Politiker, Twitter und die Macht von Social Networks

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Es war, wie wir heute wissen, ein 20-jähriger Student, der das Ende Horst Köhlers einleitete. Er hatte das Interview des Bundespräsidenten in Gänze gelesen und, weil er als Politikstudent manches unstimmig fand, den Inhalt bestimmter Passagen mit dem Grundgesetz verglichen. Nun musste er nach aller bisherigen Erfahrung davon ausgehen, dass die deutschen Massenmedien dies aufgreifen würden. Nur, es geschah nichts. Der Rücktritt des hessischen Regierungschefs Koch und dessen angekündigter Wechsel in die private Wirtschaft waren wichtiger. Wollte die deutsche Presse den Bundespräsidenten nicht wenigstens sachlich kritisieren? So griff der Student zur Eigeninitiative und informierte die Onlineredaktionen der Zeit, der FAZ und des Spiegel über die Passsagen des Köhlerschen Interviews, die grundgesetzwidrig waren und erwartete eine Reaktion. Gleichzeitig verwies er in social Networks auf das Geschehene. So trat er eine Lawine los, die eine Eigendynamik bekam und letztendlich zum Rücktritt des vorher bereits ziemlich isolierten Köhler führte. Soweit die reinen Fakten. Dass Politiker in der Welt des WWW zunehmend angegriffen werden, erleben wir in Deutschland immer wieder, beliebteste Gegnerin der Internetgemeinde ist ja "Zensursula" Ursula von der Leyen, die entsprechende Facebook Gruppe , die sich gegen ihre Nominierung als Präsidentschaftskandidatin wendet, verzeichnet regen Zulauf. Im Vorfeld der NRW Wahl gab es mehrere Blogs, die über die Skandale in der CDU berichteten. Welchen Einfluss sie auf das Wahlergebnis real hatten, sei einmal dahingestellt. Nur hatten soziale Netzwerke wie insbesondere Facebook noch nie eine solche Wirkung wie im Fall Köhler. Welche Möglichkeiten ergeben sich aber daraus, die öffentliche Meinung zu steuern? Weltweit agierende Organisationen wie beispielweise Aavaz.org nutzen das Internet schon lange, um schnell Millionen Unterstützer zu mobilisieren. Onlinepetitionen können so innerhalb weniger Stunden von vielen Menschen unterzeichnet werden. Auch der Student nutzte diese Wirkung des Internets und von Twitter aus und mobilisierte so in kurzer Zeit viele Interessierte. Ob er wirklich den Rücktritt des Bundespräsidenten wollte , wissen wir nicht, er äußert sich dazu auch nicht. Nur schaffte er es , dass viele politisch interessierte Menschen an die Redaktionen großer Zeitungen schrieben, weil sie sich darüber wunderteten, dass diese Äußerungen des ersten Mannes im Staat keine mediale Wirkung hatten. Was heißt das für die Zukunft? Ist es möglich, via Internet einen stärkeren politischen Einfluss zu erhalten? Ich sage mit der Einschränkung ja, dass ein gezieltes, bewusst geplantes Entfernen eines Politiker aus dem Amt ,ohne die "klassischen " Mittel der Denunzation und gezielten Verleumdung einzusetzen , auch mit einer Internetkampagne nicht möglich ist. Was aber ein gangbarer Weg ist, über eine breite Diskussion im Internet in die Politik einzugreifen, beispielsweise in die Diskussionen über die Gesundheitspolitik oder, wie wir effektiv abseits der jetzt von Politikern vorgeschlagenen Wege sparen können. Wenn hier über das WWW Druck aufgebaut wird, via Twitter konkrete Vorschläge verbreitet werden, dann könnte dies Wirkung haben und ein Teil einer Gegenbewegung zum ( be)- herrschenden Mainstream werden. So wie hier im Freitag bereits begonnen, brauchen wir eine virtuell und real breit vernetzte Diskussion über Wege in eine Zukunft abseits dessen, was uns die Bundesregierung als unausweichlich und ohne Alternative verkaufen möchte. Welche Wirkung das Internet haben kann, hat der Fall Köhler, vermutlich ungeplant, demonstriert, eine Anfrage an einflussreiche Massenmedien hat zum Rücktritt eines führenden Politikers geführt. Was hindert uns daran, diese Möglichkeiten jetzt auch auch gezielt zu nutzen?

04:36 03.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

rolf netzmann

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rolf netzmann

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