Nietzsche, Kierkegaard und das „Problem Jesus“

Literatur Norwegens literarischer Superstar Karl Ove Knausgard kehrt zurück zu seinen Wurzeln. Wie ist sein neuer Roman „Der Morgenstern“?

Der sechsbändige, rund 4.500 Seiten umfassende Romanzyklus Mein Kampf, den der Tagesspiegel einmal als „überbordende, tendenziell selbsttherapeutische Nabelschau“ bezeichnete, machte Karl Ove Knausgård zum literarischen Superstar. Jetzt kehrt der Autor zu den fiktionalen Anfängen seines Schreibens zurück. Dem Ausladenden bleibt er dabei treu: Knapp 900 Seiten umfasst der 2020 in Norwegen zuerst erschienene Roman Der Morgenstern.

Das Problem Jesus

Der titelgebende Morgenstern und ein Motto aus der Offenbarung des Johannes, der Apokalypse, eröffnen den theologischen Horizont des Romans. Die Konkordanz zur Lutherbibel weist sechs Bibelverse nach, in denen das Wort auftaucht. Sie legen widersprüchliche Deutungen nahe, der Morgenstern steht nicht nur für Jesus, sondern auch für den Teufel. Egil, einer der Protagonisten, der im privilegierten Stand des Erben in der norwegischen Natur lebt wie Hieronymus im Gehäus, denkt nicht erst über diese Deutungen nach, seit ein heller unbekannter Stern am Augusthimmel über ihm und den anderen Figuren aufgegangen ist. Dieser für alle sicht-, aber nicht erklärbare Stern, der an den sich auf die Erde zubewegenden Planeten aus Lars von Triers Melancholia erinnert, lässt sich nicht eindeutig als gutes, schlechtes oder zufälliges Zeichen ausmachen. Doch wie in Melancholia herrscht im Roman von Anfang an eine latent unheimliche Atmosphäre. Knausgård erzielt sie unter anderem über den nicht sonderlich raffinierten, aber wirkungsvollen Einsatz von Adjektiven. Arne, der Literaturwissenschaftler, Familienvater und Mann einer psychotischen Künstlerin, sinniert im ersten Kapitel: „Der plötzliche Gedanke, dass die Jungen hinter mir im Haus lagen und schliefen, während sich die Dunkelheit aufs Meer senkte, war so friedvoll und freundlich, dass ich bei ihm verharrte.“ Mit Mitte vierzig steht er zwar „mitten im Leben“, hat aber den Punkt erreicht, von dem aus die Uhr rückwärts läuft: „Jetzt mochte ich den August am liebsten. Oh, August, du mit deiner Dunkelheit und Wärme, deinen süßen Pflaumen und deinem sonnenversengten Gras! Oh, August, du mit deinen todgeweihten Schmetterlingen und zuckerbesessenen Wespen!“

Solche Sätze verfehlen zwar eine gewisse Wirkung nicht, machen aber deutlich, welch pathetischer Ton hier angeschlagen wird. In diesem Ton werden dann auch vom Roman verhandelte Fragen durchdekliniert: Darf und soll man glauben, und wenn ja, woran? Wie bedingen sich Wissen und Glauben? Schickt Gott den Menschen Zeichen wie den Morgenstern, die sie deuten können? Oder ist der Stern, ähnlich wie der Mensch, lediglich eine Laune des Universums? Ist das Ende nah? Wie hängen Leben und Tod zusammen? Was geschieht nach dem Tod?

Der Morgenstern fährt ein gigantisches Arsenal an Kontexten, Gegenständen, Gesten, Dialogen auf, die direkt oder indirekt um diese Fragen kreisen: Angefangen bei dem Stern über todgeweihte Schmetterlinge bis hin zu Myriaden von Krebsen, die ihre Richtung verloren haben, ahnt man, dass die Welt aus den Fugen ist. Die Musiker einer Rockband, die Jesus als Menschen und nicht als Sohn Gottes aufgefasst haben, werden brutal ermordet und gehäutet. Zerfall, Krankheit, Wahnsinn und Tod lauern überall.

Anders als in den autofiktionalen, monologischen Büchern Knausgårds kommt dabei durch die wechselnde Figurenrede Bewegung in den Text. So geht man trotz mancher Langatmigkeit und Banalitäten eine ganze Weile bereitwillig mit in die Irre und in das Trübe und Andeutungsvolle des Geschehens. Auch das probate Mittel, Kapitel mit einem Cliffhanger enden zu lassen, fesselt zunächst die Aufmerksamkeit. Doch spätestens als nach gut der Hälfte des Romans Egil mit Nietzsche und Kierkegaard das „Problem Jesus“ erörtert, wenn über Reflexionen auf das Christentum, auf Freiheit, Leben und Tod in einer kruden Mischung aus Nonchalance und Dringlichkeit der Gang ins Totenreich angebahnt wird, den Egil gegen Ende des Romans in seinem Essay Über den Tod und die Toten unternimmt, zeigt sich: Hier ist eine Erzählinstanz am Werk, die Zweifel und Nichtwissen-Können ausstellt, unentwegt redet und fragt, sich dabei aber in Halbwahrheiten und Andeutungen flüchtet.

Versatzstücke der Gegenwart

Und als sei dem nicht genug, wird die endzeitliche Atmosphäre, die das Motto vorgibt – ein Vers aus der Offenbarung des Johannes: „Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, sie werden begehren zu sterben und der Tod wird vor ihnen fliehen“ –, dadurch illustriert, dass Begegnungen zwischen Lebenden und Toten erzählt werden. Kathrine etwa, die Pfarrerin, Mitte dreißig, beerdigt einen einsamen Mann, den sie vorher am Flughafen getroffen hat und mit dem sie in einer Maschine war. Vor der Beerdigung erfährt sie, dass der Mann zum Zeitpunkt des Treffens bereits tot war. Diese Begegnungen mit den lebenden Toten in der Welt und Zwischenreichen rütteln allerdings, entgegen einer Absicht des Romans, kaum an gegenwärtigen Vorstellungen von Leben und Tod. Die Art ihrer Schilderung erinnert an die Esoterik der Romane von Marion Zimmer Bradley, die allerdings vor Jahrzehnten ebenfalls ein literarischer Superstar war. Doch während Zimmer Bradley in ihren Romanen die Handlungsfäden immer wieder zusammenführte, macht sich Der Morgenstern bei allem megalomanischen erzählerischen Aufwand nur wenig Mühe, die losen Enden, die im Roman gesponnen werden, die disparaten Versatzstücke aus Gegenwart, Erinnerung, Kulturgeschichte des Todes und Endzeitraunen plausibel zusammenzuführen. Er lässt einen letztlich in ebenjenem Nebel stehen, in dem sich auch Egil im Totenwald verirrt.

Info

Der Morgenstern Karl Ove Knausgård Paul Berf (Übers.), Luchterhand 2022, 896 S., 28 €

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Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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