berlino1010
14.10.2015 | 14:44 8

Wie sie wurde, was sie ist

Unsere Welt Schon nach den ersten Seiten beginnt man zu spüren, zu erfahren und zu verstehen, was und warum heute in unserer Welt passiert.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied berlino1010

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Mit jeder Seite fügen sich die Ereignisse der Geschichte und Gegenwart von unzusammenhängenden Fragmenten zu einem überschaubaren Mosaik und am Ende des Buches zu einem erklärendem Funktionssystem unserer Welt zusammen.

Es wird klar, dass die täglich erlebten - für das Menschen- und Gemeinwohl schädlichen - Wahnsinne sinkender Wohlstand, Sozialabbau, Überschuldungen, Hungersnöte, weltweite Destabilisierungen, Kriege und Bürgerkriege, Flüchtlingsströme, Ressourcenvernichtung und Naturzerstörungen weder unabänderliche Naturkatastrophen noch vorübergehende Folgen einer Verschwörung böser, perverser Menschen, Institutionen oder Länder sind, sondern zwangsläufige, dauerhafte Folgen eines sich über die Jahrhunderte entwickelnden Systems, das seine Herrschaft mittels physischer, ökonomisch-sozialer aber auch ideologischer Gewalt, mittels Belohnungs- und Bestrafungs-Automatismen - quasi evolutionär und mittlerweile fast ganz verselbständigt - auf alle Bereiche unserer Gesellschaft und die ganze Welt - einer führerlosen Maschine gleich - ausgedehnt hat und weiter ausdehnt.

Alles ist auf die maximale Akkumulation von Kapital ausgerichtet, auf Wachstum und Renditen für wenige, bei zwangsläufig sinkendem Wohlstand sowie steigenden Krisen- und Kriegsgefahren für die Mehrheit der Menschen. Alle Bereiche unserer Gesellschaft von der Bildung und Wissenschaft, über die Medien, das Militär bis hin zur Wirtschaft und Politik wurden über Jahrhunderte einseitig auf diese Funktion ausgerichtet und nahezu komplett von störenden Einflüssen der Demokratie, politischer oder gewerkschaftlicher Kontrolle oder gemeinschaftlicher Widerstände bereinigt. Stattdessen wurden in dieser Megamaschine Menschen geschaffen, die sich viel weniger an gemeinschaftlichen, sozialen, sondern viel mehr an individualisierten Werten wie Wettbewerb und Effizienz orientieren, um in diesem System bestmöglich zu funktionieren. Menschen, besonders Eliten, die bereit gemacht und trainiert werden, persönlich, im Kleinen, ganz selbstverständlich zum Eigennutz auf Kosten und zum Schaden von Mitmenschen zu leben, so wie es die Megamaschine im Großen auf Kosten der Natur, der Allgemeinheit, anderer Kontinente, Länder und Völker tagtäglich vollzieht.

Am Ende des Buches versteht man sehr klar, wie der Wahnsinn in unsere Welt kam und warum er durch die Mechanismen der Megamaschine weiter angeheizt wird, obwohl die Krisen und Katastrophen offen liegen und sich ständig weiter verschärfen.

Trotz vieler, schwer verdaulicher und desillusionierender Erkenntnisse fühlt man sich am Ende aber nicht mehr verständnis- und machtlos, sondern bereit für einen neuen Anfang. Die Wege, wie wir Menschen uns von der meist unsichtbar gemachten Herrschaft dieser Maschine und der Macht ihrer mechanisierten Gewalten wieder befreien können, liegen auf dem Tisch. Es bedarf einer zweiten Epoche der Aufklärung, einer Epoche der Emanzipation, der Sozialorientierung und Reaktivierung tatsächlich demokratischer Entscheidungen für das Menschen- und Gemeinwohl, anstelle für diese Ziele schädlicher Fremdbestimmung durch wirtschaftliche, politische und mediale Machteliten, die die wachsenden Krisen und Katastrophen, die Zerstörung des Planeten, die schädlichen Entwicklungen für immer mehr Menschen durch die Megamaschine nur noch mit gigantischen Propaganda-Manipulationen vernebeln können.

Jimmy Carter, 39. Präsident der Vereinigten Staaten, konstatierte September 2015 bei Oprah Winfrey, die USA seien keine Demokratie mehr, sondern eine Oligarchie mit endloser politischer Korruption. Das gilt für alle Staaten, in denen die Logik der Megamaschine über das Menschen- und Gemeinwohl hinweg regiert. Es ist an der Zeit, die Mechanismen und die Herrschaft der Megamaschine ausser Kraft zu setzen, bevor sie uns an die Wand fährt.

Fabian Scheidler

Das Ende der Megamaschine

Geschichte einer scheiternden Zivilisation

Promedia Verlag Wien

ISBN 978-3-85371-384-6, br., 272 Seiten, bebildert, 19,90 Euro

E-Book: 15,90 Euro

http://www.megamaschine.org/

https://www.facebook.com/megamaschine

http://www.counter-images.de/megamaschine/megamaschine-lesereise.html

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (8)

h.yuren 14.10.2015 | 16:14

lieber berlino,

danke für den literaturtipp.

aber es fehlt nicht an erklärungen für den zustand der welt heute. was fehlt, ist ein plan, aus diesem irrenhaus herauszukommen.

eigentlich gehört ja beides zusammen, die deutung der geschichte und die wegweiser aus dem taumel der irrenden.

das erfolgsrezept der machtkranken war und ist, auf wachstum zu setzen, auf mehr macht, geld, dividenden. der dem zugrunde liegende trick ist die vergrößerung der hebel bis ins gigantische. bei gleichzeitiger minimierung der kontrollen.

wenn diese entwicklung einfach umzudrehen wäre, hätten wir den ausweg aus der kolossalen krise zumindest als idee. das ist aber zu wenig.

wir können nur hoffen auf grandiose fehlewr der macher und auf eine bewegung, die unabhängig von den machtkranken um die welt geht wie seinerzeit in indien der buddhismus. dadurch ließe sich der popanz von innen her aushöhlen und erledigen.

30sec 14.10.2015 | 21:03

Herzlichen Dank für den Buchtip!

Die Grundfrage: Wie kann es in einer globalen Gesellschaft gelingen, für eine möglichst großen Zahl von Menschen möglichst erträgliche Verhältnisse zu schaffen?
Wer den Menschen verändert im Sinne einer differenzierten Ethik, einer vervollkommneten Moral, einer Schärfung des sozialen Gewissens, der verändert auch die Gesellschaft?
Oder umgekehrt? Erst die Veränderung der Gesellschaft läßt einen neuen Menschen mit oben genannten Eigenschaften entstehen?

Auch die Gesellschaft, die soziale Gerechtigkeit verwirklicht und den Spielraum der persönlichen Freiheiten nicht spürbar beschnitten hätte, könnte nicht alle Wünsche der Menschen erfüllen und die Bedingungen seiner Existenz aufheben.
Gerechtigkeit ist kein Zustand sondern ein Ziel, darum ist sehr wohl eine Gesellschaft denkbar, in der nicht Profitmaximierung als Erstrebenswertestes und der Massenverbrauch von Ressourcen und Waren nicht als Gradmesser der Zivilisation gilt.


Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abschaffen - aber schafft man damit die Herrschaft des Menschen über den Menschen ab?
Wie könnte die freiere Gesellschaft organisiert werden?

Mal schauen, welche Vorschläge das Buch bietet.

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Ehemaliger Nutzer 14.10.2015 | 21:26

Einer von tausenden Bücher die nur zum Einschläfern helfen..

Die Antwort auf die Lösung ist ganz einfach, aber wenn keiner es wissen will!

Die Erde ist ein vollkommener Lehrer, das den Menschen und anderen Wesen mit all seinen dem Wesen unwürdigen Verhältnissen errinert, wie ein Seinssraum für ein würdiges Leben sein muss, und zwar für alle Wesen die darin Leben.

'Die Erde ist eine Brücke über die man schnell rüber muss, haltet nicht um es zu reparieren.'..arab.SW.

berlino1010 15.10.2015 | 12:36

aber es fehlt nicht an erklärungen für den zustand der welt heute. was fehlt, ist ein plan, aus diesem irrenhaus herauszukommen.

Das ist natürlich richtig. Aber dieses Buch liefert neue Erkenntnisse über die Funktionsweise des Irrenhaus als system, Maschine. Erst wenn wir es richtig verstehen, analysieren, lassen sich die richtigen Schlußfolgerungen zur Transformation ziehen. Ich fühle mich nach diesem Buch besser gerüstet.

Das letzte Kapitel versucht, Pläne zu dieser Transformation zu ermöglichen.

w.endemann 15.10.2015 | 17:01

Emotional kann man dem rezensierten Text und der interpretierenden Rezension nur zustimmen. Dennoch möchte ich etwas genauer hinschauen und da ist doch einiges erklärungsbedürftig.

Was hier als Megamaschine beschrieben wird, hat man bisher mit guten Gründen (und wird auch hier oft) System genannt, einen sich automatisch herstellenden Gleichgewichtszustand des Sozialen, der keines bewußten Subjekts bedarf. Eine Maschine funktioniert auf eine (scheinbar) sinnvolle Weise, ebenfalls ohne daß sie Bewußtsein und Willen hat. Die liegen aber im Fall der Maschine außerhalb in einem sie konstruierenden und nutzenden bewußten Willenssubjekt. Die Maschine ist ein Werkzeug. Wenn die Metapher von der Megamaschine die Herrschaftsmechanik beschreibt, gibt es neben dem kleinzahligen Täterkreis des Herrschaftssubjekts die große Zahl der Opferobjekte, das ist die klassische Klassengesellschaft. Ich werde nun nicht behaupten, die Systemperspektive sei die einzig richtige, der Klassenkampf eine haltlose nostalgische Projektion, aber für realistischer halte ich die erstgenannte Sicht schon.

Sie können sich wohl weniger deutlich für diese Sicht entscheiden. Der Blogtext faßt die unzusammenhängenden Fragmente zu einem erklärenden Funktionssystem unserer Welt zusammen, das sich ohne verschwörerische, böswillige Eingriffe von Menschen zwangsweise über die Jahrhunderte entwickelt hat, mittels dem, was man strukturelle Gewalt zu nennen pflegt. Er bezeichnet das System als führerlose Maschine. Maximale Akkumulation ist die Logik des Kapitals. Dann wird aber dem System, wie mir scheint, ein Willen oder eine Intention zugeschrieben, was dann mit dem Herrschaftswillen einer Klasse identifiziert wird:

Alle Bereiche unserer Gesellschaft von der Bildung und Wissenschaft, über die Medien, das Militär bis hin zur Wirtschaft und Politik wurden über Jahrhunderte einseitig auf diese Funktion ausgerichtet. (Hervorhebung von mir)

Es ist die ursprünglichste Form der Beschreibung des Kapitalismus, daß sich systematisch hinter dem Rücken der beteiligten Akteure ein geordneter Zustand einstellt, der als ein wohlgeordneter angesehen werden soll, nach Meinung der Befürworter der neuen Ordnung gesehen werden muß. So würden sich heute nicht einmal hardcore-Kapitalisten äußern, von allen anderen wird die Perspektive eher umgedreht, das Ergebnis aller Einzelaktionen ist ein stabiler, gleichwohl mißratener Zustand (das Ganze ist das Unwahre), selbst die größten Nutznießer des Systems, die sich unter der Decke die Hände reiben mögen ob der guten Geschäfte, geben zu, daß es nicht, vielleicht unvermeidlich nicht für alle gutläuft. Dann hört man oft noch, daß die Menschenwelt eben keine perfekte ist, wir leben nur in der besten aller möglichen Welten.

Ob angemessen oder nicht, diese Sicht ist naheliegend. Sie hat den großen Nachteil für die Vielen (und Vorteil für die Wenigen), daß sie fast verunmöglicht, Schuldige und unschuldige Opfer zu identifizieren. Sie faßt Gewalt als strukturelle, auch Sie sprechen von mechanisierten Gewalten. Aber natürlich sind Systeme keine handelnden Subjekte, das sind die Individuen, durch deren Handeln sich Systeme realisieren. Wenn sie die Systemlogik vollstrecken, sind sie Gefangene ihrer eigenen Denkmuster, Subjekt-Objekte, auch Sie reden zurecht von erzeugten, von bereit gemachten und trainierten Eliten, nicht von selbstermächtigten. Alle sind Subjekt-Objekte,freilich in unterschiedlicher Gewichtung, daher sehr unterschiedlich verantwortlich für das Ganze. Es gibt keine reinen Opfer, es gibt keine reinen Bösewichte, die Welt ist nicht schwarz-weiß. Sie muß als gemachte, und es muß der Anteil jedes Einzelnen daran begriffen werden. Das nützt den Nutznießern scheinbar nichts, denn sie können viel verlieren (obwohl auch ihre Emanzipation auf dem Spiel steht und es unter den Linken immer viele aus der gut ausgebildeten herrschenden Klasse gegeben hat und gibt). Entscheidend ist aber die Aufklärung, besser Selbstaufklärung der großen Mehrheit. Das geht nicht ohne schmerzliche Selbstkritik, und eine bessere Gesellschaft fällt einem nicht wie eine reife Frucht in den Schoß, sondern muß in einer mühsamen Transformation aus der alten herausgearbeitet werden.

Die Schwarzweißzeichnung des Kapitalismus sowie die Polarisierung der Gesellschaft in Täter und Opfer ist zwar unmittelbar vielleicht bei manchen mobilisierend, auf lange Sicht aber eher kontraproduktiv. Ich plädiere daher für eine realistische, wahrhaftige Darstellung des Kapitalismus, die seinen Doppelcharakter nicht verschweigt, und so verständlich macht, warum er trotz allem so viel Zustimmung erhält. Die ist sicherlich zu einem großen Teil der Manipulatuion geschuldet, jedoch auch Manipulation funktioniert nur auf Evidenzen, vermeintlichen Erkenntnissen. Sinkender Wohlstand, Sozialabbau, Überschuldungen, Hungersnöte, weltweite Destabilisierungen, Kriege und Bürgerkriege, Flüchtlingsströme, Ressourcenvernichtung und Naturzerstörungen sind zum Glück nur die halbe Wahrheit, zum Glück, weil, wenn das die ganze Wahrheit wäre, die Passivität der Massen alle Hoffnungen vernichten müßte. Aber die Armut ist nach dem aktuellsten Bericht der WHO zurückgegangen, und man erzähle mal einem Jugendlichen, daß früher ohne smartphone und elektrische Zahnbürste alles viel besser war. Die moderne Welt, die eine kapitalistische ist, hat nicht nur das effektivste militärische Zerstörungswesen, sondern auch das Bildungs-, Verkehrs-, Gesundheits-, Rechtswesen entwickelt, mag sein, daß das mit vielen Fehlern behaftet ist, aber geht es ohne? Ohne die riesige Unterhaltungsindustrie, die nicht nur die Leute da abholt, wo sie sind, sondern noch die krassesten Regressionsbedürfnisse bedient? Dafür, daß das alles auch gut genug anders geht, daß man auf manches verzichten kann und sollte, gibt es keine oder kaum Erfahrungen, der sogenannte Sozialismus hat kläglich versagt, rigide Ordnungssysteme wie der Faschismus haben in die Katastrophe geführt. Das sind Gründe der politischen Apathie mehr als genug. Hier müssen Antworten gefunden werden. Bessere und konkretere als die der linken Theoretiker in der Nachfolge von Marx kenne ich nicht.

w.endemann 15.10.2015 | 17:03

Wollen wir hoffen, lieber Helder, daß Marx auch da recht hat, der leicht abgewandelt meint, daß der Kapitalismus nicht nur den Irrsinn produziert, sondern auch die Vernunft zu seiner Beseitigung (oder die Bedingungen der Möglichkeit dazu).

Auf grandiose Fehler der Macher zu hoffen, halte ich für keine gute Idee, das ist zu gefährlich. Und eine pathologische Entartung des Systems muß unbedingt vermieden werden, das würde die Menschheit wahrscheinlich nicht überleben. Also bleiben wir lieber bei der Perspektive einer fortgesetzten oder zweiten (Selbst-)Aufklärung. Über die Rolle der Intellektuellen darin darf noch nachgedacht werden. Du hast recht, an Erklärungen über den Zustand der Welt mangelt es nicht, an einer konvergenten linken Ausrichtung schon. Das herrschende Durcheinander ist für die Adressaten weder attraktiv noch glaubwürdig.

berlino1010 15.10.2015 | 18:11

Vielen Dank!

Es ist eine berechtigte Kritik an dem Buch, dass es Errungenschaften weitgehend ausser Acht lässt, Bildung, Medizin, Kultur, auch erhöhter Wohlstand, .... Fakt ist aber auch, dass sich dies alles auf dem absteigenden Ast befindet, seit die auf Soziale Marktwirtschaft abzielende Politik der 70er, 80er Jahre abgelöst wurde.. Von Chancengleichheit sind wir weiter entfernt, ... dass Armut abnimmt glaube ich nicht, ... soziale Krisen wie in den PIIGS Staaten werden schärfer ... Medizin ... Rente ... und heute muss nicht nur Pispers konstatieren, dass durch die Verteilungs-Ungerechtigkeiten die meisten Menschen etwa soagr der DDR (bzgl. Wohnen, Bildung, Einkommen) besser gelebt haben als 30-40% in GR oder den USA.

Und es ist sicher nicht nur die Mediale Manipulation, die die Menschen vom Wunsch nach Transformationen abhält.

Es muss jeder entscheiden, wie er dem Strudel seines eigenen Hamsterrades entkommen kann. Und nicht aktiver Teil der Megamaschine wird.