Seht die Signale

Ausstellung Isa Genzken hat immer neue Bildsprachen erfunden, um der Gegenwart gerecht zu werden. Modern müssen ihre Werke sein. Und etwas aushalten
Cara Wuchold | Ausgabe 15/2016

Der Anspruch, den Isa Genzken an ihre Kunst stellt, ist immens. Das veranschaulichte schon ihre Faszination für Hi-fi-Anlagen Ende der 70er Jahre: „Jeder hat jetzt so einen Turm zu Hause. Das ist das Neuste, das Modernste, was es zur Zeit gibt. Also muss eine Skulptur mindestens genauso modern sein und das aushalten.“ Seitdem erfindet Genzken immer neue Bildsprachen, um der Gegenwart gerecht zu werden. Kaum jemand ist so empfangsbereit wie die heute 67-Jährige. In den 80ern erstellte sie eine Serie, für die sie die Ohren meist zufällig ausgewählter New Yorker Passantinnen fotografierte, aber auch ihre eigenen. Und sie versah nicht nur ihre Skulptur Mein Gehirn mit einer Antenne, sondern auch ihre ersten Weltempfänger aus Beton.

Es gibt bei Genzken kein Vokabular, das – einmal entziffert – als verlässliche Übersetzungshilfe dienen könnte. Dazu ist ihre Kunst viel zu wandelbar. In den 70ern studierte sie an der Düsseldorfer Kunstakademie Malerei, in der Klasse von Gerhard Richter, mit dem sie später eine Zeit lang verheiratet war. Und doch war sie nie auf ein Kunstgenre festgelegt. Die Bezüge in ihren Werken sind so vielschichtig und häufig auch kryptisch, dass sie rein intellektuell nicht zu erfassen sind. Aber man steht vor ihren Werken und spürt: Diese Kunst hier geht mich etwas an. Isa Genzken arbeitet intuitiv und auf ebensolche Weise erreicht sie uns auch.

Sehnsuchtsbauten

In Berlin, wo Genzken einen Teil ihrer Kindheit verbrachte und seit 20 Jahren wieder lebt, zeigt der Martin-Gropius-Bau nun eine Retrospektive, die vier Jahrzehnte umfasst. Wie stark und wie unterschiedlich Genzkens Werke wirken können, verdeutlicht ein Raum, in dem zwei Werkserien nebeneinander zu sehen sind. Ihre Betonskultpuren sind zwischen 1986 und 1992 entstanden, Genzken hat sie auf Stahlrohrgestellen platziert. Sie erinnern an Fragmente von Gebäuden und attackieren uns mit ihren abweisenden, rohen Fassaden und düsteren Einblicken in raumähnliche Situationen auf Augenhöhe. Sie sind bedrückend, angsteinflößend und wollen doch aus immer neuen Perspektiven ergründet werden. Isa Genzken selbst assoziiert damit nicht zuletzt die Trümmerlandschaften aus ihrer Kindheit. Daneben ist New Buildings for Berlin von 2004 zu sehen, das auf der Documenta 11 ausgestellt wurde. Dreimal nahm Isa Genzken an der Weltausstellung in Kassel teil, 2007 hat sie zudem den deutschen Pavillon in Venedig bespielt. Aus farbigen Industrieglas-Stelen hat sie luftige, in die Höhe ragende Bauten geformt, die viel Platz zum Atmen lassen und für Ideen. Damit setzt sie der neueren, ihrer Meinung nach verfehlten Architekturtristesse von Berlin fiktive Entwürfe entgegen, die tatsächlich Sehnsüchte nach solchen Stadtutopien schüren.

Wenn Isa Genzken in ihrer Kunst auch nicht auf Wiedererkennbarkeit setzt, so ziehen sich doch Themenstränge durch, einer davon ist die Architektur. Sie gilt ihr als Spiegel der Gegenwart und vor allem New York dient ihr als Inspirationsquelle – seit den späten 60er Jahren besucht sie die Stadt einmal pro Jahr, manchmal bleibt sie über Monate. Immer wieder bezieht sich die Künstlerin auf die Hochhausästhetik, die sie, anders als in Berlin, magisch anzieht. Ihre Sozialen Fassaden – zweidimensionale Wandarbeiten aus Folie und Zelluloid – erinnern an die dortigen Gebäude. Sie reflektieren nicht nur die Umgebung, sondern immer auch den, der vor ihnen steht. Wieder vermittelt uns Isa Genzken ein Gefühl von: Hier bin auch ich gemeint.

Ihr Ensemble Ground Zero entstand hingegen 2008 als ernst gemeinter Vorschlag für die Bebauung der klaffenden Lücke in Manhattan. Sie arbeitete mit Ingenieuren, um sicherzugehen, dass sich ihre Skulpturen tatsächlich in Größe der Twin Towers herstellen ließen – Teile davon sind im Gropius-Bau zu sehen. Isa Genzken war zur Zeit des Terroranschlags in New York. Es sind sozial gedachte Räume wie das Hospital inklusive rollendem Beistelltisch und Blumenvase oder der Osama Fashion Store, womit sie das Trauma nicht nur benennt, sondern ihm mithilfe einer Banalisierung vielleicht auch beizukommen versucht.

In Kleidungsstücke, teils aus Genzkens eigener Garderobe, und andere Materialien gehüllte Schaufensterpuppen – oder Röntgenaufnahmen ihres eigenen Schädels – oder die Nofretete in immer neuem Look: In der Werkschau ist auch die vielseitige Auseinandersetzung Isa Genzkens mit der Gattung Porträt und Selbstporträt nachzuvollziehen. In der Serie Jacken und Hemden greift sie die Ästhetik der Berliner Techno-Szene auf. Die Künstlerin hat sie selbst getragen und mit Leuchtfarben, kleinen Applikationen und Fotos individualisiert. Dass „Ich“ nicht nur das Eigene benennt, sondern immer auch konstruiert ist und eine Erwartungshaltung bedient, benennt auch der einem Künstlerbuch von ihr entlehnte Ausstellungstitel Mach Dich hübsch!. Diese Aufforderung ist aus weiblicher Sicht heute eigentlich nur noch als Zumutung zu verstehen. Es sei denn, man besitzt Isa Genzkens Mut und Kraft, sich frei zu halten von äußeren Ansprüchen. In ihrer Kunst gelingt ihr das seit Jahrzehnten wie kaum jemandem sonst.

Info

Isa Genzken: Mach Dich hübsch! Martin-Gropius-Bau Berlin, bis 26. Juni 2016

06:00 27.04.2016
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