Das Leben in den Zeiten der Corona; AC 2.20

Das Logbuch geht weiter: Die Zukunft gehört dem Pferd?
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Jetzt, in der Urlaubszeit, machen alle was sie wollen. Das gilt auch für Corona – genauer gesagt: für den Umgang der Leute mit dem ungeliebten Weggefährten. Als erfrischend erweist sich an dieser Stelle die Kommunikation anlässlich unseres sommerlichen Kurzurlaubes in Leipzig. Angefangen bei unserem Housekeeper, der uns letzten Dezember noch so unfreundlich empfangen und sogleich wieder hinaus komplementiert hatte – er ist jetzt wieder kuschelig wie eh und jeh, weil wir ja “alle geimpft” sind – über einige Lieblingshändler, die schon zur Begrüßung sagen, wir sollen bloß die Maske unten lassen – hier kann man seit einiger Zeit schon „oben ohne“ in die „Kaufhalle“ - bis hin zu beiläufig erlauschten Gesprächsfetzen, nach denen man sich direkt beim Besuch einer Großveranstaltung vor Ort impfen lassen könne. Auf der Schallplattenbörse, die in der sächsischen Handelsmetropole im Gegensatz zur hanseatischen bereits wieder stattfindet, weiß ein Besucher gar, dass ein positiver Test noch lange nicht belegt, dass man Corona-infiziert ist. Jeder mag diese vier Äußerungen bezüglich ihrer Schlüssigkeit bewerten wie er mag – unterhaltsam sind sie allemal. Und unterhaltsam soll unser Urlaub dieses Jahr auf jeden Fall sein, nach all der Ernsthaftigkeit, dieunser Leben seit vielen Monaten dominiert.

Urlaub in Leipzig bedeutet auch: zehn Tage kein Fernsehen. Deshalb fällt die sowieso schon verspätete Olympiade weitgehend aus und ein zweitägiges Restprogramm holt mich erst nach unserer Rückkehr wieder ein. Man sieht weiterhin fast menschenleere Stadien, in denen sich die Sportler allerdings verhalten wie immer. Es wird lamentiert, gekeucht, geschrien, geweint und umarmt – kurz: “gespreaded”, was das Zeug hält. Selbstverständlich ohne Maske. Zum Schluss, wenn alle wieder mit Ruhepuls in großen Abständen zueinander auf überdimensionierten Treppchen stehen und die Medaillen an besonders weit ausgestreckten Armen überreicht statt umgehängt werden, verdecken die Masken wieder die Gesichter der Akteure. Wie eine schweigsame Demonstration, oder eine Gedenkminute wirkt dieses Bild. Kein Siegerlachen ist zu sehen, jegliche menschliche Regung ist auf die Mimik der Augenbrauen reduziert. “Spiele der Hoffnung”, wird in den Medien kolportiert. Doch Hoffnung worauf? Die Chance, mit Entschlossenheit und messerscharfem Verstand auf Corona zu reagieren, scheinen wir schon lange verpasst zu haben.

Fast prophetisch erscheint angesichts des olympischen Fünfkampfes das Lied “Die Zukunft gehört dem Pferd” – hat doch das Pferd (wieder einmal) über die Medaillenvergabe mitentschieden. Wir sehen eine zeternde deutsche Reiterin, die auf das arme Tier einprügelt, nebst Trainerin, welche die Sportlerin in ihrem Fehlverhalten noch bestärkt. Das Pferd weigert sich strikt, bis zum Schluss. Und wieder wird eine Diskussion in Gang gesetzt darüber, wie die Modalitäten geändert werden können, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Dabei ist die Lösung ganz einfach: Da es keine Kameltreiberjäger bei mehr geben darf, könnten wir doch endlich auch die Tierquälerei im Reitsport abschaffen und diesen aus dem olympischen Programm nehmen – zumal wir schöne neue Sportarten wie Klettern und Skaten haben. In allen Bereichen des Lebens soll die weiße Herrenmenschenmentalität abgeschafft werden – wieso darf sie im Reiten fröhlich Urständ feiern? By the way: Sind Pferde eigentlich immun gegen Corona?

Last but not least: Ein neuer Name erscheint auf der Liste der Corona-Produzenten: Einschlägig als Dreh- und Angelpunkt für Drogengeschäfte bekannt, kann Kolumbien wohl kaum noch weiter diskreditiert werden, wenn von einer “kolumbianischen” Variante gesprochen wird. “B.1.621” ist aber auch eine schwere Zahl – wer soll sich die denn merken können? Die Nachricht, dass in einem ansonsten wahrscheinlich drogenfreien Pflegeheim sieben Menschen an dieser Variante gestorben sind, lässt viele aufhorchen. Bisher konnten wir den (natürlich ungerne offen zugegebenen) primären Selbstschutz durch das Impfen immer hinter dem “an die anderen denken” tarnen und damit Druck ausüben. Dass Geimpfte ebenso anstecken können wie Ungeimpfte, wurde eher beiläufig thematisiert und fiel nicht weiter ins Gewicht. Umso mehr wurde herausgestellt, dass Geimpfte vor schweren Verläufen (bei sich selbst) geschützt seien. Diese Erkenntnis ist nun leider Schnee von gestern. Alles auf Anfang?

21:28 13.08.2021
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