Das Wundermittel der Verlagshäuser: Das ipad

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Ich finde, dass das ipad ein witziges Gerät mit einem interessanten Ansatz zur Steuerung eines Betriebssystems ist.Man kann es überall hin mitnehmen und man kann massig Bilder und Dokumente speichern. Es lässt sich ganz gut mit ihm surfen und der Appstore ist für einen unbedarften Anwender sicherlich auch nicht die schlechteste Lösung. Aber im Moment wird es in dem ein oder anderen Verlagshaus als die Rettung aus der Auflagenschwäche gesehen. Bloß weil man damit Zeitungen per Knopfdruck öffnen kann und Apple dank dem geschlossenen Appstore dafür sorgt, dass die Verlage auch mit dem Lesen Geld machen, solange die Leute nicht einfach mit dem Safari-App (der Internetbrowser) die Internetseiten der Zeitungen ansurfen und sich dort die relevanten Informationen holen. Vielleicht schwingt dort der Wunsch mit, dass man irgendwann ganz auf einen ausufernden Webauftritt verzichten kann, der nur sehr wenige Geld in die Taschen spült, aber da es alle machen, muss man ja mitziehen. Das erstaunliche ist aber, dass es funktioniert damit Leser zu finden. So lese ich Artikel bei Zeitungen und Zeitschriften, die ich mir am Kiosk niemals kaufen würde, da ich deren Verlage oder Inhalte sicherlich nicht stützen möchte. Jetzt kommt aber ein anderes Problem, welcher Nutzer des Firefoxes surft denn noch ohne Adblock Plus (ein Werbeblocker)? Ich tu es nicht und die meisten Personen, die ich kenne, auch nicht. Also entgehen den Verlagen die Werbeeinnahmen für die geschalteten Anzeigen. Ich habe, wie auch die meisten Nutzer nichts gegen eine Bannerwerbung am Rand der Seite oder ein Werbefenster im Artikel, aber wenn man die Seite öffnet und einen erst mal zwei Popup-Fenster begrüßen und einem eine Lebensversicherung aufschwätzen wollen oder sich der neue Opel Astra quer durchs Bild schiebt, dann ist man ungefähr so angekotzt von der Werbung, wie wenn Pro-Sieben nach 15 Minunten "Fluch der Karibik" den ersten Werbeblock zeigt. Ist jemandem schon mal aufgefallen, dass die Privatsender die erste halbe Stunde keine Werbung ziegen? Warum wohl? Der Zuschauer schaltet nicht direkt um sondern möchte vielleicht tortz Werbung am Ball bleiben.

Um zurück zu kommen auf die Zeitschriftenverlage, der Zuschauer wird mit Werbung bombadiert, bekommt eingekaufte Artikel und jede Menge nicht klar erkennbare Werbung als redaktionellen Inhalt vorgesetzt und Gewinn macht man mit einem Onlineauftritt schon mal gar nicht. Kauft man sich die Printausgabe ändert sich am Inhalt gar nichts, lediglich die Verpackung eignet sich noch um das nächste Kaminfeuer mit ihr anzuzünden. Die Werbung ist nicht so penetrant, aber der redaktionelle Teil genauso schwach oder stark, dafür zahlt man noch zwischen 70cent (BILD) und 3,20 Euro (Freitag) für eine Zeitung deren Inhalt man schon aus dem Internet kennt oder gar nicht kennen will (meine letzte BILD habe ich 2001 gekauft und ob und wann davor, weiss ich gar nicht mehr).

Jetzt hatte eine Computerfirma, die sich mit einem netten mp3-Player für den Massenmarkt empfohlen hat eine tolle Idee. Wir bringen ein Gerät auf den Markt, mit dem man im Internet surfen kann, Musik hören, ein paar Casual-Games spielen kann und das aber einen geschlossenen Softwareladen hat. Das Gerät bekommt keine zusätzlichen Anschlüsse damit der Nutzer alles über das Internet kaufen muss und wir konstruieren das Betriebssystem so, dass man nur über unseren App-Store einkaufen und installieren kann. Dann kassieren wir 30%(?) von jeder verkauften App(lication = Programm). Den Verlagshäusern erzählen wir, dass man damit auch ganz toll Bücher und Zeitungen lesen kann (letzteres stimmt sogar) und, dass sie eigene Apps für Zeitschriftenabos anbieten können. Das wäre doch der Renner, die Leute lesen nicht mehr direkt im Internet die Zeitungen sondern kaufen sich ein kleines Symbol mit dem sie Zugriff auf speziell aufbereiteten Inhalt haben. Ganz wie die Printausgabe, nur ohne Print.

Dies hatte zur Folge, das in vielen Printpublikationen das ipad in den Himmel gelobt wurde, natürlich ganz objektiv und neutral auf den Computerseiten. Die richtigen Computerzeitschriften sahen auch die nicht zu übersehenden Mängel, wie das geschlossene System und die mangelnden Möglichkeiten für den Produktiveinsatz. Aber jeder muss zugeben, das Gerät kann, trotz allem, Spass machen. Überhaupt kann man in einigen "seriösen" Zeitungen einen regelrechten Applehype beobachten, das hat dann auch nichts mehr mit journalistischer Tätigkeit zu tun.Ein Musterbeispiel hierzu findet sich bei der FAZ. Dieser Artikel hat nichts mehr mit Objektivität zu tun, es werden eindeutige Mängel des Mac Book Air zu Features erklärt. Auch der hohe Preis wird mit höherer Qualität verklärt (Apple lässt in den selben Menschenschinderfabriken bauen wie andere Computerhersteller auch). Das haben aber die meisten Kommentatoren/Leser auch erkannt und entsprechend gewürdigt.

Warum aber, sehen die Verlagshäuser im ipad ihre Rettung? Vielleicht sehen sie keinen anderen Ausweg aus ihrer Misere, als auf den Erlöser aus Cupertino (Apple-Standort) zu hoffen. Aber so wenig wie der andere Erlöser vor 2000 Jahren die Juden erlöst hat, so wenig wird das ipad die Verlage erlösen. Was glauben denn die Verlage warum die Leute ihre Käseblätter nicht mehr lesen? Weil der kritische Journalimsus fehlt. Die Zeiten eines "bedingt abwehrbereit" sind doch schon lange vorbei (Spiegelaffäre 1962). Wann gab es denn mal einen Rücktritt wegen eines Zeitungsartikels? Man sitzt im Borcherts in Berlin zusammen mit den Politikern an einem Tisch und lässt sich in die Diktiergeräte sprechen. Es wird wenig recherchiert und sehr wenig Zusammenhänge aufgezeigt. Wie wäre es zum Beispiel mal mit einer Doppelseite sämtlicher Unternehmen in denen Politiker in den Aufsichtsräten sitzen oder saßen und welche Politiker das sind und wenn der Platz noch reicht, welchen Beschlüssen diese Politiker zugestimmt haben. Diese Klüngelei zwischen Redaktion und Politik merken die Leute immer mehr. Ein Musterbeispiel für einen Bericht, wie es nicht sein soll, was das Titelbild des Spiegels mit den Guttenbergs und der dazugehörende Artikel. Man sollte sich mal den Spaß machen und Spiegel-Leser fragen ob sie gerne den Spiegel lesen. Die meisten antworten mit einem Nein, aber ... Dann folgen Begründungen wie: Der Focus ist mir zu rechts, Ich habe noch nichts Besseres gefunden, Ich habe ihn halt im Abo, ...

Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass die Verlage von Großkonzernen erpresst werden, nur nicht zu kritisch zu sein, ansonsten könnte es mit der ein oder anderen Anzeigenserie schwierig werden.

Aus dieser Bredouille werden sie aber nicht vom ipad geführt werden. Die ist hausgemacht, genau wie in weiten Teilen der Leserschwund. Es besteht die Gefahr, dass sie sich auf einer Abwärtsspirale befinden und nicht mehr nach oben kommen. Um zu sparen werden Redaktionen zusammengelegt, es werden kaum noch Journalisten oder Redakteure fest eingestellt und in vielen Artikeln erkennt man deutlich die Grenzen der Word-Rechtschreibhilfe. Dies alles hat zur Folge, dass die Qualität sinkt und somit auch das Interesse der Leser. Wie das ipad die Verlage da raus hauen soll, ist mir nicht erklärlich. Das ganze erscheint mir als ob die BWLer in den Häsuern ein neues Gadget entdeckt haben, das gut klingt und wenig kann, aber vielleicht einen kurzfristigen Umsatzsprung generieren kann. Denn es werden sicherlich einige User sich das eine oder andere Abo leisten, einfach mal um eine Zeitung auf dem ipad zu lesen, aber wenn sie feststellen, dass der Inhalt genauso schwach ist, wie in der Papierausgabe werden sie bemerken, dass ein ipad nicht richtig brennt und ziemlich stinkt wenn man es anzündet.

07:59 08.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

bkhdk

Ich finde es wird von Tag zu Tag schlimmer...
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