Schwarze Tränen

Kunst Gewalt und stereotype Zuschreibungen sind die Themen von Wu Tsang. Einfachen Lösungen misstraut sie
Cara Wuchold | Ausgabe 37/2019

There is no nonviolent way to look at somebody.“ Dieser Satz fiel vor gut einem Jahr gegen Ende einer langen, kräftezehrenden Performance im Berliner Gropius-Bau. Das Abendlicht schien durch die Fenster und Wu Tsang, die den Satz sprach, kämpfte mit den Tränen. Sie war zu dieser Zeit Artist in Residence und hatte die Performerin boychild eingeladen – deren fast nackter und bunt bemalter Körper war da schon etwa neun Stunden den Blicken des Publikums ausgesetzt.

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„Es gibt keine nicht-gewaltsame Art und Weise, jemanden anzusehen.“ Der Satz machte auch etwas mit der Selbstwahrnehmung des Publikums: von der Zuschauerin zur Voyeurin. „Ich habe ihn bestimmt schon tausend Mal gesagt, da er aus meiner Performance Sudden Rise stammt, aber irgendwie verliert dieser Satz für mich nie an Intensität“, sagt die Filmemacherin und Performerin Wu Tsang nun im Gespräch am selben Ort.

Sie hat den Satz zum Titel ihrer Werkschau im Gropius-Bau gewählt. Er hat viel mit ihrer Verantwortung und ihren Erfahrungen als Filmemacherin zu tun. „Jemand hat mich gefragt: ‚Ist das nicht eine doppelte Überhöhung, zu sagen, es gibt keine nicht-gewaltsame Art, anstatt einfach zu sagen, jemanden anzusehen, ist gewaltsam?‘ Aber eine doppelte Verneinung ist nicht das Gleiche wie etwas Positives“, erklärt Wu Tsang. Während sie redet, spielt sie mit den Strähnen ihres langen, braunen, über den rasierten Seiten ihre Kopfes zum Zopf gebundenen Haares. Ihre Gedanken formuliert die 37-Jährige sehr präzise. „Zum Beispiel bei Dokumentationen, da hat der Filmemacher die Intention, seinen Protagonisten keine Gewalt anzutun, möchte ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen oder ihnen eine Stimme geben, ihre Geschichte sichtbar machen.

Kamera fangen Seele ein

Und ich glaube, alle diese Absichten sind, nun ja, einerseits gut“, überlegt sie. „Aber ich finde, sie sind auch problematisch, weil sie zu anderen Arten von Gewalt führen, indem sie unser Verständnis von anderen limitieren. Diese Absichten sind also auch ‚unmöglich‘. Und was passiert, wenn wir davon ausgehen, dass es nicht nicht-gewaltsam werden wird – und das nicht als Grund akzeptieren, es nicht zu tun?“

Als Mensch, der die Gewalt von stereotypen Zuschreibungen immer wieder auch selbst erfährt – sie ist Transgender, für sie sind Identitäten fließend, und sie ist geprägt von den Migrationserfahrungen ihres chinesischen Vaters –, sucht sie behutsam nach Strategien, um Geschichten dennoch zu erzählen. Auch solche, die politisch hoch aufgeladen sind. „How is it possible to make an impossible image?“, wie es möglich wäre, ein unmögliches Bild zu schaffen, das ist eine ihrer Grundfragen. Ihre neue Arbeit One emerging from a point of view (2019) hat sie auf der griechischen Insel Lesbos gedreht, auf der 2015 Tausende von Geflüchteten an Land gingen. „3.000 Menschen jeden Tag, drei Monate lang“, erinnert sich ein Schäfer im Film. Wu Tsang verbrachte viel Zeit mit ihm – obwohl sie sich wegen der Sprachbarriere kaum unterhalten konnten. „Wenn ich den Film anschaue, dann ist da diese Direktheit, die er ausstrahlt, und ich denke, das fußt auf unserer Beziehung. Ich glaube, das ist die Alchemie des Filmemachens: Wie bringe ich die Seele der Menschen hervor, sodass die Kamera sie einfangen kann? Das ist ein bisschen Angst einflößend, weil das nicht meine Absicht ist, aber gleichzeitig denke ich, dass das Ergebnis sehr kraftvoll ist.“

Im Film werden zwei Geschichten, die sich teils überlappen, auf einem Screen erzählt, verwoben mit dem Alltagsleben und den Erfahrungen der Inselbewohner auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegungen: die fantastische Erzählung einer Sklavin, die vor einem König flieht, der sie bedrängt – geschrieben und verkörpert von Yassmine Flowers, einer Transfrau, geflüchtet aus Marokko. Die griechische Fotojournalistin Eirini Vourloumis – die vor Ort gearbeitet hat und mit Wu Tsang das Misstrauen gegenüber herkömmlicher Berichterstattung teilt – untermalt mit ihrer Stimme Bilder von der Insel mit Passagen aus dem Roman Die Madonna mit dem Fischleib des Autors Stratis Myrivilis, der auf Lesbos spielt. Die realen Fluchtgeschehnisse lassen sich hier nur erahnen. Aber werden Ahnungen in unserer Informationsgesellschaft bei der Suche nach Wahrheit nicht oft auch unterschätzt?

Wu Tsang sagt:„Es ist nicht unbedingt so, dass ich als Künstlerin eine Lösung parat habe. Es geht eher darum, gemeinsam mit meinen Kollaborateuren Wege zu finden, Geschichten zu erzählen, die sie als wahr empfinden. Und wenn man ihre Wahrheiten in Beziehung zueinander setzt, wird daraus eine noch komplexere Erfahrung.“ Sie streicht immer wieder sanft über die dunkelroten Sitzkissen aus Seide, die auf dem roten Teppich in einem der Ausstellungsräume liegen. „Wildness“ ist auf die Finger ihrer einen Hand tätowiert – auf der anderen steht „Honesty“, die Schriftzeichen ihr zugewandt, das sei mehr für sie selbst gedacht, sie sehe es beim Tippen, sagte sie dazu vor Kurzem im Interview mit dem New Yorker Magazin ARTnews. Wildness ist auch der Titel eines Films, der ihr zu großer Aufmerksamkeit verhalf und 2012 auf der Whitney Biennial gezeigt wurde. Eine dokumentarische Arbeit, die mit Elementen des magischen Realismus spielt und von der Community im Silver Platter, einer queeren Latino-Bar in Los Angeles, erzählt, in der Wu Tsang – die in Massachusetts geboren wurde – während ihres Kunststudiums an der University of California selbst Partys organisierte.

Stephanie Rosenthal, die Direktorin des Gropius-Baus, beschreibt Wu Tsang als „sensibel, aber eben auf eine interessante Art und Weise“. Wu Tsang sei nicht unbedingt jemand, der vor einer großen Gruppe das Wort ergreife. Andererseits habe sie aber auch eine sehr strenge Vorstellung davon, was wichtig sei, wenn es zum Beispiel um Fragen von Machtgefüge und Diskriminierung gehe. „Sie ist eher so jemand, die dann im Stillen sehr starke Statements macht“, erzählt Rosenthal.

Schwappen lassen

Mit boychild teilt Wu Tsang auch ihr Leben. In der Ausstellung ist sie zu sehen als eine der Performerinnen in We hold where study (2017) – einer eindrücklichen Zwei-Kanal-Projektion, in der Wu Tsang, wie sie sagt, den Prozess des Bildermachens und Trauerns untersucht. Wir sehen jeweils zwei Körper auf die Kamera und aufeinander reagieren, miteinander ringen. Es fließen schwarze Tränen. Die Kameraführung vermittelt das Gefühl, involviert zu sein. Aber in was? Was passiert, ist inhaltlich nicht zu fassen, dafür bleibt das Geschehen zu abstrakt. Doch die Performer, die Musik, der Schnitt, die sich teils überschneidenden Szenen halten das Energielevel hoch. Lässt man sich darauf ein, ziehen diese Bilder eben doch in ihren Bann. Dass der Film eine Reaktion auf den Essay Leave Our Mikes Alone von Fred Moten und Stefano Harney ist, der Gewalt gegenüber People of Color und queeren Menschen und Formen des Widerstandes thematisiert, lässt dann weitere Interpretationen zu.

Textfragmente sind häufig Bestandteil ihrer Werke. Sie verweisen auf Wu Tsangs intensive Auseinandersetzung mit Theorien von Denkern und Bürgerrechtsaktivisten, auch wenn diese Gedankengebäude beim Anschauen ihrer Werke nicht leicht zu fassen sind. „Es ist auf jeden Fall von Bedeutung, was ich sage, aber ich versuche den Leuten zu vermitteln, dass es nicht um eine einzige Wahrheit geht. Lass’ es wie eine Welle über dich schwappen – und wasnachklingt, klingt nach“, sagt sie.

Ähnlich verhält es sich mit ihrer Skulptur Sustained Glass (2019): sich teils überschreibende Wörter, mit Säure eingeätzt in riesige Buntglasscheiben, die mit den Fenstern im Raum korrelieren und bei Sonneneinfall farbige Schatten werfen. Im Jahr ihrer Residency habe Wu Tsang viel Zeit in den Ausstellungsräumen des Gropius-Baus verbracht und den Lichteinfall studiert, erzählt Stephanie Rosenthal.

Die Wörter sind Fragmente aus dem Essay „Sudden Rise at a Given Tune“ von Fred Moten und Wu Tsang, aus dem auch der Titel der Ausstellung stammt. „They kill him every day and grace is everywhere“, „Sie töten ihn täglich und die Gnade ist überall“, steht da. Wu Tsang sagt, dass sie der Gewalt etwas gegenüberstellen möchten, das ähnlich kraftvoll ist: Schönheit. Ein solcher Transformationsprozess ist in den Werken Wu Tsangs tatsächlich zu spüren und zu sehen.

Info

Wu Tsang: There is no nonviolent way to look at somebody Gropius-Bau, Berlin, bis 12. Januar 2020

06:00 13.10.2019
Geschrieben von

Ausgabe 21/2020

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