Lit.Cologne hier - Leipziger Buchmesse dort 5

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Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Frisch aus der Chat-Werkstatt, gerade erst abgehalten, fast live sozusagen, folgt der nächste Streich.

Kay.kloetzer: So, jetzt bin ich da.

Calvani: Ein sommerliches Hallo aus Köln! Du bist ja schneller als der Blitz!

Kay.kloetzer: Ja, die Leipziger Straßenbahn überholt sich manchmal selbst. So ist der Osten: Überholen ohne einzuholen. Apropos: Ihr habt unserer Buchmesse mit Eurer Lit.Cologne mal wieder hübsch Konkurrenz gemacht. Wie war es für Dich, alle Erwartungen erfüllt?

Calvani: Oh, jetzt muss ich wirklich überlegen, was ich denn überhaupt für Erwartungen hatte ...

Es gab jedenfalls ein paar Lichtblicke. Allen voran Roger Willemsens Lesung „Das müde Glück“.
Was war dein Highlight?

Kay.kloetzer: Da meine Erwartungen an die Buchmesse eher diffus waren, konnte ich in alle Richtungen überrascht werden. Klar war nur: 99 Prozent der Veranstaltungen werde ich nicht sehen können. Bei 2780 Autoren auf 2600 Lesungen. Die Pflicht: Christian Kracht und 100 Jahre Insel-Bücherei. Die Kür: Vorstellung der Sachbuchautoren, die für den Buchpreis nominiert waren, ein bisschen Felicitas Hoppe, dies und das im „Berliner Zimmer“ auf dem Messegelände, Käffchen mit diesem, Käffchen mit jenem. Auch ein 2-Personen-Freitag-Community-Treffen. Mein Highlight war ein Taxifahrer, der mich für von Auswärts hielt und eine Kurz-Einführung in die Buchstadt Leipzig gab. Überhaupt die Atmosphäre in diesen Tagen und Nächten!

Was war denn los bei Roger Willemsen? Irgendwo las ich, dass seine Moderationen jede Reise wert seien?

Calvani: Ach, bei Roger Willemsen bin ich befangen! Ich lieb' den, ich lieb' den! Kritiken zu „Das müde Glück" habe ich allerdings noch keine gelesen, kritisch bin ich selbst - meiner Befangenheit zum Trotz, bilde ich mir jedenfalls ein. Das Besondere an dieser Lesung war schlicht und ergreifend die Atmosphäre. Bisweilen fand ich seinen Text sogar ein wenig platt und dürftig - zumindest wirkten die gelesenen Passagen hin und wieder so. Das kann sich natürlich anders verhalten, wenn man das Buch zur Gänze selbst liest. Aber zurück zur Atmosphäre: Die Geschichte ist traurig und tragisch, insbesondere die direkte Rede dagegen witzig und flapsig. Zwischen den Rezitationen spielte Olena Kushpler kleine Intermezzi am Klavier und Willemsen las mit einer Art Menschenfreundlichkeit, die ich nicht einfach nur Empathie nennen will, und dazu immer wieder v. a. Kindergekicher aus dem Publikum. Ich kam irgendwie beseelt aus dieser Veranstaltung und radelte auch in dieser Stimmung am Kölner Dom vorbei nach Hause.

Jetzt zu dir. Was war mit Kracht? By the way: Hast du die „Verarsche" - pardon! - das „Interview“ mit Scheck bei „Druckfrisch“ gesehen?
Mit wem aus der Community hast du dich denn getroffen? Ein bisschen Tratsch muss sein!
Und was gab's bei den Sachbuchautoren?

Kay.kloetzer: Dem Willemsen bin ich auch verfallen. Da stimmt einfach alles. Ich kenne ihn ja nur aus dem Fernsehen eigentlich, musste, nein durfte aber mal im Auftrag einer Kollegin, die nicht zur Frankfurter Buchmesse reisen konnte, mit ihm dort über Grass reden. Das war ebenfalls eine beseelende halbe Stunde! Ein Intellektueller, der emotional im Lot ist, wunderbar. Ist es nicht schön, wenn Begegnungen so etwas auslösen können?!

Die Sachbuchautoren wurden in einer Stunde im Schnelldurchlauf vorgestellt. Ich fand es bequem, auf diesem Weg in kurzer Zeit viel zu erfahren. Mit meinem Tipp allerdings, wer wenig später den Preis kriegen würde, lag ich komplett daneben. Ich hatte an Manfred Geiers

„Aufklärung. Das europäische Projekt" gedacht - wegen der Bedeutung gerade. Oder auch an Lothar Müller und „Weiße Magie. Die Epoche des Papiers" - wegen der Selbstbehauptung angesichts des Dauerthemas ebook. Und wenn sie Mut hätten sogar an Carolin Emckes „Wie wir begehren". Aber auf Jörg Baberowski und „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt" wäre ich nicht gekommen.

Nein, mein Community-Date verrate ich nicht. Und „Druckfrisch“ habe ich nun doch wieder verpasst. Muss ich unbedingt nachholen! Bitte erzähle, inwiefern das eine Verarsche war!

Calvani: Pah! Dann verrate ich dir auch nicht, welche Blogger aus der Community ich auf der Lit.Cologne getroffen habe! Ätsch-bätsch!

Sachbücher lese ich sehr selten, da kann ich leider gar nicht mitreden...
Was das „Interview“ anbelangt, finde ich mich jetzt selbstverschuldet in Verlegenheit! Solche "Inszenierungen" zu thematisieren, dreht genau an dem Rad öffentlicher Aufmerksamkeit, das mir so ein Dorn im Auge ist. Aber ich sag' mal so: Wenn es noch eines Grunds bedurft hätte (Konjunktiv!), mich davon abzuhalten, „Imperium“ zu lesen, dann wäre es dieses „Interview“ gewesen. Was nun, kay.kloetzer?

Kay.kloetzer: Dann schweigen wir dezent und ich mache mir morgen selbst ein Bild. Wie viele Lesungen hast Du noch besucht? Und nach welchen Kriterien wählst Du da aus?

Calvani: Meine Auswahl war relativ spontan, nur Willemsen stand auf meiner To-Visit-Liste. Wo war ich noch? Auf dem Literaturmarathon, der mir wider Erwarten gut gefallen hat. Ich hatte nämlich die Befürchtung, dass die Masse die Klasse verdrängt. Tatsächlich aber war es interessant, so viele Auszüge von vielen verschiedenen LeserInnen vorgetragen zu bekommen - noch dazu mal bekannte Texte, die aber vorgelesen anders klingen oder die jemand anderes gelesen hat als das Hörbuch, mal völlig unbekannte Texte. Immer wieder traf mich eine Interpretation oder Formulierung und eruptiv flammten bunte Bilder vor meinem geistigen Auge auf, dann wieder schweiften meine Gedanken ab... Beim Werkstattgespräch mit Heinrich Steinfest und Christian Schärf war ich noch und das war ein echtes Paradoxon: Die Veranstaltung fand ich nämlich überaus dröge, weil Schärf lauter schiefe Fragen stellte, die Steinfest in aller Regel gar nicht beantwortete, sondern sich selbstreferenziell verzettelte. Die beiden schienen sich auch nicht zu mögen, weshalb sie noch mehr aneinander vorbei redeten, wie ich fand. Aber gerade diese ganzen Unzulänglichkeiten fügten sich zu einer Art grotesker Komik, so dass ich mehrmals lachen musste und es mir nicht leid tat, hingegangen zu sein.

Dann lauschte ich noch Hans Ulrich Gumbrecht und Joseph Vogl bei ihrem Plädoyer für das Loben und Rühmen. Ich war leider so müde, dass ich einmal fast eingenickt wäre, aber von den Rezitationen und einem flachen Running Gag abgesehen, war das Gespräch interessant.
Welche Anregungen und Einsichten sind dir noch von der Buchmesse in Erinnerung?

Kay.kloetzer: Das klingt doch sehr gut! Und beantwortet eigentlich schon meine Frage, ob solche Massen-Events wirklich nötig sind. Denn ich behaupte mal: Hätte all dies verteilt auf mehrere Wochen verteilt in Köln stattgefunden, wärst Du vielleicht nicht hingegangen, oder? Von Willemsen mal abgesehen. Für mich war die schönste Anregung eine Stegreif-Rede Uwe Tellkamps. Das war im Lesesaal der Nationalbibliothek, wo mit Reden und Lesungen (Rilke und Tellkamp) 100 Jahre Inselbücherei gefeiert werden sollten. Dann aber, bevor er aus seiner „Reise zur blauen Stadt“ (Insel) las, erzählte Tellkamp, den ich bis dahin gar nicht sooo sehr mochte, wie das war, als er aus Dresden nach Leipzig kam und zu seinem ersten Verleger, Elmar Faber, wie der ihn prüfte, ob er die Ahnen kenne und ihn dann, nun ja, quasi anwies, dieses und jenes zu lesen, sich mit diesem und jenem zu beschäftigen. Es ging um Buchdruck und Sprache, um Schriften und Papier, um das gute alte Handwerk, von dem so wenig die Rede ist, wenn es um Trends und Markt geht. Da habe ich ihn sehr geliebt, weil er verliebt wirkte - nicht nostalgisch. Einsichten gab es auch: Beim Autoren-BarCamp lernte ich, dass das Internet noch in den Kinderschuhen steckt. Es war ein toller Auftakt, aber - soweit ich es verfolgt habe - ist das digitale Leben der Autoren noch kein Massenphänomen. Und das Ende der Verlage noch nicht gekommen. Und jetzt überlege ich, warum zur Buchmesse alle der 2600 Lesungen gut bis sehr gut besucht sind, aber im Alltag der eine oder andere Autor vor einer Handvoll Freunden und Verwandten lesen muss. Brauchen wir doch das Event? Die Sicherheit der großen Gemeinschaft?

Calvani: Ja, zweifellos ist das ein Vorteil solcher Events: Man geht hin, im Zweifel auch zu Veranstaltungen, die einen solo wenig interessiert hätten, und man weiß ja im Voraus nie wirklich, ob, wann und wie man vom Blitz getroffen wird.

Gibt es ein Buch, auf das du aufmerksam geworden bist und das du deshalb lesen willst?
Und wie wichtig sind solche Veranstaltungen, wenn es für dich als Leserin um das Verhältnis zwischen Autoren und ihren Büchern geht? Ich meine: Gibt es Bücher, die du magst, obwohl dir der Autor unsympathisch ist?

Kay.kloetzer: Eigentlich geht das Hand in Hand, wenn ich ein Buch mag, kann mir der Autor nicht 100-prozentig unsympathisch sein. Man lernt ihn ja so oder so - beim Lesen oder einer Lesung - nur ein ganz klein wenig kennen. Und das hängt von so vielen Faktoren ab, ob eine Lesung funktioniert - daraus würde ich keine grundsätzlichen Schlüsse ziehen. Aufmerksam geworden bin ich auf eine Anthologie aus dem Jahr 2007, glaube ich, die jetzt als Taschenbuch im Jaron-Verlag erschienen ist: „Alexanderplatz. Geschichten vom Nabel der Welt“, herausgegeben von Günter Lamprecht mit Fotografien von Harald Hauswald und Texten unter anderem von Katja Lange-Müller, Jutta Voigt und Peter Wawerzinek, die ich alle sehr schätze. Das habe ich mir sofort gekauft. Hast Du ein Buch gekauft während der Lit.Cologne?

Calvani: Nein, natürlich nicht! Ich bin meiner Regel treu geblieben, aber ich habe gleich einige Bücher in der Stadtbibliothek vorgemerkt...

Kay.kloetzer: Welche denn?

Calvani: Spontan fallen mir ein: Jan Brandts „Gegen die Welt“, Virginia Ironsides "Nein! Ich will keinen Seniorenteller" und endlich werde ich mich trauen, Willemsens „Afghanische Reise“ zu lesen ... Aziz Nesins „Es lebe der Staat“ fällt mir auch noch ein.

Kennst du sie?

Kay.kloetzer: Leider nein. Im Moment würde mich der Seniorenteller ansprechen ... Ob es wohl auch Bücher für ein bestimmtes Alter gibt? Und ich meine jetzt nicht den Großdruck.

23:16 26.03.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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