Cara Wuchold
04.05.2012 | 16:00

Die Brücke als Muss

Ausstellung Die flächendeckende Ausstellung "raumsichten" in der Grafschaft Bentheim zeigt neue Skulpturen. Das Ziel ist die Erschließung der Landschaft als Kulturraum

Wer soll sich das bloß alles anschauen? Über 80 Kunstwerke auf 200 Kilometern. Vom niederländischen Zwolle entlang der Vechte durch Niedersachsen bis hin zur nordrhein-westfälischen Grenze. Doch die Strecke lohnt sich, am besten in Etappen.

Den südlichen Schlusspunkt des hochkarätig besetzten, offenen Museums markiert Laßnitz von Hans Schabus. Eine ausrangierte Eisenbahnbrücke, die ohne Anschluss in einer idyllischen Vechteaue steht. Als Brücke an sich, die ihren eigentlichen Nutzen umso mehr betont. Der jetzige Standort ist aufgrund von Protesten in Teilen der Bevölkerung nur zweite Wahl, dabei ist die Region eigentlich kunsterprobt.

Ein Großteil der Skulpturenroute existiert seit 2000 unter dem Titel kunstwegen. Luciano Fabros Ankerkette auf einem prähistorischen Grabhügel ist inzwischen von Heidekraut halb überwuchert und verbreitet dadurch nicht weniger Poesie. Die Fiberglasdrachen von Cai Guo-Qiang in den Baumwipfeln eines Eichenhains sind zwischen den Blättern im Sommer kaum mehr zu sehen.

Landschaftsplanung

Nun kommen mit raumsichten neun Kunstwerke im Kreis Grafschaft Bentheim hinzu. Landschaftsplaner und Künstler wurden frühzeitig zusammengebracht, um sich auszutauschen und die Werke dadurch nachhaltiger im Kulturraum zu verankern.

Das Künstlerduo Folke Köbberling und Martin Kaltwasser entwirft Zukunftsmodelle für alternative Nutzungen des öffentlichen Raums. Ihr Fahrradbahnkreuz für einen Radwegeknotenpunkt parodiert ein Autobahnkleeblatt und dient als Sinnbild für den von ihnen herbeigesehnten Fall des Automonopols. Wie gemacht für die Grafschaft, sie wurde zweimal zum fahrradfreundlichsten Landkreis Niedersachsens gewählt. Noch ist die Finanzierung nicht gesichert, und so stellt sich die Frage, wie viel die Fahrradinfrastruktur Verkehrsstrategen und Sponsoren heute schon wert sein mag.

Tamara Grcic arbeitet häufig mit Vorgefundenem und widmet sich der Landschaftsarchäologie. Ihre kniehohen Bronzeskulpturen sind Trichterbechern aus der Jungsteinzeit nachempfunden, auf die bei Bauarbeiten gestoßen wurde – auf prähistorischem Siedlungsgrund entsteht hier ein Neubaugebiet. Die Skulpturen befinden sich auf einer Anhöhe im angrenzenden Waldstück, der Blick fällt auf einen Seitenarm der Vechte, eine Sicht, die es vielleicht immer schon gab. So enthebt ­Grcic die Besucher aus der Jetztzeit und entführt sie gemäß des Titels ihrer Arbeit anderswohin.

Perspektivwechsel

Mit Wahrnehmung von Landschaft spielt Willem de Rooij, der oft Werke anderer Künstler in eigene Arbeiten integriert. Mit Residual stellt er das Ölgemälde Ansicht der Burg Bentheim von Nordwesten von Jacob van Ruisdael an seinem Entstehungsort aus. Perspektivwechsel erlaubt nicht nur die mittig im Raum platzierte Glasvitrine, in der es hängt, sondern auch der Vergleich von Ruisdaels dargestellter mit der heutigen Landschaft beim Blick aus dem Fenster.

So spielen die Werke mit der Geschichte ihrer Standorte und erweitern, ohne deplatziert zu wirken, den Blick auf diesen. Die Skulpturen regen an – sei es, indem sie Erwartungen unterlaufen, Visionen spinnen oder Vergangenes vergegenwärtigen; und das ist es, was die Auseinandersetzung mit ihnen produktiv macht.

raumsichten ist ab dem 4. Mai geöffnet. Informationen unter