„Solange der Krieg wütet, scheint kein Dialog möglich“

Interview Wie geht es Theaterschaffenden in der Ukraine und in Russland? Birgit Lengers, Kuratorin des Festivals Radar Ost, kann Auskunft geben

Bereits letztes Jahr stand das Festival Radar Ost am Deutschen Theater Berlin unter dem Motto „Art(ists) at Risk“. Das Festival ist eine der wenigen Plattformen mit explizitem Osteuropa-Bezug in der deutschen Theaterlandschaft. Auf dem Programm standen Inszenierungen von Künstlerinnen und Künstlern aus Belarus, Russland, Bosnien und Herzegowina sowie der Ukraine – Thema war das Spannungsfeld von Kunst und Konflikt. Doch der russische Überfall auf die Ukraine hat alle bestehenden Probleme verstärkt und eskalieren lassen. Birgit Lengers, Kuratorin des Festivals, unterhält gute Kontakte in die Ukraine wie nach Russland und initiierte mit Stas Zhyrkov, dem Intendanten des Left Bank Theatre in Kiew, eine Absichtserklärung der deutschen Theater zur Unterstützung ukrainischer Künstlerinnen und Künstler. Sie wurde von über 100 Institutionen unterzeichnet.

der Freitag: Frau Lengers, Sie verfolgen seit Jahren das künstlerische Leben in der Ukraine. War der Krieg für Sie absehbar?

Birgit Lengers: Ich kann sagen, dass ich bis zum Schluss gehofft habe, dass es nicht zum Krieg kommen würde. Aber sowohl auf meinen regelmäßigen Reisen in die Ukraine als auch bei der Lektüre der Texte, die seit 2013, also seit den Maidan-Protesten und der Annexion der Krim, entstanden sind, konnte ich viele Eindrücke sammeln, die in eine andere Richtung weisen. Was damals publiziert wurde, wirkt heute so, als wäre es erst gestern geschrieben worden. Deutlich ablesbar wird hier das Gefühl, dass man sich in einem Kriegszustand befände. Somit ist die Invasion für mich nicht komplett überraschend gekommen.

Worum geht es in diesen Texten und Stücken?

Bad Roads („Zerstörte Straßen“) beispielsweise, ein Stück aus dem Jahr 2017 von Natalia Vorozhbyt, das auch im Oktober noch im Rahmen des Festivals Radar Ost bei uns zu sehen war, beschreibt die Reise einer Journalistin in die Ostukraine. Und schon in diesem Text wird ein Kriegszustand skizziert und das Schicksal der Menschen in den fragilen Grenzgebieten thematisiert. Überdies haben wir bei unserer ersten Solidaritätsveranstaltung am 1. März Texte und Gedichte, die ab dem Jahr 2003 erschienen sind, gelesen, die die Realität der ukrainischen Gegenwart vorwegnehmen. Im Gegensatz dazu haben wir im Westen all diese Anzeichen eigentlich zu spät wahrgenommen.

Sie kuratieren das internationale Theaterfestival Radar Ost. Wie ist es dazu gekommen?

Ein Radar ist ja ein Instrument zur Ortung und kann Metapher für eine gezielte Suchbewegung sein. Der Fokus „Ost“ hängt etwas mit der DNA des Deutschen Theaters zusammen. Noch heute – 33 Jahre nach 1989 – beschäftigen uns hier Träume und Traumata des Systemwechsels. Ziel des von uns ins Leben gerufenen Festivals waren ein intensiver Wertediskurs und ein kultureller Austausch mit der Zivilgesellschaft und den Künstlerinnen und Künstlern in Osteuropa. Ich werde es übrigens auch im Jahr 2023 wieder am Deutschen Theater kuratieren.

Welche Perspektiven auf die russische Gesellschaft sind in den Verlautbarungen der ukrainischen Künstlerinnen und Künstler zu beobachten?

Bemerkenswert ist für mich, dass etwa das besagte Stück Bad Roads zweisprachig, also in ukrainischer und russischer Sprache, gehalten ist. Dieses Zusammensein spiegelte ja lange auch die Lebenswirklichkeit der Menschen in der Ukraine wider. Das hat sich nun radikal verändert. Jetzt ist das Verhältnis zu ihren Kolleginnen und Kollegen sehr verhärtet und auch dogmatisch geworden. Sie wollen nicht mehr zusammen auf derselben Bühne agieren oder im selben Panel sitzen. Kurzum, solange der Krieg wütet, scheint kein Dialog möglich zu sein.

Wie stellt sich die aktuelle Situation der Künstlerinnen und Künstler in der Ukraine dar?

Sehr differenziert. In Mariupol findet momentan natürlich nichts statt. Am Welttheatertag am 27. März hatten wir bei einer Veranstaltung eine Live-Schalte dorthin. Eine Künstlerin schickte Sprachnachrichten, in denen sie berichtet, wie sie zu Fuß die Stadt zu verlassen versucht. Es geht dort also ums nackte Überleben. Aber es gibt auch andere Beispiele wie das ProEnglish Theatre in Kiew. Es bietet für Hilfesuchende einen Luftschutzraum. Zudem haben die Theatermacherinnen und Theatermacher auch ein im Unabhängigkeitsjahr der Ukraine, 1991, entstandenes Stück von Harold Pinter – The New World Order – geprobt und online zur Premiere gebracht. Es findet also noch immer kreatives Wirken statt, weil viele Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeit als ein Überlebensmittel ansehen.

Zur Person

Birgit Lengers, 51, Dramaturgin, Theaterwissenschaftlerin und Kulturvermittlerin, leitet am Deutschen Theater Berlin seit 2009/10 das Junge DT sowie seit 2018 den Bereich DT International. Sie ist Kuratorin des Theaterfestivals Radar Ost, das 2023 das nächste Mal stattfindet

Sie verfügen ebenso über Einblicke in die russische Szene. Wie schaut man dort auf den Krieg und den Nachbarstaat?

Auf den Kanälen, die noch nicht vom Putin-Regime blockiert sind, besteht noch immer ein Austausch. Dabei vernehmen wir, dass viele Theatermacherinnen und Theatermacher Russland verlassen haben. Zum einen aus Solidarität mit der Ukraine, zum anderen, weil nunmehr keinerlei Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung besteht. Es gibt übrigens nicht erst seit der Invasion rote Linien. Vorher schon herrschte ein Klima der kalkulierten Unberechenbarkeit. Siehe den Fall Kirill Serebrennikov, der zu einer Haftstrafe verurteilt wurde und seit Jahren von den russischen Behörden drangsaliert wird. Nun haben wir auch deswegen wieder seine Decamerone-Inszenierung ins Programm aufgenommen. Nach fünf Jahren hat das Gericht die Bewährungsstrafe nun endlich aufgehoben.

Kommen wir noch auf die deutsche Theaterszene zu sprechen. Was tut sich an unseren Bühnen?

Ich bin sehr positiv überrascht. Wir haben einen Letter of Intent mit dem Ziel verfasst, dass männliche Künstler die Ukraine verlassen dürfen. Wir haben dazu von einem dortigen Intendanten die Bitte erhalten, mindestens zehn hiesige Institutionen zur Unterstützung dieses Vorstoßes zu finden, und wir sind letztlich auf über 130 Unterschriften gekommen. Dass das nicht nur Lippenbekenntnisse waren, wurde klar, als wir von den Theaterhäusern teils sehr konkrete Rückmeldungen dazu bekamen. Manche wollen Residenzprogramme einrichten, also Künstlerinnen und Künstlern aus der Ukraine hier eine Zufluchtsstätte, Jobs und einen Raum für ihre Arbeiten bieten. Inzwischen wird übrigens vom Deutschen Bühnenverein und vom International Theatre Institute eine Website eingerichtet, wo genau diese Angebote eingestellt und problemlose Vernetzungsmöglichkeiten geschaffen werden können.

Das klingt ja sehr erfreulich.

Das stimmt. Was mir allerdings Sorgen bereitet, ist die Frage, wie lange diese Willkommenskultur anhält und wie lang unser Atem sein wird. Niemand weiß, wann der Krieg enden wird, und ich erinnere mich noch gut an den Umgang mit Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan. Es gab auch damals die Phase des Interesses, in der man sich ausdrücklich mit deren Hintergründen auf der Bühne befasst hat. Irgendwann gerieten diese Themen allerdings auch wieder aus dem Fokus. Daher wünsche ich mir, dass wir diesmal am Schicksal der Ukrainer dranbleiben und uns nicht nur auf vereinzelte Solidaritätsveranstaltungen oder auf das Anstrahlen unserer Häuser in den Farben der ukrainischen Flagge beschränken.

Nun verfügen die ukrainischen Künstlerinnen und Künstler über einen anderen kulturellen Hintergrund als wir. Was dürfen wir erwarten?

Sie bringen natürlich eigene Traditionen und ein besonderes Verständnis von Kunst mit. Gerade nach der Russifizierung und damit auch Unterdrückung der ukrainischen Kultur in der Sowjetzeit war das Bedürfnis vieler dortiger Theatermacher groß, ihre eigene, weit zurückreichende Kulturgeschichte wiederzuentdecken beziehungsweise zu bewahren. Ähnliches zeigt sich auch bei heutigen ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern, mit denen ich ins Gespräch komme. Bewahrung gegen das Vergessen, gegen das Auslöschen ist ein ganz wichtiges Anliegen.

Wie sollten wir mit diesen Bedürfnissen umgehen?

Ich finde es wichtig, dass wir unsere Bereitschaft zur Aufnahme und zur Zusammenarbeit nicht paternalistisch oder als Almosen begreifen. Wir sollten stattdessen das, was die zu uns Kommenden mitbringen, auch als Bereicherung betrachten. In der Begegnung liegt ja ein enormes Potenzial. Das sollten wir nutzen, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Mir geht es dabei vor allem darum, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

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