Streaming ist die neue Lesung

Literatur Die Coronakrise ist für Autoren eine außerordentliche Chance, die Onlinewelt zu erobern und in ihr den Hauptwohnsitz aufzuschlagen.
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Die Coronakrise hat für Schriftsteller und Künstler ein immenses Loch aufgerissen. Theater sind geschlossen, Konzerte fallen aus, Ausstellungen werden verschoben, sämtliche Lesereisen von Autoren finden nicht mehr statt. Besonders für Einzelkünstler ist die Situation trotz Hilfen sehr problematisch. Und das fehlende Publikum tut einfach nur weh. Die Folge ist, dass sich zur Zeit viele Autoren Sorgen machen, wie sie ihr Leben bestreiten können. Corona geht an die Existenz.

Und dennoch, die Coronakrise ist für Schriftsteller eine außerordentliche Chance, von neuen digitalen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, die Onlinewelt zu erobern und in ihr womöglich den Hauptwohnsitz aufzuschlagen.

Die diesjährige Frankfurter Buchmesse - weitestgehend eine Online-Messe - hat vorerst nur eine magere Idee davon vermittelt, welche Chancen Online-Formate eröffnen. Es ist, wie die amerikanische Schriftstellerin Kate Reed Petty in einem Blogpost schreibt, „an der Zeit, mit dem Experimentieren zu beginnen - und zu versuchen, radikal neu zu erfinden, was ein ‚Buchevent‘ sein kann in diesem radikal anderen Jahr".

Ein lehrreiches Beispiel können Autoren sich an Gamern nehmen, die als Digital Natives von Beginn an online waren. Für Autoren ist das eine vielversprechende Wahlverwandtschaft, denn in der Gamer Community spielt das Storytelling eine ebenso zentrale Rolle. Das hängt nicht nur an den Spielen selbst, wie zum Beispiel The Last of Us, einem Computerspiel, das die Spielenden durch eine komplexe Handlung mit tiefen Charakteren führt. Es zeigt sich auch in der Weise, wie Gamer sich über Computerspielen vernetzen. Sie tun dies auf Plattformen wie Discord, Twitch, Teamspeak oder natürlich über Youtube. Live-Streamer wie MontanaBlack, Anni The Duck oder Trymacs machen vor, wie sich ein Publikum dynamisch - und gewinnbringend - aufbauen lässt. Das Publikum ist hier aber gar nicht mehr nur ein Publikum, sondern Netzwerk und Fanbase zugleich.

Eingebetteter Medieninhalt

Trymacs im Realtalk mit seiner Community

Es spricht nichts dagegen, dass Autoren diese digitalen Möglichkeiten nicht nur selbst ergreifen, sondern auch von ihren Verlagen einfordern, die nur allzu oft glauben, mit einer Website und einem Verlagsnewsletter sei der Onlinewelt Genüge getan. Blogs und Podcasts sind da nur der Anfang. Streaming ist die neue Lesung. Aktuell sind Schreibstreams der heiße Scheiß. Auch Videocalls lassen sich streamen und können zur nachträglichen Sichtung recorded werden. Autoren können sich online mit ihren Lesern zum Realtalk treffen. Online-Lesungen auf Youtube oder Twitch erlauben Followern, ad hoc Kommentare zu schreiben, auf welche die Autoren ebenso ad hoc reagieren und Beziehungen aufbauen können. In den Shownotes wird problemlos zu Büchern im Online-Buchladen der Wahl verlinkt. Leser lassen sich vorab mit Preprints teasern. Codes erlauben der Fanbase Zugriff auf Zusatzkapitel.

Auch über Aktivitäten wie der Langen Nacht des Schreibens oder dem NaNoWriMo (National Novel Writing Month), einem Massenschreiben, bei dem in einem Monat ein Werk von mehr als 50.000 Wörtern zu schreiben ist, vernetzen sich Autoren auf sozialen Netzwerken untereinander und mit ihrer Community. In Shared Documents können Autorenkollektive kollaborativ an Texten schreiben oder sich im seriellen Erzählen erproben, einer Erzählform die sich gerade massiv von Streaming-Diensten in die Literatur zurück überträgt. Fast möchte man von einem seriellen Erzählhabitus sprechen. Der amerikanische Online-Verlag Serial Box macht vor, wie Netflix-Sehgewohnheiten sich auf serielle Online-Lektüre übertragen lassen. Und was spricht dagegen, wenn Autoren sich nicht nur mit ihren Lesern vernetzen, sondern auch untereinander gemeinsame Writers‘ Rooms schaffen? Und Online-Tools, um Virtual Book Signings zu veranstalten, lassen sich ebenso finden.

Die Coronakrise trifft die Literaturlandschaft hart. Aber Krisen sind Katalysatoren und Innovationsbeschleuniger in einem. Wer sich vor Corona mit der Onlinewelt schwer getan hat, wird es nach der Pandemie noch schwerer haben. Wer aber jetzt die neuen Online-Formate entdeckt und mitgestaltet, wird aus der Krise gestärkt hervorgehen. Als UNESCO City of Literature kann Heidelberg hier eine herausragende Rolle spielen.

belmonte ist Co-Sprecher der Autorinnen und Autoren der UNESCO City of Literature Heidelberg. Sein Versepos Junas Lob ist 2018 im Brot & Kunst Verlag erschienen.

16:50 05.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

belmonte

Autor, lebt in Heidelberg, betreibt den Blog VNICORNIS und ist Co-Sprecher der Autorinnen und Autoren der UNESCO City of Literature Heidelberg.
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