammengerollt wie ein tier / es ist ein morgen, wenn die sonne / dich findet vor durst gespalten- / em schädel. über dir / die meterhohen, schwankenden gestalten, / grinsend, das maul voller goldzähne.“

In diesem der Sonettform folgenden, im Reimschema diese aber hinter sich lassenden Gedicht verwandelt sich ein harmloses Versteckspiel durch das Verirren im Maisfeld in womöglich tödlichen Ernst. Der Mais wird anthropomorph, seine Stauden verwandeln sich, mit Reminiszenz an Goethe, in schwankende Gestalten, die Körner seiner Kolben in hämisch grinsende, goldzahnige Münder. Das Überschreiten der Form korrespondiert dabei mit dem, was sich im Gedicht zuträgt. Am Ende bleibt ein beunruhigender Schwebezustand.

Im virtuosen Umgang mit der Form scheint etwas auf, das weniger vom abendländischen Geniekult motiviert ist, eher an fernöstliche Vorstellungen des vollendeten Kunstwerks anknüpft. Die Tradition fortzuführen und über das Handwerkliche ganz in der Gegenwart verhaftet zu sein, verdient etwa aus japanischer Sicht höchste Achtung. Ein Santoku-Meister verwendet viel Zeit darauf, ein Messer so lange zu schmieden, bis der Schliff drei Tugenden („san“ = „drei“, „toku“ = „Tugend“) vereint, bis Fisch, Fleisch und Gemüse gleichermaßen perfekt geschnitten werden können. Wenn ein Töpfer Keramik mit historischem Muster herstellt, kann es Jahre dauern, bis er das Muster exakt nachgebildet hat. Wagner sagt, dass er stets 12 oder 20 Gedichte – oder vielmehr deren Möglichkeiten – mit sich herumtrage, alles handschriftlich mache und sehr lange sammle, um zuzulassen, dass ein Gedicht heranreift.

Dichter mit Sauklaue

In dieser starken Gewichtung der Form und des Handwerklichen liegt eine gewisse Provokation, die Kritiker auf den Plan ruft, auch im Zusammenhang mit der Akademie-Entscheidung: Die Verse scheinen auf den ersten Blick kein Sand im Getriebe zu sein, stattdessen den Staub von den Phänomenen wegzuwischen, was manchen zu der reichlich hochgegriffenen Aussage verleitet hat, die Gedichte brächten einen dazu, die Dinge wie zum ersten Mal zu sehen. Wagners Gedichte taugen in ihrer subtilen Befremdlichkeit wenig als Stellvertreter einer deutschsprachigen Gegenwartslyrik, die mit Monika Rinck, Ann Cotten, Oswald Egger oder Steffen Popp, aber auch mit dem im vergangenen Jahr ausgezeichneten Marcel Beyer viel offener befremdlichere, experimentellere, avantgardistischere Spielarten kennt.

Sein Werk zu würdigen, ist eine Entscheidung, die dem fantasievollen Sprachvirtuosen Georg Büchner, mit dem Wagner die unleserliche Handschrift, die „Sauklaue“ teilt, eher gerecht wird, als Büchners umstürzlerischen Intentionen und seiner Art, die Form zu überschreiten, man denke nur an Dantons Tod oder Woyzeck. Man könnte die Entscheidung eskapistisch finden, wollte man damit über „deutschsprachige Gegenwartslyrik“ schlechthin befinden, doch sollte man nicht unterschätzen, welche Kraft entsteht, wenn jemand die Form genauestens im Blick behält, indem er sich anschickt, sie zu überschreiten, ihren Zwang beleuchtet und befragt, wenn er die Unheimlichkeit des Vertrauten so virtuos durchdekliniert und von innen heraus annagt.

06:00 01.07.2017
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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