„Ich sehe die Krücken als schöne Objekte“

Porträt Die Choreografin und Tänzerin Claire Cunningham nutzt ihre Behinderung für Performances

„Den Tod niemand zwingen kunnt / bei allen Menschenkindern.“ So beginnt eine Kantate von Johann Sebastian Bach. Die schottische Tänzerin Claire Cunningham singt Zeilen daraus, während sie auf der Bühne gestützt auf ihre Krücken versucht, an einer Wand immer höher zu klettern. Das bleibt genauso vergeblich wie die Flucht vor dem Tod.

Es ist eine Szene aus ihrem Stück Give Me A Reason To Live, das von uns Menschen handelt, unseren Ansprüchen an uns selbst, noch mehr von Claire Cunningham selbst. Seit ihrem 14. Lebensjahr geht sie an Krücken. Unwillig und ablehnend zunächst. Sie wächst auf in Ayrshire im Südwesten der britannischen Insel. Sie kann laufen, aber nicht besonders weit. Jahrelang hofft sie, die Krücken wieder loswerden zu können. Das ändert sich erst, als sie mit Tanz in Berührung kommt.

Da ist sie Ende 20. Damals arbeitet Claire Cunningham, klassisch ausgebildet als Sängerin, im Bereich Musiktheater und möchte ihr Bewegungsrepertoire erweitern. Sie trifft auf den amerikanischen Choreografen Jess Curtis, der bemerkt, dass sie mit den Krücken ungewöhnliche Dinge anstellt. Subtile Balanceakte, die ihr beispielsweise helfen, länger zu stehen. Die lästigen Gehilfen werden zu spannenden Untersuchungsgegenständen, ihre Ablehnung schlägt um in Neugierde. Sie ist mit dem Gedanken aufgewachsen, einen falschen Körper zu haben. Jetzt lernt sie seine spezifischen Qualitäten kennen.

Sie stemmt sich in die Luft

Seitdem erforscht die heute 43-jährige und inzwischen international gefeierte Choreografin und Tänzerin die Grenzen ihrer physischen Fähigkeiten und des Materials. Erst allein im Studio, dann auf der Bühne. „In Mobile habe ich angefangen, die Krücken als wunderschöne Objekte zu sehen. Sie waren immer noch eine Art von mir separiertes Ding, aber sie fingen wirklich an, mich zu faszinieren – und ich wollte das teilen“, erzählt Claire Cunningham. Wir telefonieren per Video, sie sitzt in ihrer Wohnung in Glasgow und streicht sich mit der Hand durch den etwas längeren Pony ihres grau gefärbten, kurzen Haares. In dem Stück aus dem Jahr 2009 arrangiert sie die Krücken zu Mobiles, die der Kunst von Alexander Calder nachempfunden sind.

Was sie aus sich im Umgang mit den Krücken herausholen kann, ist spektakulär. Die Anstrengung, die es sie kosten muss, den Körper in der Schwebe zu halten, ist ihren fließenden Bewegungen nicht anzumerken. Sie lehnt auf den Krücken, lässt sich in sie hineinfallen, stemmt sich in Luftpositionen weit vom Boden entfernt. Schafft mit Krückenkonstruktionen skulpturale Bilder. Das wäre halsbrecherisch ohne genaue Kenntnis des Materials. Und es ist berührend, weil sie die Zuschauer an dieser innigen Dreierbeziehung zwischen den Krücken und ihr teilhaben lässt. Claire Cunningham benutzt Ellenbogenkrücken. Das ermöglicht ihr im Alltag, auch mal die Hände frei zu haben. Und es hilft ihr beim Tanzen, weil sie sie nicht so schnell verliert. Sie wechselt die Paare oft, weil sie das Materialso stark beansprucht. Auf der Bühne lastet manchmal ihr ganzes Körpergewicht darauf.

Wie viele Krücken besitzt sie? „Ich habe einen Lagerraum, wo ich meine Sets aufbewahre, und da sind eine Menge Krücken drin“, sagt sie und lacht. „Ich kann mich schwer von ihnen trennen. Ich weiß nicht, wie viele ich habe, ich weiß es wirklich nicht.“ Es klingt wie ein kleines Geständnis. „Das sind meine Lebenspartner“, erzählt Cunningham, verbunden jeweils mit ganz eigenen Erinnerungen an Menschen und Orte. Zwischendurch blickt sie nachdenklich vom Computer auf und aus dem Fenster. Das helle Licht scheint ihr ins Gesicht und spiegelt sich in den Gläsern ihrer transparenten Hornbrille. Immer wieder hätten Leute nach Performances zu ihr gesagt, die Krücken wirkten wie eine Verlängerung ihres Körpers. Aber lange Zeit habe sie sich damit nicht identifizieren können. „Erst seit einigen Jahren fühlt sich das wirklich so an, wie eine organische Beziehung.“ Was nehme ich wahr, was macht meine Perspektive einzigartig und wie formt das mein Leben und mein künstlerisches Werk? Es sind die Grundfragen, die sie sich stellt.

Desexualisierter Körper

Die Krücken definieren ihren Blick auf die Welt. „Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie es ist, mit Leuten auf Augenhöhe zu sein.“ Claire Cunningham meint das nicht metaphorisch, sie ist knapp 1,50 Meter groß. „Wenn dich die meisten Menschen die meiste Zeit deines Lebens buchstäblich von oben herab betrachten, fällt es schwer, selbstbewusst aufzutreten“, sagte sie mal in einem Gespräch mit dem Dramaturgen Luke Pell.

Ihr Duett The Way You Look (at me) Tonight mit Jess Curtis, mit dem sie bis heute tourt, handelt auch davon, dass die Umwelt sie – im erotischen Sinne – kaum als Frau wahrnehme. Krücken würden Körper in den Augen anderer desexualisieren. „Ich fühlte mich dadurch eher genderneutral, an manchen Punkten meines Lebens vielleicht sogar asexuell“, erzählt sie dem Publikum. „Erst später habe ich das als eine Art von Queerness verstanden“, erklärt sie, als wir noch einmal darauf zu sprechen kommen. Sie lebe allein. „Ich bin in einer queeren Beziehung mit meinen Krücken.“ Zudem sei ihr Oberkörper durch den Gebrauch der Gehhilfen sehr kräftig geformt. „Dadurch fiel es mir schwerer, mich feminin zu fühlen.“

Fürsorge auf Augenhöhe definieren

Die Tänzerin Claire Cunningham arbeitet auch als Choreografin und hat u.a. am Schottischen Nationaltheater oder mit dem Ensemble der britischen Candoco Dance Company gearbeitet, einem der bekanntesten inklusiven Tanzensembles Europas. Derzeit ist sie Work Place Artist in der Londoner Tanzinstitution The Place.

Bis vor Kurzem war Claire Cunningham auch Factory Artist des Tanzhauses NRW, für das sie derzeit – gemeinsam mit dem Dramaturgen Luke Pell als Co-Kurator – ein Symposium zum Thema Choreography of Care vorbereitet. Ihr Ziel: ein Nachdenken anzustoßen über Care, einen sorgsamen, achtsamen Umgang mich sich und anderen im Bereich Kunst in Bezug auf Kollaborationen, die Recherche, den Probenprozess, Aufführungen, Barrierefreiheit oder auch das Publikum. Care ist auch im Deutschen ein sehr aufgeladenes Wort: Betreuung, Pflege, Fürsorge. „Es birgt Assoziationen der Bevormundung, wohltätiger Unterstützung“, sagt Cunningham, „wurde oft als etwas Passives gesehen.“ Ihr geht es um eine andere Haltung, darum, sich Zeit zu nehmen, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, eine offene Atmosphäre, gemeinsame Entscheidungsprozesse, flache Hierarchien, die Bedürfnisse aller Beteiligten, um Barrierefreiheit.

„Can we care too much?“ – Kann es zu viel Fürsorge geben? Auch diese Frage wird gestellt, mit dem Ergebnis: Care muss nicht immer sanft, kann radikal und kritisch sein, solange es in einer Atmosphäre geprägt von Respekt, Vertrauen und Sicherheit passiert. Das Symposium musste aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden und wird voraussichtlich 2021 beim Festival Theater der Welt in Düsseldorf nachgeholt.

Einen anderen Satz in ihrem Stück kann man als Aufforderung verstehen: „Wirklich wahrnehmen ist ein Akt der Liebe.“ Man soll hinter die oberflächliche Realität eines sogenannten nicht normativen Körpers schauen. Heute hadert sie nicht mehr mit sich. Claire Cunningham wirkt ehrlich – in Interviews, auf der Bühne. Ihre künstlerische Arbeit ist eine Forschungsreise zu sich selbst. „Ich mag es, alles auseinanderzunehmen, um zu verstehen, wie es funktioniert“, sagt sie.

Dazu gehöre auch das Unlearning, also aufzuhören, sich mit anderen Körpern zu vergleichen. Davon zeugt auch ihre Selbstbezeichnung als Disabled Artist, wobei es in diesem Verständnis eher das gesellschaftliche Umfeld ist, das den Menschen behindert. Wie weit ist es bis zur Bushaltestelle? Fünf Minuten Fußweg. – Eine Beschreibung, mit der Cunningham nichts anfangen kann. Für sie ist das ein Klischee. „Was heißt das, sind es fünf Minuten für dich, fünf Minuten für mich?“, fragt sie. Behinderung hat eine eigene Zeitlichkeit, der Begriff Crip Time beschreibt das – eine selbstbewusste Aneignung und positive Umkehr von Crip, Krüppel. Und er hat rebellisches Potenzial. Darin kann Widerstandskraft stecken gegen den auf Produktivität und Effizienz getrimmten kapitalistischen Geist.

Die Corona-Krise hat auch Menschen mit sogenannten normativen Körpern in eine Art Crip Time versetzt. Der Alltag aller in Großbritannien war plötzlich von Warten geprägt. Das ändere nichts daran, dass der Lockdown Menschen mit Behinderungen in ihren Errungenschaften dramatisch zurückgeworfen habe, sagt Cunningham. Beispielsweise im Kampf um Sichtbarkeit und Selbstbestimmung. Problematisch finde sie in diesem Zusammenhang auch die von der schottischen Regierung entworfene Kategorie der „vulnerable people“, der Gefährdeten. Menschen im Rollstuhl und Ältere seien angepöbelt worden, weil sie sich draußen aufhielten. Beschränkungen wie das Verbot, sich auf einer Parkbank niederzulassen, berücksichtigten nicht die Bedürfnisse von jenen, die sich dort ausruhen müssten.

Das Vereinigte Königreich habe durch seine anfängliche Strategie der Herdenimmunität offengelegt, dass es bereit wäre, bestimmte Teile der Gesellschaft zu opfern. „Das ist absolut entmenschlichend“, sagt Cunningham, als wir skypen. „Das fühlt sich nach einem gewaltigen Rückschritt für alle Art von Rechten an, die für behinderte Menschen erkämpft wurden. Ältere Menschen. Wer verzichtbarer ist und wer stark priorisiert wird, das wird sehr deutlich.“ Wir säßen alle im gleichen Boot, heiße es derzeit oft, sagt sie. „Dabei existiert immer noch die gleiche Hierarchie.“

Gleichzeitig schaffe die jetzige Situation bessere Zugangsmöglichkeiten, schrieb sie kürzlich in einem Blog für das Bündnis Internationaler Produktionshäuser. „Plötzlich, wie von Zauberhand, kann man fast alle Universitätskurse belegen, ohne im Raum sein zu müssen! Plötzlich kannst du an Meetings oder Konferenzen teilnehmen, ohne zu reisen.“ Doch die digitalen Möglichkeiten haben für Claire Cunningham auch eine Schattenseite: die Erwartungshaltung, Webinare, öffentliche Gesprächsrunden oder Lessons von zu Hause aus zu geben. Ihre Wohnung sei ihr Zufluchtsort. „Als sichtbar behinderter Mensch ist mir immer bewusst, dass ich observiert werde, sobald ich aus meiner Tür trete.“ Sie habe Jahre ihrer Kindheit unter Röntgengeräten und den Augen von Medizinern verbracht. „Ich brauche Privatsphäre. Ich muss frei wählen können, wie und wo ich gesehen werde“, schreibt sie.

Angestarrt zu werden, ist Menschen mit Behinderung auf unangenehme Weise vertraut. So wie verschämtes Wegschauen.

Auf der Bühne hat sich Claire Cunningham lange vor allem auf das konzentriert, was sie kann. Im Stück Give Me A Reason To Live aus dem Jahr 2014 zeigt sie ihre vermeintlichen Schwächen. Angelehnt an Darstellungen von Versehrten und Bettelnden in den Malereien von Hieronymus Bosch, hinterfragt Cunningham unseren Blick auf das „Anderssein“. Im Stück steht sie in Unterhemd, mit nackten Beinen frei am Bühnenrand, den Blick ins Publikum gerichtet, bis ihre Gliedmaßen anfangen zu zittern.

Zur Geschichte ihres Körpers und ihrer angeborenen und fortschreitenden Osteoporose gehört auch, dass sie irgendwann nicht mehr an Krücken gehen können wird. „Ich glaube, ich habe ziemliche Angst davor, wie es sein wird, wenn ich sie nicht mehr benutzen kann.“ Schon jetzt wäre es manchmal besser, einen Rollstuhl zu nehmen. Es ist ein schleichender Prozess. Nicht selten denke sie heute sogar, vier Beine seien besser als zwei.

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06:00 23.08.2020
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Ausgabe 38/2020

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