Ein Mann seiner Klasse

Herkunft Ganz egal, ob geprügelt und ob das Geld versoffen wurde: Ich wollte immer genau so werden wie mein Vater

Am Sterbebett hielt er ihn an der Hand. Ihn, der vor lauter Schläuchen und Verbänden und Kanülen nicht mehr reden konnte. Also waren die Tränen ihre Sprache. Tränen der Trauer, Tränen der Reue, Tränen der Wut – und Tränen der Erleichterung. Denn in diesem intimen Moment auf der Intensivstation des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern erhielt ein Vater von seinem Sohn das Wertvollste, das ein Vater von seinem Sohn erhalten kann: einen Freispruch in allen Anklagepunkten.

Er sprach den Vater frei von der Schuld an der Armut, in der die Familie leben musste. Er sprach den Vater frei von der Schuld an den seelischen Wunden, die ihm die Gewalt zugefügt hatte. Und er sprach den Vater frei von der Schuld am Krebs, an dem acht Jahre zuvor die Mutter im Alter von 32 Jahren gestorben war. Ohne ein einziges Wort, nur mit einem Händedruck und ein paar Tränen, sagte der Sohn dem Vater: „Ich verstehe dich. Ich verzeihe dir. Ich hab dich lieb.“

Ich hab dich lieb. Das ist so ein Satz, der dem Vater niemals über die Lippen gekommen wäre. Niemals. Mir aber auch nicht. Zumindest nicht ihm gegenüber. Für meinen Vater war das ein Frauensatz. Also war es das auch für mich. Wenn ihn die Zuneigung zu seinen Söhnen übermannte, dann nannte er mich und meinen Bruder „Meine Gutsten“. Den sprachlichen Fehler und den daraus sich ergebenden Witz erkannten wir schon als Achtjährige, und ohne es bewusst zu begreifen, fühlten wir uns mit diesem ironisch gebrochenen Bekenntnis wohler, als wenn er uns „in Frauensprache“ bezärtelt hätte.

Édouard Louis, der in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen ist wie ich, spricht in seinem Buch Wer hat meinen Vater umgebracht seinen noch lebenden alten Mann direkt an: „Ich habe oft das Gefühl, dass ich dich liebe.“ Das ist ein Satz, der auch mein Empfinden mehr als 15 Jahre nach dem Tod des Vaters ziemlich genau kennzeichnet. An anderer Stelle schreibt Louis: „Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest verschwinden.“ Das wiederum ist in meinem Fall genau umgekehrt. Bei mir müsste es heißen: „Meine ganze Kindheit über hoffte ich, du würdest bleiben.“

Mochte er mich auch einmal schwungvoll gegen die Wand geschleudert, mochte er auch manchmal unser letztes Geld in der letzten Spelunke versoffen, mochte er auch mehrmals meine Mutter blutig geprügelt haben, ich wollte immer, dass er bleibt. Aber anders. Anders als an jenem Samstagabend, da meine Mutter wieder mal seine Klamotten rausgestellt und die Tür verriegelt hatte.

Männernacht mit Nintendo

Als er zurückkam, da ahnte sie, was geschehen würde. Mein Bruder war nicht da, meine beiden kleinen Schwestern befanden sich im Tiefschlaf. Also weckte meine Mutter mich und schnappte sich im stockfinsteren Wohnzimmer ihre Lieblingsdecke. Da schlug der Mann des Hauses schon minutenlang von außen auf die Tür ein.

Mitten in der Nacht wickelte meine Mutter sich und mich auf dem Sofa in der Decke ein, und dann drückte sie mich zitternd an sich. Sie drückte mich so fest an sich, dass ich kaum Luft bekam, aber das war mir egal, denn ich spürte die ganze Wärme, die ganze Furcht und die ganze Liebe meiner Mutter. Mittlerweile trampelte der Vater mit den Füßen gegen die Tür, und ich weiß noch heute, was mir in diesem Augenblick sinngemäß durch den Kindskopf ging: Wenn der uns so sieht, wird er mich als Mädchen beschimpfen, als Weichei und als Schwuchtel, und dann wird er wieder in seinen Hiebestaumel verfallen.

Irgendwann hatte er die Tür aufgebrochen. Er würdigte uns keines Blickes und torkelte ins Bett. Meine Schwestern schrien nach ihrer Mutter. Mein Vater blieb. Aber nicht anders. Monatelang schloss die Tür nicht, und jahrelang schloss meine Mutter nicht mit ihrem Mann ab. Sie tat es erst, als es für sie längst zu spät war. In der Gewissheit des nahenden eigenen Todes fand meine Mutter doch noch die Kraft, meinen Vater rauszuschmeißen. Endgültig.

In seinem Brief an den Vater schreibt Franz Kafka: „Es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht.“ Eines Nachts, meine Mutter musste längst schwer krank gewesen sein, da beobachtete ich meinen Vater. Mittlerweile hatten mein Bruder und ich ein Etagenbett. Alle paar Monate tauschten wir die Plätze. Gerade lag ich oben. Von da konnte ich direkt ins Wohnzimmer blicken. Dort fuhrwerkte der Vater am Fernseher herum, er klopfte das staubige Sofa ab, er rülpste sein Gute-Laune-Rülpsen, und dann stand er plötzlich winkend im Türrahmen unseres Kinderzimmers. Damit war klar: Am nächsten Tag würden wir nicht zur Schule gehen. Wir würden ausschlafen. Eine traumschöne Aussicht vor einer traumschönen Nacht.

Bis zum Morgengrauen spielten wir zu dritt Nintendo. Super Mario. Konsole und Spiel hatte unser Vater noch am selben Tag klargemacht. Als Möbelpacker schleppte er für viele in der Pfalz stationierte US-Soldaten die Umzugskisten. Nicht immer, aber immer öfter fand er darin Dinge, die wir uns auch in hundert Jahren nicht hätten leisten können – und ließ sie „mitgehen“, wie er es formulierte. Das sei nicht recht, sagte er, aber es sei gerecht. Als moderner Robin Hood schenkte er uns eine unbeschwerte „Männernacht“ inmitten der lähmenden Angst um unsere Mutter. Ich glaube nicht, dass mein Vater wirklich um die Bedeutung jener Nacht wusste. Es war, als hätte er keine Ahnung von seiner Macht.

Für andere waren wir „die Unterschicht“, „die Asozialen“, „die Dummschüler“. Niemand in unserer Familie war je über den Hauptschulabschluss hinausgekommen. Außer meinem Großvater mütterlicherseits hatte keiner eine Berufsausbildung abgeschlossen. Während die Mitschüler mit ihren Eltern in den Urlaub flogen, einander vor dem Zubettgehen aus Büchern vorlasen und häufig in Restaurants tafelten, gingen wir zur Tafel, hingen den ganzen Sommer im Wohnblock ab, kannten die besten Kinderbücher nur als Filme, und wir aßen Pommes. Noch heute riecht Frittenfett für mich nach Heimat.

Unsere Wohnung war ein Skandal. Ein versiffter Teppich überdeckte den grauen Betonboden, die Fenster waren nur einfach verglast, es gab keine Heizung, an den Wänden gediehen Feuchtigkeitsflecken, die in jedem Raum jenen Schimmel sprießen ließen, der meiner Lunge schweres Asthma bescherte.

Es fiel mir viele Jahre lang schwer, jemand oder etwas anderes für diese Zustände verantwortlich zu machen als meinen Vater. Jeden Morgen stand er um Punkt sechs Uhr unten an der Straße, stieg in den Lkw ein und fuhr zur Arbeit. Er fuhr zur Arbeit, so wie die Väter meiner Schulfreunde auch jeden Morgen zur Arbeit fuhren. Warum konnten wir uns dann aber oft nicht genug Lebensmittel kaufen, weshalb durften wir so selten ins Kino gehen, und wieso waren wir nie, nie, nie verreist? Es ging mir einfach nicht in den Kopf.

Im Gegensatz zu meiner Mutter trug mein Vater das Stigma der Armut mit einem Trotz, den man beinahe mit Würde hätte verwechseln können. Unbewusst bewunderte ich ihn dafür zeit seines Lebens. Ich verehrte seine starken Hände und wollte später einmal mit einer „Männerarbeit“ meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich mochte seine Hautkunst und trug Klebetattoos mit Piratenflaggen und Schmetterlingen auf meinen Oberärmchen.

Ich bestaunte seinen Bizeps und stolzierte wie er mit freiem Oberkörper durch die Gegend. Ich zündete Salzstangen an und zog mit unbeholfenem Schlafzimmerblick daran, als würde ich auf besonders männliche Art eine Zigarette rauchen. Ich trank Milch aus dem Schoppenglas und bezeichnete sie in gespielter Beschwipstheit als „Weißbier“. Ich sah die Filme von Jean-Claude Van Damme und spielte mit meinem Bruder die Kampfszenen nach.

Auf keinen Fall jedoch wollte ich mich prügeln, sosehr der Vater uns auch einschärfte, ein Mann müsse sich dann und wann mit anderen Männern kloppen, das gehöre zum Mannsein dazu. Den fehlenden Drang nach Raufereien begriff ich als Makel. Vor allem, seit ich ein Faible dafür entwickelt hatte, mich als Frau zu verkleiden. Ich erinnere mich, dass mein Vater mich von einer Faschingsparty in der Grundschule abholte. Eigentlich sollte meine Mutter kommen. Wahrscheinlich war wieder was mit dem verdammten Krebs.

Als ich meinen Vater auf dem Schulhof sah, mit meinem Kleidchen und meinem Hütchen und meinem Täschchen, da dachte ich, mein letztes Stündlein habe geschlagen. Hätte ich Heidenkind gewusst, wie man sich bekreuzigt, ich hätte es auf der Stelle getan. Stattdessen grinste mein Vater und fragte: „Verzeihen Sie, schöne junge Dame. Haben Sie zufällig meinen Sohnemann gesehen? Einen kleinen Blonden, der müsste hier irgendwo rumrennen.“ Ich trieb meine Stimme in die Höhe und fragte, ob er diesen kleinen Frechdachs meine, der mir eben unter den Rock gucken wollte. Dann lachten wir uns kaputt. Er nahm meine schweißnasse Hand und spazierte mit mir nach Hause.

Eifersucht, Zorn, Hass

An einem besonderen Tag im Mai 1997, meine Mutter war seit zwei Jahren tot, trafen wir uns nach einiger Zeit wieder – beim Amtsgericht, das über das Sorgerecht urteilen musste. Wir Kinder waren bei einer Tante untergekommen, von der wir nicht wieder wegwollten. Aber meinen Vater wollte ich trotzdem wiederhaben. Nur eben, noch immer, anders.

Da tauchte er auf, händchenhaltend mit seiner neuen Freundin. Eifersucht stieg in mir auf, auch Unverständnis, Missgunst, Zorn, Hass. Er nickte seinen Kindern zu, erkundigte sich nach dem Befinden, wie es in der Schule laufe, ob wir auch brav seien zur Tante. Die Richterin entschied binnen weniger Minuten zu ihren Gunsten, mein Vater ging komplett leer aus. Nach der Verhandlung verabschiedete er sich und verschwand. Ich blieb mit einem Stich im Herzen zurück, der noch heute schmerzt. Er hatte es vergessen. Er hatte mir nicht gratuliert. Er hatte es tatsächlich vergessen. Es war mein zwölfter Geburtstag.

Jahrelang wiederholten sich solche Szenen. Der Kontakt blieb brüchig. Einmal kündigte er an, bei einem meiner Fußballspiele vorbeizuschauen. Die Väter fast aller meiner Teamkameraden unterstützten ihren Nachwuchs jedes Wochenende von der Seitenlinie aus, und an diesem Wochenende sollte endlich auch mein Vater da sein, um mich anzufeuern.

Alle sollten sehen, dass auch ich einen alten Herrn habe, der Großes von mir erwartet, der mich schon im Trikot des FCK durchs Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg wirbeln sieht, der mich für den nächsten Andi Brehme hält. Es wurde das schlechteste Spiel meines Sportlerlebens. Ständig stierte ich nach draußen, immer auf der Suche nach dem Vater, der schon wieder nicht gekommen war. Das muss der Moment gewesen sein, in dem ich beschloss, ihn aus meinem Leben zu löschen.

Der Sohn am Sterbebett war nicht ich, sondern mein Bruder. Wenige Tage zuvor hatten wir erfahren, dass es mit dem Vater zu Ende gehen würde. Multiorganversagen. Mit 43 Jahren. Ich stand mitten in den Abiturprüfungen. Als Erster in der Familie. Diesen letzten Stolz auf seinen Sohn wollte ich ihm nicht gönnen. Heute weiß ich, dass mein Bruder richtig gehandelt hat. Wofür ich den Marxismus kennenlernen musste, das spürte er von ganz allein: Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann, der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seiner Gewaltherkunft und wegen einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war.

Das entschuldigt nichts, aber es erklärt alles. Und es gilt ebenso für mich. Mein Fortbleiben vom Sterbebett gründete in der Weigerung zum Verzeihen und in der Unfähigkeit zu trauern. Beides steht für eine Männlichkeit, von der ich einzig darum loskommen konnte, weil ich zufällig nicht frühzeitig aus dem Bildungssystem eliminiert wurde, so wie es für Menschen wie mich, meinen Bruder und meinen Vater eigentlich vorgesehen ist. Heute, da ich ehrlich zu mir selber sein kann, gestehe ich ein, was schon damals galt und was bis heute gilt: Ich hab ihn lieb.

06:00 11.03.2019
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