„Friedlich ist nicht besser“

Interview Alexander Sedlmaier analysiert Formen radikaler Konsumkritik. Der Begriff an sich sei schon falsch, sagt er

Sein Buch heißt Konsum und Gewalt – Radikaler Protest in der Bundesrepublik, darin zeichnet der Historiker Alexander Sedlmaier die Entwicklung der Konsumkritik in der Bundesrepublik nach – vom ersten Kaufhausbrand, von Ladendiebstählen, Schwarzfahrerei und Boykott bis zum Häuserkampf in den 1980er-Jahren. Die Frage ist, was haben die Proteste heute mit uns zu tun?

der Freitag: Herr Sedlmaier, vergangenes Jahr wurde bei den G20-Protesten in Hamburg auch ein Supermarkt geplündert. Es erinnerte an die Traditionen der Sechziger- und Siebzigerjahre.

Alexander Sedlmaier: Ich sehe da eher eine Kontinuität. Man kann eine stetige Linie von Protestereignissen erkennen, die sich in sogenannten Scherbendemos, im Zerschlagen von Scheiben, in dem, was verkürzend Randale genannt wird, äußerten – also in Aktionen gegen Symbole des Konsums, die auch in einer gewissen Spannung zur nach wie vor schwierigen Aneignung des Bedarfs standen. Das hatte seine Konjunkturen und war mit der Entstehung der Autonomen auch in den Achtziger- und dann in den frühen Neunzigerjahren wichtig.

Eine Kontinuität, die in Ihrem Buch eine große Rolle spielt, ist die des Warenhauses.

Das Warenhaus ist ein Symbol der Konsumgesellschaft – ein etwas problematischer Begriff für eine Gesellschaft, die von einer gesteigerten Bedeutung des Konsums gegenüber der Produktion, also der Herstellung von Waren gekennzeichnet ist. Die Symbolkraft geht aufs Kaiserreich und auf die Zwanzigerjahre zurück, als Warenhäuser als Kathedralen des Konsums inszeniert wurden. Später, im Kontext des Kalten Krieges, war gerade das West-Berliner Kaufhaus ein wichtiges Symbol für die vermeintliche oder reale Überlegenheit des westlich kapitalistischen Systems über seine Konkurrenten auf der anderen Seite der Mauer.

Sie beginnen Ihre Analyse Ende der Fünfzigerjahre und in den frühen Sechzigerjahren. Es gibt Flugblattaktionen, später werden auch Brände in Kaufhäusern gelegt. War das der Auftakt einer „radikalen“ Konsumkritik?

Die erwähnte Tradition begann in dieser Zeit. Natürlich gab es in vorigen Jahrhunderten Formen der Konsumkritik. Konsum ist ein so zentrales Phänomen, dass in jeder Gesellschaft in der Reflexion über Werte des Wirtschaftlichen natürlich auch Konsum und Konsumtätigkeiten kritisch beleuchtet werden. Allerdings versuche ich, den Begriff der Konsumkritik durch die Einführung des Begriffs der „Versorgungsregime“ zu umgehen.

Was meinen Sie damit genau?

Der Begriff der Konsumkritik ist missverständlich. Denn es wird nicht der Konsum an sich kritisiert, die Kritiker konsumieren ihrerseits und tun das auch gerne. Das wurde und wird ihnen oft als vermeintliche Widersprüchlichkeit ausgelegt. Doch es geht um die Kritik an einem besonderen System des Konsums, das zugunsten eines anderen, weniger zerstörerischen, besseren oder – heutzutage – ökologischeren überwunden werden sollte. Das Konsumieren an sich ist eine sehr offene Sache.

Inwiefern?

Wie man einen Gegenstand konsumiert ist nicht determiniert. Man kann die Bild-Zeitung verbrennen, lesen oder sich den Hintern damit abwischen – das kann jeder frei entscheiden. Worauf man aber nicht ohne Weiteres Einfluss hat, ist das Produktionssystem, das kulturelle, das soziale System, das dahinter steht. Dabei geht es nicht nur um das Wirtschaftssystem – ob nun Kapitalismus oder Kommunismus –, sondern auch um die Bedingungen innerhalb dessen. Der Begriff der Versorgungsregime soll gerade die Dimension von Macht und Gewalt in der Herausbildung und Aufrechterhaltung dieser Systeme und ihrer Abgrenzung sichtbar machen.

Zur Person

Alexander Sedlmaier, Jahrgang 1969, lehrt Modern History an der Universität Bangor in Wales. Sein Buch Konsum und Gewalt – Radikaler Protest in der Bundesrepublik (463 Seiten, 32 Euro) ist in diesem Jahr im Verlag Suhrkamp erschienen

Foto: Aimee Pritchard Robinson/Suhrkamp Verlag

Sie denken Gewalt und Versorgungsregime sowie die Kritik daran zusammen …

Ich glaube, es gibt eine intrinsische Verbindung zwischen Konsum und Gewalt. Immer wenn konsumiert wird, ergeben sich im gesellschaftlichen Zusammenhang Fragen: Wer darf konsumieren? Bleiben manche davon ausgeschlossen? Der norwegische Soziologe und Philosoph Johan Galtung hat in diesem Zusammenhang den Begriff der strukturellen Gewalt geprägt. Wenn man im Kaufhaus etwas einsteckt, was man gerne haben will, wird man verfolgt. Dann hat man es zunächst mit einem Ladendetektiv zu tun und dann mit Polizei und Justiz, dem staatlichen Gewaltmonopol. Im globalen Wirtschaftssystem gibt es analoge Verteilungskämpfe und Machtverhältnisse, die Teile der Welt von der Entwicklung moderner Konsumgesellschaften ausschließen.

Weshalb spielten Konsumkritik und Gewalt in der Studentenrevolte der 68er-Bewegung eine solche Rolle?

Damals konnten Kapitalismus und Kommunismus als konträre Systeme erstmalig über einen längeren Zeitraum existieren. Dieses Gepräge halte ich für den entscheidenden Grund, warum sich die Konflikte sowohl global als auch lokal in den späten Fünfzigern und dann in den Sechzigerjahren verstärkt zuspitzten.

Radikaler Protest ist letztlich auch eine Form von Gewalt, sagen Sie?

Ich möchte aufzeigen, dass die Genese von Gewalt doch meistens eine sehr komplexe Angelegenheit ist. Am Beispiel der Fahrpreisproteste kann man sehen, wie aus den relativ harmlosen Sitzblockaden 1966 in Köln Gewalt wurde: mit Wasserwerfern, berittener Polizei und dem berühmten Laepple-Urteil. Das aus heutiger Perspektive friedlichen Blo-ckieren wurde juristisch als Gewalt gedeutet. Darauf wurde mit Gewalt geantwortet. Akteure wie Polizei und Springerpresse sowie Radikalisierung oder Militanz spielen eine Rolle, das ist ein komplexes Gemisch, das man nicht einfach auf die Aussage reduzieren kann, alles wäre besser, wäre man friedlich geblieben.

Gleichzeitig hat die Gewaltfrage die Bewegung auch gespalten

Auf jeden Fall, ja.

Was wäre gewesen, wenn die RAF nicht zu Mitteln des Terrors gegriffen hätte?

Darüber kann man sich Gedanken machen. Allerdings ist Gewalt ein derart omnipräsentes Phänomen – historisch und auch in unserer Gegenwart –, dass man sich etwas vormacht, wenn man eine Facette der Gewaltgeschichte derart vergrößert. Gewalt wird an so vielen Fronten ausgeübt – manifest wie latent oder diskursiv. Und damals wie heute war Gewalt nun mal ein Phänomen der Zeit. Daraus will ich auf keinen Fall ableiten, dass es eine gute Idee war, in der Bundesrepublik die Waffe in die Hand zu nehmen. Aber man macht es sich auch zu einfach, wenn man argumentiert, die Protestbewegung hätte ihre Ziele erreicht, wenn die RAF das mal gelassen hätte.

Sie beschreiben, dass die RAF, insbesondere Ulrike Meinhof, den konsumkritischen, theoretischen Ansatz sehr bewusst gesucht hat.

Die RAF wird meistens vom Deutschen Herbst her wahrgenommen. So bleibt gerade die Übergangsphase zwischen den späten Sechzigern bis zur ,Mai-Offensive‘ etwas im Dunkeln. Der Vietnamkrieg ist ohne Frage wichtig für die RAF. Doch ich halte den Fokus auf Konsum und auf Fragen von Sozialen Bewegungen für ein ebenso wichtiges Standbein.

In den Achtzigerjahren war es zum Beispiel der Häuserkampf, der ähnliche Mittel des aktiven Nicht-Gehorchens wählte.

Richtig. Doch es war nicht nur das Nicht-Gehorchen, sondern auch das politische Problematisieren von Wohnraum als Konsumgut, als Marktgegenstand – wieder mit den entsprechenden einhergehenden Konflikt- und Gewaltphänomenen. Ebenso wichtig war jedoch die globale Ebene, der Dritten-Welt-Solidarität. Sie schlug sich auch in Boykott-Aktionen – gegen Südafrika, Nestlé, McDonalds oder Shell – nieder. Insofern sind Gentrifizierung und Globalisierung zentrale Begriffe, die seinerzeit zwar so gut wie nicht benutzt wurden, aber die spätere Auseinandersetzung ist durch diese Vorläufer stark geprägt.

Ist nicht auch die Auseinandersetzung mit diesen Themen und Konsumkritik längst selbst ein Konsumprodukt geworden?

Ja, das ist ein Problem. Andererseits stellt wirkliche Kritik die Cui bono-Frage. Es wird spannend, wenn man aufzeigt, wie Machtverhältnisse und Interessenverhältnisse Einzug in die Politik und ins Soziale halten, und wie sich politische Handlungsspielräume oder politisches Bewusstsein über Verteilungsfragen und Ungleichheit mobilisieren lassen. Zumindest die Möglichkeit, das auch intellektuell zu tun, wird keine Kommodifizierung je gänzlich abgraben.

06:00 22.05.2018

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