„Eine verlorene Welt“

Interview Die Dirigentin Oksana Lyniv evakuiert Nachwuchskünstler aus der Ukraine. Wie denkt sie über die Rolle der Kunst im Krieg – und über ihre russischen Kollegen?

Sie ist so etwas wie eine Kulturbotschafterin der Ukraine: Oksana Lyniv sammelte mit Tschaikowskis Klavierkonzerten erste Erfahrungen mit der klassischen Musik. Später folgten Studienaufenthalte, unter anderem in Lwiw und Dresden. Einem größeren Publikum wurde sie zunächst als Assistentin von Kirill Petrenko – damals noch in München – bekannt. Neben ihrem Wirken als Dirigentin engagiert sich Lyniv für die künstlerische Bildung junger Menschen. Unter anderem gründete sie 2017 nach Vorbild und mit Unterstützung des Bundesjugendorchesters in Deutschland das ukrainische Jugendsymphonieorchester für musikalisch hochbegabte Kinder und Jugendliche. In Italien ist sie zurzeit die erste Frau, die ein Opernhaus leitet, und arbeitet aktuell an einer Turandot-Inszenierung in Rom, wo wir sie erreichen.

der Freitag: Frau Lyniv, was erfahren Sie aktuell über die Situation der Künstlerinnen und Künstler in der Ukraine?

Oksana Lyniv: Die Situation ist sehr differenziert. Sehr viele erwachsene Männer geben ihre Kunst auf, um der Verteidigung des Landes zu dienen. Viele Frauen übernehmen Hilfstätigkeiten bei der Armee und in der Krankenversorgung. Wiederum andere versuchen mit Straßenkonzerten Statements abzugeben. Besonders besorgt bin ich persönlich um die jugendlichen Nachwuchskünstlerinnen und -künstler in der Ukraine.

Sie haben selbst vor einigen Jahren ein Jugendorchester – das Jugendsymphonieorchester der Ukraine – ins Leben gerufen. Wie steht es damit gerade?

Wir haben kurz nach dem russischen Einmarsch eine Zoom-Konferenz abgehalten, weil ich einfach wissen wollte, wie die jungen Musikerinnen und Musiker mit dieser beklemmenden Situation umgehen. Tatsächlich kam es kaum zu einem richtigen Gespräch. Alle paar Minuten schrieb eine oder einer von ihnen, die sich alle in verschiedenen Städten befanden, in den Chat, sie müssten nun wegen Fliegeralarm in den Keller flüchten. Der Krieg ist also ständig und überall präsent.

Und haben Sie trotzdem etwas über die individuellen Umstände erfahren?

Ja, ein Mädchen berichtete davon, dass ihre Mutter gerade ihren Bruder zur Welt bringen musste. Mittlerweile war das Haus in Charkiw allerdings so zerbombt, dass die Geburt nur noch in einem Korridor stattfinden konnte – und das noch im Beisein eines vierjährigen Kindes. Der Vater eines anderen Mitglieds des Orchesters wurde nun als Kriegsgefangener inhaftiert. Er war unter den 13 Soldaten, die von der Schlangeninsel aus Widerstand gegen ein russisches Kampfschiff geleistet haben.

Zur Person

Oksana Lyniv, geboren 1978 in Brody, Ex-Sowjetunion, ist eine ukrainische Dirigentin. Zuletzt fungierte sie als Chefdirigentin der Grazer Oper und dirigierte 2021 als erste Frau bei den Bayreuther Festspielen. Seit 2022 ist sie Generalmusikdirektorin des Teatro Comunale di Bologna in Italien

Kann man angesichts solcher Geschichten überhaupt noch etwas durch oder mit Kunst bewegen?

Ja, ich nutze all meine Ressourcen dafür. Aufgrund der Lage in der Ukraine habe ich ein neues Programm auf den Weg gebracht. Dadurch ist es nun möglich, junge Musikerinnen und Musiker – nicht nur aus meinem Orchester – nach Italien zu evakuieren. Hier können sie dann an einem Musikcamp teilnehmen, wo sie Anleitung von renommierten internationalen Professorinnen und Professoren erhalten. Zudem bietet man ihnen die Chance, bei kleinen Kammerkonzerten aufzutreten. Wir kümmern uns darüber hinaus um ihre weitere Zukunft, versuchen, Kontakte herzustellen und sie an Hochschulen zu vermitteln.

Was bedeutet für diese jungen Menschen, die nun traumatisiert sind, die Musik?

Musik stellt für sie den letzten Faden zu einer guten Vergangenheit vor dem Krieg dar. Sie bedeutet Frieden und steht für eine Welt, die derzeit verloren ist. Gleichzeitig verstehen sie die Musik als eine Sprache, mit der sie ihre Stimme erheben und zeigen können: Wir und die Ukraine leben noch. Musik erweist sich als eine unzerstörbare Kraft, die lauter und deutlicher wirken kann als alle Bomben und Maschinengewehre. Deswegen ist es gerade in dieser Lage so wichtig, weiterzumachen und nicht zu verstummen.

Nun sind ja auch Sie selbst eine wichtige Stimme, ja eine Kulturbotschafterin Ihrer Nation. Was können Sie aktuell bewirken?

Ich selbst habe gerade in Rom die Arbeit an einer Turandot-Inszenierung aufgenommen, bei welcher der chinesische Künstler Ai Weiwei, ein echter Verteidiger von Menschenrechten und Frieden, als Opernregisseur debütiert. Wir haben uns sogleich wunderbar verstanden. Vielleicht auch deshalb, weil wir beide Musik nicht nur als „L’art pour l’art“, als Selbstzweck, begreifen, sondern sie bewusst ins Verhältnis zum Hier und Heute setzen wollen. Musik verbinden wir beide mit Haltung.

Das klingt, als wüssten Sie schon sehr genau, wie man auf eine derartige Ausnahmesituation ästhetisch reagieren muss. Kamen Ihnen eigentlich nach den ersten Kriegsbildern auch Selbstzweifel?

Gerade kurz vor der Invasion überkam mich ein tiefes Gefühl der Verzweiflung. Es fielen noch keine Bomben, aber der Krieg lag schon in der Luft. Und für mich war so verstörend, dass die Welt bis dato nichts unternommen hatte. Alle sahen zu. Ich habe in diesem Moment wirklich gedacht, dass all diese Ideale des Westens samt denen der Europäischen Union und ihren demokratischen Bemühungen ein Schwindel seien.

Welche Rolle kann dann eine Künstlerin oder ein Künstler in diesen Tagen einnehmen?

Ich habe sehr intensiv über diese Frage nachgedacht. Und dann kamen mir all meine Lieblingskomponisten in den Sinn – also Bach, Wagner, Mozart, Mahler oder Beethoven. Was sie eint, ist die Fähigkeit, weit in die Zukunft zu schauen. Sie waren stets der Zeit und der Gesellschaft, in der sie lebten, voraus. Diese Fähigkeit sehe ich auch bei gegenwärtigen Künstlerinnen und Künstlern. Sie sind mit einer besonderen Sensibilität für kleinste Erschütterungen in der Gegenwart ausgestattet und haben viel mehr eine Idee vom Morgen als die meisten Politikerinnen und Politiker. Sie verkörpern so etwas wie das Gewissen der Menschheit, weil ihnen eine besondere Empfindsamkeit, Empathie und ein Gefühl für Ungerechtigkeit innewohnen.

Beziehen Sie diesbezüglich auch russische Künstlerinnen und Künstler ein? Und kann es mit ihnen aus Ihrer Sicht derzeit überhaupt eine Zusammenarbeit geben? Wir erleben ja gerade, dass der Druck auf viele prominente Künstlerinnen und Künstler – ich denke an Waleri Gergijew oder Anna Netrebko, die sich beide bislang nicht von Putin distanzieren wollten – enorm zugenommen hat.

Natürlich, aber denkbar sind meines Erachtens nur Kooperationen mit jenen, die sich vernehmbar gegen das Putin-Regime und den Krieg positionieren. Ihnen gilt auch mein Respekt. Sie sind nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch Vertreter einer Friedensordnung. Und gerade weil es aktuell, was mich sehr schockiert, so wenige gibt, die diesen Schritt tun, muss man diese auch entsprechend unterstützen.

Nachdem der Krieg nun alle Bereiche Ihres Lebens betrifft – von den Verwandten in der Ukraine bis hin zu Ihrem Engagement für Nachwuchsmusikerinnen und -musiker –, hat sich ja mental auch etwas in Ihnen verändert. Würden Sie dies als eine neue Politisierung sehen?

Was meinen Sie mit „politisch“? Ich sehe aktuell nichts Politisches. Ich sehe einzig ein Verbrechen gegen unschuldige Menschen, gegen unsere Werte und den Humanismus.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Verändern Sie mit guten Argumenten die Welt. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt kostenlos testen

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden